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Christoph Chorherr – „Verändert! Über die Lust, Welt zu gestalten“

Offenbar inspiriert von Stéphane Hessels „Empört Euch!“ versucht sich das Grüne Urgestein Christoph Chorherr in seiner ersten politischen Denkschrift. Dabei behandelt er die ganz großen Themen der österreichischen Politik und zeigt u.a. wie eine moderne Schule aber auch eine moderne, direktere Demokratie aussehen könnte.

Im Gegensatz zu der zur Empörung auffordernden Denkschrift von Hessel, zäumt das Buch von Chorherr das Pferd anders auf: Wie der Titel schon verrät, schreibt er von der Lust die Welt zu gestalten. Schwierige Themen, an denen die Politik seit Jahrzehnten scheitert, werden da mit Feel-Good vermittelt, und anhand Chorherrs eigener Biografie und Best-Practice-Beispielen so beschrieben als wäre eine bessere Welt zum Greifen nahe. Hier und da kommen beim Lesen diesbezüglich Zweifel auf, ist es wirklich so einfach die Parlamentarier von ihrem Klubzwang zu befreien? Wird das Schulsystem wirklich so wunderbar, wenn man den Schulen ihre Autonomie gibt?

Chorherr selbst spricht von seiner projektorientierenden Herangehensweise als Manager. Und man hat wirklich den Eindruck, der Autor glaubt manchmal an die unsichtbare Hand die alles regelt in der Welt. Wenn man die Menschen nur selbst lasse, wird die direkte Demokratie alles zum Besseren verändern. Ganz so einfach wird es nicht sein, aber das ist egal. Denn Christoph Chorherr liefert einen erfrischenden Einblick in sein Leben und seine Art Politik zu begreifen. Er selbst offenbart sich als Best-Practice Beispiel eines Kommunalpolitikers mit Leib und Seele. „Verändert! Über die Lust, Welt zu gestalten“ kann als Anleitung verstanden werden wie Politik funktionieren kann und macht Lust auf Politik. Unweigerlich ertappt man sich beim Lesen, wie man überlegt welches Thema man in seinem Umfeld aufgreifen möchte, welches Problem man mit einer handvoll Freund_innen anpacken will, und sei es nur darum es zu versuchen. Darin besteht vermutlich der große Wurf der Denkschrift.

Die große Koalition trägt das ihre zum Unmut gegenüber der Politik und der Demokratie im Allgemeinen bei. An Visionen denkt man höchstens wenn irgendwo der Name Bruno Kreisky fällt. Der aktuellen Regierung mangelt es an herausragenden Politiker_innen und an mutigen Ideen. Chorherr bringt es auf den Punkt: „Was uns fehlt sind Persönlichkeiten die sich trauen, Neues zu denken.“ Er belässt es aber nicht bei der ernüchternden Feststellung, die, wie die Wahlbeteiligung zeigt, viele Menschen in Österreich teilen, sondern traut sich Neues zu denken.

Chorherr entwirft ein Modell einer neuen Schule, die sich selbst befreit und sich in die Pflicht nimmt, wenn es darum geht, junge Menschen auf die Welt vorzubereiten und ihnen, statt Frontalunterricht vorzusetzen, die Fähigkeit zu Lernen gibt. Lehrer_innen als Begleiter_innen, statt Autoritätsfiguren, die ihren Frust über ihren Job nicht verbergen können. Auch der parlamentarischen Demokratie stellt er nicht nur ein schlechtes Zeugnis aus sondern skizziert ein Modell der direkten Demokratie die das Parlament „wachküssen“ soll. Chorherr setzt hier auf eine echte Vorzugstimmenwahl, in der das Volk entscheidet wer im Parlament sitzt und den direkt gewählten Abgeordneten die Macht gibt zu entscheiden, was in diesem Land Gesetz ist und nicht einer Handvoll Minister_innen und dem Klubzwang.

Die Ideen sind zum Teil nicht neu, aber sie werden von einem aktiven Politiker laut gedacht und nicht in stillen Parteikämmerchen diskutiert. Chorherr lädt ein zum Mitdenken und zum Diskutieren. Er hat keine Angst davor zu Scheitern, sondern nur Angst vor dem Stillstand, darin unterscheidet sich Chorherr von vielen anderen „Parteisoldat_innen“. Er unterscheidet sich auch dadurch, dass er den Menschen mehr zu traut. Chorherr geht vom mündigen Menschen aus, der die Fähigkeit besitzt zu verstehen, abzuwägen und vor allem zu entscheiden. Deswegen fordert er zurecht ein Wahlmodell, das den Wähler_innen auch tatsächlich die Macht gibt zu Entscheiden nicht nur welche Partei regiert sondern auch welche Personen befähigt werden Entscheidungen zu treffen.

Für „Verändert! Über die Lust, Welt zu gestalten“ kann es nur eine absolute Leseempfehlung geben und man hofft, dass andere Politiker_innen es Christoph Chorherr gleich tun und laut über Neues nachdenken.

Wer das Buch noch nicht hat, bekommt jetzt die Chance dazu, denn wir verlosen zwei signierte Exemplare!

Wir wollen von euch wissen wie Wähler_innen besser in die Entscheidungen der Politik eingebunden und mitsprechen können. Postet eure Vorschläge als Kommentar zu diesem Artikel. Die Verlosung läuft bis 1. November! Die Gewinner_innen werden per Mail verständigt, deswegen bitte eine echte E-Mailadresse beim Kommentieren angeben (Die Mailadressen werden nicht veröffentlicht).

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Comments (6)

  1. agatha26. Oktober 2011 Antworten
    zuerst mal muss das wahlrecht in österreich verändert werden. das deutsche modell des personalisierten verhältniswahlrechts wäre ein beispiel, bei dem der wähler zumindest einfluss auf die personelle zusammensetzung des bundestages hat und damit direkter entscheiden kann, von wem er vertreten wird. außerdem gibts zu wenig volksbefragungen.
  2. wolkentaucher27. Oktober 2011 Antworten
    naja, direkte personenwahl klingt schön und gut, aber dann werden zum schluß nur die blender mit dem größten werbeetat,gewählt, die sich gut verkaufen können, und unauffälligere, aber korrekte persönlichkeiten gehen unter. bevor sowas eingeführt wird, sollte die parteienfinanzierung in österreich transparenter werden. Es sollte vollkommen offengelegt werden, wer welche Parte in welchem Ausmaß finanziert, und wo welcher Abgeordneter Nebeneinkünfte bezieht, sonst weiß man ja nicht, welche interessen die volksvertreter in wirklichlichkeit vertreten. wenn das nicht mehr so verdeckt ablaufen kann, dann ist echt ein erster schritt zu mehr Wählermitsprache getan.
  3. Stefan F.28. Oktober 2011 Antworten
    1) Reform des Wahlsystems:
    * Einführung des romanischen Mehrheitswahlrechts. Am Beispiel Frankreich: Im ersten Wahlgang ist eine absolute Mehrheit notwendig, falls diese nicht eintritt, gibt es einen zweiten Wahlgang, an dem alle KandidatInnen mit mehr als 12.5% der Stimmen im ersten Wahlgang teilnehmen können und eine relative Mehrheit ausreicht.
    * Die hierfür notwendige Aufteilung Österreichs in Wahlkreise führt zu größerer Nähe zu Politik (Personenwahl), das Wahlkampfbudget muss allerdings einen cap erhalten, um outspending zu verhindern.
    * Am Rande: Abschaffung des Klubzwangs. 2) Reform der Politischen Bildung:
    * Einführung von Politischer Bildung als Fach in der Sekundarstufe II und
    * Einführung eines Parcours (analog zur ENA in Frankreich), die alle Beamten in politischen Kabinetten zu durchlaufen haben, um Postenbesetzung mit hörigen Idioten ohne Uniabschluss in den Ministerien zu verhindern. Führt zu mehr Transparenz in der Politik und ersten Ansätzen einer Meritokratie.
    * Liveübertragung aller Parlamentsdebatten auf ORF1 zur Primetime (Bildungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders!) 3) Parteienfinanzierung:
    * Österreichs hat eine der teuersten Demokratien der Welt und gleichzeitig eines der intransparentesten Parteienfinanzierungssysteme. Daher letzteres an die Empfehlungen der OECD angleichen und die Parteienfinanzierung massiv (z.B. an das Budgetdefizit gekoppelt) kürzen.
  4. Lukas L30. Oktober 2011 Antworten
    1.) Abschaffung der Sozialpartnerschaft
    Dies würde den Spiel- und Gestaltungsraum für die Regierung und Parlament erhöhen 2.) Einer Wahlkreise wie in Großbritannien
    Die Abgeordneten sollen regional gewählt werden, nach Mehrheitswahlrecht, dies würde ermöglichen dass die Abgeordneten unabhängiger von Parteiinteressen operieren könnten 3.) Offenlegung von Parteifinanzierung
    Man muss sich als Wähler informieren können, wie Parteien an ihr Geld kommen 4.) Öffentlichkeitsrecht statt Amtsgeheimnis 5.) Verbindliche Volksentscheidungen ermöglichen
  5. M. Universaldilettant30. Oktober 2011 Antworten
    Was persönlich möglich ist:
    (1)Engagement in politischen, karitativen, gemeinnützigen oder gewerkschaftlichen Organisationen
    (2)kritische Weiterbildung im Internet: Nicht nur eigene Seiten lesen, die die eigene Meinung bestärken, sondern auch Seiten lesen, wo Meinungen stehen, mit denen man nicht übereinstimmt; Nutze die Macht des Internets
    (3)Schreiben, Schreiben, Schreiben. Aber auch zuhören, zuhören, zuhören und mit Menschen über Politik diskutieren.
    (4) Kronen Zeitung, Ö3 und ORF boykottieren, da alle drei Quasi-Monopole sind. Was die Politik ändern kann:
    (1) kein raus reden auf nationale Probleme, wenn sie international sind
    (2)Parteifinanzen, aber auch Finanzen von allen Vereinen, Stiftungen und Firmen offenlegen. Überlegenswert wäre ob auch Privateinkommen und Vermögen offen gelegt werden.
    (3) Politiker_innen müssen sich eingestehen dürfen, dass sie jetzt nicht 100% die Lösung für ein Problem wissen. Akzeptanz, dass dies auch nur Mwnschen mit begrenzten Problemlösungskompetenzen sind.
    (4) Strukturreformen dort umsetzen, auch wenn sie einen Verlust für die Parteiinteressen darstellen: Gemeindezusammenlegungen, Föderalismus- und Strukturreform
    (5) Eingliederung der Asfinag, ÖIAG, BIG sowie alle teilstaatlichen Betriebe als entweder staatliche Betriebe oder total privatisieren(wobei ich persönlich für mehr Staatsbetriebe bin). Kein Graubereich zwischen Wirtschaft und Staat.
    (6) Stärkung der Kompetenzen des Rechnungshofes
    (7) bi- und multilaterale Lösungen innerhalb EU, UNO etc. forcieren, bei gleichzeitiger Forderung von: one wo_man, one vote. Dabei muss stärker auf Organisationen wert gelegt werden, wo dieses Prinzip eher realisiert ist: d.h. WTO und IWF sind als Organisationen in dieser Form ganz abzulehnen…
  6. Fuchsy2. November 2011 Antworten
    eh viel zu spät dran um noch zu gewinnen, aber ich muss auch da meinen senf abgeben. ja, ihre habt ja eh auch recht mit euren schönen 5-punkte-plänen, mehr transprenz eh kloar und bissi hübsches open-government, schadet nie. die drängenste herausforderung ist aber eine andere: es geht darum, die menschen wieder für die politik zurückzugewinnen. den schön langsam kommt die demokratie in bedrängnis, der frust wächst und damit die bereitschaft zu verständis und kooperation. wenn die stimmung kippt – und die tendenz ist leider da – dann ist es nicht weit zu jenen rufen, die einen starken mann (vielleicht kommt auch mal eine starke frau) wollen, der ordentlich „aufräumt“. diese gefahr sehe ich als größte und leider reale. ob die öbb sich mit jemand anderen die schienen teilt, ist mir da wurscht.

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