Neonliberal.at

Neonliberal.at

Der Komet kommt. Vom Aussterben der Zeitungen

Weltuntergangsszenarien gibt es für 2012 zur Genüge. Viel wahrscheinlicher als das Ende der Welt wird im Jahre 2012 jedoch das Ende von einigen gedruckten Tageszeitungen sein.
Zeitungen - vom Aussterben bedroht?
Tapfer hielten sie bislang dagegen: Die Umsatz- und Auflagenrückgänge der Tageszeitungen versuchte man in den letzten Jahren noch durch Sparmaßnahmen oder Konsolidierungsstrategien zu übertünchen. Langsam, aber sicher, dämmert es jedoch den Medienhäusern, dass sie auf Dauer gegen die Entwicklung wohl auf verlorenem Posten stehen.

Bestätigung erhält diese Vermutung durch die vor kurzem veröffentlichten Auflagenzahlen der IVW („Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern“) in Deutschland.
Entwicklung Tageszeitungen
Die Statistik zeigt, dass der Abwärtstrend zunehmend an Fahrt gewinnt. In Österreich schaut der Prozess noch etwas verhaltener aus, dass hierzulande die Entwicklung früher oder später nicht durchschlägt, darf jedoch nicht angenommen werden.

Contentcenter und Warenhäuser

Unter diesen erschwerten ökonomischen Bedingungen gerät auch die journalistische Arbeit Zunehmens unter Druck, angesetzt wird der Rotstift als erstes bei zeitaufwendiger Recherche und Themenvielfalt abseits des Nachrichtenmainstreams. Als zweiter Schritt versuchen Medienhäuser vermehrt durch den Aufbau von „Contentcentern“ die klassischen Redaktionen überhaupt abzulösen und die Erstellung von Texten zu zentralisieren.

Neben der Zusammenlegung von Redaktionen wird auch mehr denn je auf „Copy&Paste“-Journalismus gesetzt. Lieferanten der Inhalte sind hier Presseagenturen, deren Texte sich gleichlautend in vielen Tageszeitungen finden lassen. Das diese Text unverändert übernommen und nur in den seltensten Fällen einer journalistischen Qualitätskontrolle unterzogen werden, zeigen Blicke in Medien-Watch-Blogs wie Bildblog oder Kobuk, die regelmäßig über so weiterverbreitete Fehler in Agenturmeldungen berichten.

Um einen weiteren Groschen einzunehmen, probieren Verlage ihre LeserInnenbildung und AbonenntInnen-Datenbanken für Zusatzverkäufe auszunützen. Angespornt vom Erfolg der „Süddeutschen Bibliothek“ hat beispielsweise der Süddeutsche Verlag sein Angebotsportfolio auf Musik, Filme, Kinderbücher und nun sogar Weine ausgeweitet.

Nichts ist so alt wie die Agenturmeldung von gestern

Das vor allem Tageszeitungen vom starken Auflagenrückgang betroffen sind, ist ihrem natürlichem Lebensraum – der Verbreitung von Neuigkeiten, geschuldet. Gegenüber der Aktualität von Online-Portalen können sie schon prinzipbedingt nicht mithalten und Internet-UserInnen für journalistische Inhalte Geld abzuknöpfen ist größtenteils kläglich gescheitert. Das Online-Journalismus eher auf Quantität, denn Qualität setzt, stört die LeserInnenschaft nicht weiter – haben Printzeitungen durch den angesprochenen Agenturjournalismus dieses Prinzip doch schon in die gedruckte Zeitung getragen.

Online – richtig gemacht – kann aber nicht nur das Problem, sondern auch die Lösung sein. Während Anzeigenumsätze im Print nach unten purzeln, nehmen sie im Online-Bereich stetig zu. Das Nachrichtenportale auch richtig Geld abwerfen können, zeigen Beispiele von derstandard.at (dessen Gesellschaft mittlerweile die „Mutter“, den Print-Standard, übernommen hat) und Spiegel.de (dessen erfolgreicher Chefredakteur wurde mittlerweile in die Chefredaktion des gedruckten Spiegels befördert).

Im Online-Segment fallen den großen Nachrichtenportalen aber nur Brotkrümmel zu, vergleicht man sie mit Big-Playern wie Google oder Facebook. Diese können ihren AnzeigekundInnen nicht nur schnelle und günstige Werbeformen liefern, durch die Verknüpfung mit persönlichen UserInnen-Daten ist ihre Werbeplattform auch viel zielgruppengerichteter.

Was übrigbleibt

Treffen wird der kommende Kahlschlag als erstes die mittelgroße Zeitungen. Sie können weder die Qualität liefern, die sie für anspruchsvolle (und damit zahlende) KonsumentInnen interessant macht, noch ist ihnen der Weg in den „Billigjournalismus“ möglich. Regionale Zeitungen tun sich mir ihrer traditionellen – und überalterten – LeserInnenschaft vermutlich noch länger etwas leichter, allerdings wird mit dem Wegsterben ihrer AbonnentInnen auch für sie die Luft zu dünn.

All dies ist MedienmanagerInnen schon bewusst. Und sie agieren ähnlich unkreativ und dumm wie der schon länger dahinsiechende Dinosaurier Musikindustrie.

Übrigbleiben dürften den Konsolidierungsprozess im Zeitungsmarkt nur mehr zwei, drei große überregionale Zeitungen, deren journalistische Qualität als „Premiumprodukt“ auf Papier geschätzt wird. Nach unten werden einige (Gratis)-Zeitungen das Bild abrunden, die mit minimaler Kostenstruktur und Billigjournalismus gegen Onlineportale mithalten können.

Oder, um das Medienblog IndiskretionEhrensache.de zu zitieren:

“ Wer heute Journalist unter 50 ist und hofft, bis zur Rente bei einer Tageszeitung arbeiten zu können – dem sei hiermit viel Glück gewünscht. Er wird es brauchen.“

Foto: estevenson

Fuchsy

Studiert Umweltsystemwissenschaften (USW), Europäische Ethnologie und arbeitet als Webdeveloper in Graz. ÖH-aktiv in der Studienvertretung USW und Fakultätsvertretung URBI, sowie in den Unabhängigen Fachschaftslisten (www.fachschaftslisten.net). Mag: Bücher, Blogs und Betatests. Mag nicht: Rätsel, Regen und Rollenspiele.

Add a comment

Comments (1)

  1. LukasW25. Januar 2011 Antworten
    Genau diese Erfahrung hab auch ich in den letzten Monaten gemacht, nämlich dass Printmedien einsparen wo es nur geht, Journalisten bezeichnen sich selbst als „Schreibvieh“, Mitarbeit auf selbstständiger Basis als „freier Mitarbeiter“ ist das höchste der Gefühle etc. … Die goldene Zeit der Printmedien ist wohl schon länger vorüber.

Add a comment

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.

Finde uns auf Facebook