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Die Welt vor ACTA retten

Die letzten Monate waren bestimmt vom „Kampf“ gegen ACTA – das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (dt. Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen).

Manche Kommentator_innen sprachen von einer alles andere als politikverdrossenen Jugend, als Tausende in ganz Europa auf die Straße gingen, um für die Freiheit des Internets zu protestieren. Plötzlich interessierten sich vor allem junge Menschen für Internationale Gesetzgebung, Netzpolitik war in aller Munde. Dabei ist der das Internet behandelnde Teil nicht jener, der Ausschlag für ACTA gab. Es waren angeblich vor allem die Lobbies für Saatgut und Pharmaprodukte, die auf ein Abkommen gegen Produktpiraterie drängten, welches lästige Nachahmer_innen wie Generika-Firmen ausschalten sollte.

Aber es geht bei ACTA nicht um „das Internet“. Nicht nur. Trotzdem will ich mich auf diesen Part konzentrieren. Hier geht es vor allem eine Diskussion, die wir schon vor Jahrzehnten hätten führen müssen: die leidige Frage des Urheberrechts und der Finanzierung und Förderung von Kunst. Das Anti-Piraterie-Abkommen soll geistiges Eigentum schützen. Künstler_innen wie Sven Regener sehen das ein. Die von ihnen heraufbeschworene Kluft zwischen der „Kostenloskultur“ im Internet und Künstler_innen besteht so jedoch nicht. Ich möchte eine These in den Raum stellen: das Problem ist die Vertriebsindustrie.

Ich sehe nicht ein, warum ich € 20 für eine Doppel-CD zahlen soll, wenn davon fast nichts bei der Band ankommt. Dieser Vertriebsweg ist der berühmte Holzweg. Das Internet ist nicht der Feind, die Fans, die sich Platten einfach via Torrent runterziehen, auch nicht. Gunnar Sohn hat recht, wenn er folgendes schreibt:

Sich hinter den Mauern der Verwertungsseilschaften zu verschanzen und Giftpfeile gegen die „parasitären“ User des Netzes sowie gegen den bösen Google-Konzern mit seinem Goldesel YouTube abzufeuern, ist ein durchsichtiges Manöver. Die alte und bequeme Renditemaschine funktioniert eben nicht mehr wie früher.

Wir müssen den Fakten in die Augen sehen: in Zeiten des direkten digitalen Vertriebs ist es nicht mehr zeitgemäß, ein veraltetes Urheberrecht einzuzementieren, mit Hilfe dessen vor allem Konzerne am Vertrieb von Kunst profitieren. Die im Internet gratis verfügbare Doku „Everything is a remix“ und Bücher wie [amazon_link id=“3518126210″ target=“_blank“ container=““ container_class=““ ]“Mashup“ von Dirk von Gehlen[/amazon_link] (Amazon Partnerlink) zeigen völlig zu recht auf, dass Kunst vor allem auf Wiederverwartung und Weiterentwicklung besteht.

Außerdem, und dafür wird immer wieder gerne Paulo Coelho als Beispiel zitiert: wer die eigenen Werke zur Voransicht im Internet bereitstellt, kann nicht besser für sich werben. Wenn ich ein Album auf Spotify höre und es gefällt mir, bin ich viel bereiter es zu kaufen, als wenn ich eine Single davon gehört habe oder mich auf wage 30-Sekunden-Clips von Amazon verlassen muss. „Reinschnuppern in die Kunst“, quasi.

Ein zementiertes Urheberrecht würde nicht nur den digitalen Zugang zu Kunst erschweren, sondern es blockiert auch die weitere Produktion von neuen Werken. Wir müssen allerdings auch darüber nachdenken, wie wir in Zukunft Kunst fördern wollen. Denn eines darf, bei aller Autonomisierung des Vertriebs, nicht vergessen werden: Kunst ist etwas wert. Manchmal wird dieser Wert erst später erkannt. Aber Künstler_innen dürfen nicht dem radikalen Spiel des freien Marktes überlassen werden.

Mehr zum Thema:  Digitale Gesellschaft „ACTA stoppen“

Foto: lambda’s

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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Comments (2)

  1. Fuchsy1. April 2012 Antworten
    Glückwunsch zum Text, sehr gut aufgearbeitet. Noch zwei Anmerkungen von mir: * digitalegestellschaft.de (DigiGes) hat eine Broschüre ausgearbeitet, die sich detailiert und unpolemisch mit dem Internet-Kapitel in ACTA auseinandersetzt: http://digitalegesellschaft.de/2012/03/broschure-was-will-das-internet-kapitel-im-acta-abkommen/ DigiGes hat auch eine interessante broschüre, die die funktionsweise des internets anfängerInnenfreundlich beschreibt – den oft fehlt bei politikerInnen (aber auch bei künstlerInnen) schlicht das wissen, „wie das netz den funktioniert“. heraus kommen dann zweifelhafte gesetze. * innovative künstlerInnen gehen jetzt schon den weg um die verwertungsgesellschaften herum. hervorzuheben seien etwa „einstürzende neubauten“, die schon seit jahren nur mittels fan-support und ohne plattenfirmen ihre werke produzieren. am opencampgraz war auch ein berliner künstler zu via stream zu gast, der den schritt weg von der GEMA tat – ihm war es mit dem papierkram und der geringen entlohnung zu viel. die subvention von plattenfirmen (die „cashcows“ finanzieren die neuen und jungen künstlerInnen) ist jetzt schon kaum noch gegeben. in zukunft wird kreativität und selbstvermarktung noch mehr gefragt sein – ich sehe das weniger als „radikales spiel des freien marktes“, sondern eher als ureigenste domäne des kreativen bereichs: ohne beschränkungen neue grenzen ausloten.
  2. Fuchsy1. April 2012 Antworten
    mäh, die kommentarfunktion kann keine zeilenumbrüche. obiger kommentar schaut daher unlesbar aus.

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