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Kreisky-Androsch: Der Höhenflieger

Bruno Kreisky Schwerpunkt

Licht und Schatten

Über den Kreisky-Androsch-Konflikt

von Stefan Bachleitner

Teil 1: Dimensionen einer Tragödie
Teil 2: Der Höhenflieger

Hannes Androsch stammt aus einem traditionell sozialdemokratischen Milieu. Sein Vater führte seit den frühen 40er-Jahren eine Kanzlei als Helfer in „Buchführungs- und Steuersachen“, in dem auch die Mutter mitarbeitete. Beide Eltern waren engagierte Sozialdemokraten.
Hannes Androsch (cc) Michael Thurm
Androsch wurde 1938 geboren, wuchs im Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf auf und trat bereits als 14jähriger Gymnasiast dem Verband Sozialistischer Mittelschüler – der damaligen Schülerorganisation der Sozialdemokratie – bei. Schon 1953 wurde er zum Vorsitzenden des VSM in seinem Heimatbezirk gewählt. Nach der Matura 1956 studierte er Betriebswirtschaft an der Hochschule für Welthandel (der heutigen Wirtschaftsuniversität). 1959 schloss er dieses Studium als Diplomkaufmann ab, zehn Jahre danach sollte er promovieren.

Mit 22 wurde er Obmann der sozialistischen Studenten Wiens, zwei Jahre später wurde er zum Bundesobmann des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs (VSStÖ) gewählt. Am 18. April 1963, seinem 25. Geburtstag, trat Androsch seinen Posten als Sekretär des SPÖ-Parlamentsklubs für wirtschaftspolitische Fragen an, ein attraktives Jobangebot bei der Daimler-Benz AG in Stuttgart ausschlagend. Ein Jahr danach wurde er Mitglied des Bezirksparteivorstands der SPÖ Floridsdorf, dem Heimatbezirk des damaligen Wiener Bürgermeisters und späteren Bundespräsidenten Franz Jonas. In diesem Jahr heiratete er auch seine Frau Brigitte, eine Großnichte von Adolf Schärf, der Bundesparteivorsitzender der SPÖ gewesen war, bis er 1957 – darüber später noch mehr – in das Amt des Bundespräsidenten „weggelobt“ wurde.

Nach dem Tod seines Vaters übernahm er 1965 im „Witwen- und Deszentenfortbetrieb“ dessen Kanzlei, im Jahr darauf wurde er als beeideter Wirtschafts- und Steuerprüfer zugelassen. Am 23. Oktober 1967 zog Androsch als damals jüngster Abgeordneter in den österreichischen Nationalrat ein. Nach dem SPÖ-Wahlsieg im März 1970 wurde der ausgewiesene Steuerexperte am 21. April – drei Tage nach seinem 32. Geburtstag – zum damals jüngsten Finanzminister der Republik bestellt.

Der brilliante Netzwerker Androsch stammte also aus dem Herzen des sozialdemokratischen Establishments, was maßgeblich zu seinem selbstbewussten Auftreten gegenüber Kreisky beigetragen haben dürfte. „In der Partei-Elite […] dominierten die Androsch-Freunde, nicht die Parteigänger Kreiskys“ bringt Christian Dickinger in seinem Buch über den Kreisky-Androsch-Konflikt die Verhältnisse hinter den Kulissen auf den Punkt.

Kreisky hingegen, der aufgrund des Zweiten Weltkriegs erst relativ spät in die erste Reihe der Politik aufgerückt war, gehörte – nicht zuletzt aufgrund seiner jüdischen Wurzeln und seines großbürgerlichen Hintergrunds – nie dem „roten Parteiadel“ an und hatte trotz seiner tiefen, sowohl ideologischen als auch emotionalen Bindung an die sozialdemokratische Bewegung immer ein unterschwelliges Misstrauen gegenüber diesen Spitzengenossen. Aus diesem Grund fiel es ihm wohl auch schwerer als man aus heutiger Sicht vermuten würde, loyale Allianzpartner oder gar echte Freunde in den eigenen Reihen zu finden.

Androsch war – auch wenn dieses Kompliment aus heutiger Sicht durchaus zweischneidig sein mag – ein bemerkenswert moderner Politiker. Kreisky wird zwar zugeschrieben, der erste Kanzler gewesen zu sein, der es verstand, die Medienklaviatur zu bedienen, doch der gut aussehende und trotz seiner jungen Jahre erstaunlich selbstbewusste Androsch war der Liebling der Medien. Maßgeblich unterstützt von seinem Öffentlichkeitsarbeiter Josef „Beppo“ Mauhart bediente er Ebenen der politischen Inszenierung, die Karl-Heinz Grasser Jahrzehnte später nur zu kopieren brauchte, um als Prototyp eines dynamischen Machers zum Wunsch-Schwiegersohn der Nation zu werden. Androsch präsentierte sich als unideologischer Pragmatiker, wofür er auch seitens des Boulevards und der bürgerlichen Presse Beifall erntete und damit den Weg zu einer persönlichen Vermarktung ebnete, die für damalige Verhältnisse einzigartig war.

Die wachsende Popularität Androschs – dem in Meinungsumfragen bald höhere Beliebtheitswerte als dem Kanzler bescheinigt wurden – dürfte einer der Infektionsherde gewesen sein, an dem sich das Verhältnis zwischen Kreisky und ihm entzündete. Doch der Weg zum verbitterten Machtkampf sollte viele Stationen haben. Einige davon sollen im 3. Teil nachgezeichnet werden.

Teil 3: Chronologie eines Zerwürfnisses

Foto: Michael Thurm

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Comments (3)

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