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Kreisky-Androsch: Dimensionen einer Tragödie

Bruno Kreisky Schwerpunkt

Licht und Schatten

Über den Kreisky-Androsch-Konflikt

von Stefan Bachleitner

Teil 1: Dimensionen einer Tragödie

In das Jahr 2011 fällt nicht nur der 100. Geburtstag von Bruno Kreisky. Am 20. Jänner wird es genau 30 Jahre her sein, dass sein – über lange Zeit als logischer Nachfolger gehandelte – Finanzminister Hannes Androsch aus dem Kabinett Kreisky ausschied. Diesem Abgang waren mehrere Jahre vorausgegangen, in denen die Kontroversen zwischen den beiden immer vehementer – und vor allem auch immer öffentlicher – ausgetragen wurden.

Sechs Bundeskanzler später stehen – mit Ausnahme von Bundespräsident Heinz Fischer – keine aktiven Politiker dieser Zeit mehr in der ersten Reihe der österreichischen Politik. Es ist also genug Zeit verstrichen, um zu überprüfen, welche Lehren noch heute aus einer der heftigsten innerparteilichen Auseinandersetzungen der österreichischen Nachkriegsgeschichte gezogen werden können. Der Kreisky-Androsch-Konflikt ist in der Tat ein Lehrstück. Dafür, wie grausam das politische Geschäft manchmal sein kann und dafür, wie viel Einfluss der „menschliche Faktor“ – die charakterlichen und psychischen Eigenheiten politischer Persönlichkeiten – auf den Lauf der Geschichte haben kann.

Menschen meines Jahrgangs haben die Auseinandersetzung zwischen Bruno Kreisky und Hannes Androsch nicht bewusst miterlebt. Ich wurde im Juni 1974 geboren, Rudolf Kirschläger warb gerade für seine erste Wahl zum Bundespräsidenten. Als Androsch die Bundesregierung verließ, war ich noch nicht einmal sieben Jahre alt.

Eine frühe politische Erinnerung von mir ist eine Karikatur, die 1983 nach dem Abgang Kreiskys in der Kronen Zeitung veröffentlich wurde. Sie vergleicht sein Erbe mit jenem Schwert, das Artus aus dem Amboss ziehen musste, um König zu werden. Im Dunkeln nähert sich eine Gestalt, der es tatsächlich gelingt, dieses Kunststück zu vollbringen. Plötzlich geht das Licht an und das riesige Schwert wird von einem kleinen Männchen mit gequältem Blick in die Höhe gehalten: Fred Sinowatz. Diese drei bissigen Bildchen zeigten gnadenlos, wie übermächtig die Figur Kreisky gesehen wurde und welche Lücke der Abgang seines Finanzministers hinterlassen hat.

Es ist auffällig, wie oft derart archaische und klassische Urbilder herangezogen werden, um die Dimension der Auseinandersetzung zwischen Kreisky und Androsch zu erfassen. Androschs enger Weggefährte Beppo Mauhart bezeichnete den Konflikt einmal als „griechische Tragödie, deren Fortgang man genau vorhersieht, ohne in ihren Verlauf eingreifen zu können“ . Er war mit dieser Einschätzung nicht alleine: „Mir kommt diese Geschichte vor wie eine griechische Tragödie. Ohne dass man recht begreifen konnte, wie, ist letztlich jeder der Akteure schuldlos schuldig geworden.“ gab Kreiskys Nachfolger Fred Sinowatz einst gegenüber einem Journalisten zu Protokoll.

Kein Wunder also, dass eines der seltenen Bücher über diese Kontroverse zwischen dem „Sonnenkönig“ Kreisky und seinem „Kronprinzen“ Androsch den schwergewichtigen Titel „Chronos und Ödipus – Der Kreisky-Androsch-Konflikt“ trägt. Barbara Liegl und Anton Pelinka arbeiteten in diesem 2004 im Braumüller Verlag erschienenen Werk die Geschichte dieses Zerwürfnisses erstmals umfassend und aus politikwissenschaftlicher Perspektive auf. Äußerst lesenswert ist auch die vom Gmundener Vize-Bürgermeister Christian Dickinger verfasste Abhandlung, die 2010 unter dem schlichten Titel „Der Kreisy-Androsch-Konflikt – Eine Annäherung“ im Südwestdeutschen Verlag für Hochschulschriften erschienen ist. Beide Bücher seien allen jenen ans Herz gelegt, die sich eingehender mit der Materie beschäftigen möchten – sie bilden auch die Grundlage der nachfolgenden Ausführungen.

Als Ausgangspunkt für meine Betrachtungen habe ich allerdings Bundespräsident Heinz Fischer – der den Konflikt damals aus allernächster Nähe miterlebt hat – gebeten, den erbitterten Kampf zwischen Kreisky und Androsch aus heutiger Sicht zu bewerten. Seine Stellungnahme sei hier vollständig wiedergeben:

„Wenn man sich das unglaublich enge und vertrauensvolle Verhältnis zwischen Bruno Kreisky und dem um 27 Jahre jüngeren Hannes Androsch in der ersten Hälfte der 70er Jahre in Erinnerung ruft, dann ist die Verwandlung und die Wende in dieser Beziehung ins pure Gegenteil kaum erklärbar. Auch alle Publikationen und Äußerungen rund um den bevorstehenden 100. Geburtstag von Bruno Kreisky werden daran nichts ändern und keine vollständige Klarheit bringen.

Ein von Conrad Ferdinand Meyer stammendes und von Bruno Kreisky – vor allem in Reden oder Gesprächen über Verstorbene – oft verwendetes Zitat lautet: „Er ist kein ausgeklügelt Buch, er ist ein Mensch in seinem Widerspruch.“ Das galt und gilt auch für Bruno Kreisky selbst.

Seine sich bis zur Feindseligkeit steigernde Entfremdung gegenüber Hannes Androsch ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre hatte sicher einige handfeste und reale politische Ursachen. Wesentlich gestärkt wurde diese Entwicklung durch verschiedene psychologische Aspekte und durch das Gefühl persönlicher Enttäuschung. Keine unbedeutende Rolle spielten auch Zuträgereien auf beiden Seiten, die aus Mücken Elefanten machten und in einer solchen Situation nur allzu leicht Gehör fanden. Aus all diesen – und weiteren – Elementen entstand ein antagonistisches Amalgam, eine unlösbare Situation, die man nur als tragisch bezeichnen kann. Und niemand weiß, wie sich die achtziger Jahre in Österreich entwickelt hätten, wenn es diesen Konflikt nicht gegeben hätte.“

Das Verhältnis zwischen Kreisky und Androsch war anfangs tatsächlich so eng und vertrauensvoll, wie Fischer es beschreibt, obwohl – oder vielleicht auch weil – beide eine höchst unterschiedliche Generation von Politikern verkörperten. Da die Biografie des 1911 geborenen Kreiskys in diesem Jahr wohl vielerorts nachzulesen sein wird, möchte ich mich im 2. Teil darauf beschränken, den Werdegang Androschs zu skizzieren. Es ist die Geschichte eines rasanten Aufstiegs.

Teil 2: Der Höhenflieger
Teil 3: Chronologie eines Zerwürfnisses

Foto: Spanaut

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Comments (2)

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