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La Dispute – Wildlife

‚Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‘ war erst der Anfang: La Dispute machen einen weiteren Schritt nach vorne, sind erwachsen geworden: Das ist Hardcore, der eigentlich kein Hardcore sein möchte; Herzensmusik, die unfassbare Wut im Bauch hat und emotionaler nicht sein könnte.’Wildlife‘ wird wieder polarisieren, ist darüber hinaus schlicht das zweite  Meisterwerk der Band aus Michigan.

Man konnte damit rechnen, von ‚Wildlife‚ vollständig überrollt zu werden. Nicht nur, aber vor allem wegen ihres staunend machenden ‚Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‚ von 2008, dass kaum mehr viel mit dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Mini-Album ‚Vancouver‚ zu tun hatte. Da sprang eine Band durch wilde Achterbahnfahrten von Hardcore-Songs, Refrains waren nicht vorhanden, nachvollziehbare Songstrukturen musste man sich hart erarbeiten. Hochemotional dominierte dabei Sänger Jordan Dryer all diese aus dem Ruder laufenden Gitarrenspuren, die vertrackten Rhytmen und das, was La Dispute aus Post-Hardcore machten: Der Sänger hangelte sich durch alle Facetten des Leidens, schrie, brüllte, winselte und sprach sich durch enttäuschte und enttäuschende Beziehungsgeschichten. Tat das, was man „sein Herz auf der Zunge tragen“ nennt in derart schonungslosen Ausmaß, dass man sich erst einmal an dieses Hohe Grad an Emotionalität gewöhnen musste. Keine Frage: Die schonungslose Ehrlichkeit mit der La Dispute ihre Musik zelebrieren, kann schnell als Affektiertheit missverstanden werden und ist grundsätzlich derart polarisierend, dass das selbst in Fankreisen bizarre Auswüchse annehmen kann. Mehr nach Geschmackssache als La Dispute kann man schwerlich klingen, wie auch die seit 2008 folgenden Veröffentlichungen der Band unterstrichen: Ob nun die bisher dreiteilige ‚Hear, Hear‚- Serie (La Dispute vertonen zu sparsamer Instrumentierung Gedichte und Essays) oder die erst Anfang des Jahres erschienene Split-EP mit No Sleep Records Labelkollegen Koji, welche die Band plötzlich mit Folkschlagseite zeigte, führten mehr als alles andere vor Ohren: La Dispute wachsen kontinuierlich. Dass 2010 auch eine Splitsingle mit den befreundeten Touché Amoré eingespielt worden war, passt natürlich nicht nur im Rückblick wie die Faust aufs Auge: 2011 ist das Jahr der „The Wave“ Bands – Gruppen aus dem Umfeld wie Pianos Become the Teeth, Defeater oder Make Do and Mend sind dabei die Grenzen des Hardcore neu auszuloten und ihn endgültig für das junge Jahrtausend fit zu machen. Gemeinsam mit Touché Amorés ‚Parting the Sea Between Brightness and Me sind es nun also La Dispute, die ebenfalls mit ihrem Zweitwerk aufs neue Maßstäbe setzen.

Dass ‚Wildlife‚ anfangs eher enttäuscht aufgenommen wird, dagegen kann man sich schwerlich erwehren: Den jugendlichen Übermut von ‚Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‚ sucht man zuerst vergeblich, denn natürlich haben La Dispute es sich nicht einfach gemacht und selbe Platte noch einmal aufgenommen. Der Fünfer aus Grand Rapids verzichtet zwar nicht auf lieb gewonnene Trademarks –  Jordan Dryer etwa klingt immer noch wie der junge Geoff Rickley, La Dispute wie die hemmungslose Version von Thursday, die bei Dismemberment Plan ebensoviel gelernt hat wie bei Mewithoutyou und bei Fugazi, Rites of Spring und Dischord generell ewig in der Schuld stehen wird – sondern setzt die markanten Unterschiede dabei im Detail. ‚Wildlife‚ klingt die gesamte Spielzeit über gesetzter als sein Vorgänger, das Tempo wurde generell um eine Stufe gesenkt, die quirligen Gitarrenspuren in Grenzen gewiesen. Auch die auf ‚Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‚ mit der Lupe zu suchenden Moshparts wurden vollständig ausradiert. Eine stumpf durch die Gegend wütende Band waren La Dispute natürlich nie, klüger durch ihre Songgeflechte hat sich die Band jedoch selten gekämpft. Denn fokussierter und konzentrierter sind die vierzehn Stücke geraten. Man hört der Band die vergangenen Jahre schlicht und ergreifend an. Jahre, die ein Album um ein gutes Duzend Short-Stories geformt haben, in denen die Rede davon ist Vegan zu leben, die Liebe auszuhalten und dem langsam anschleichenden Tod zu erwarten. ‚Wildlife‚ erzählt mit Mitteln aus Post-Hardcore und Screamo von den Schicksalen hinter Bandenkriegen; hat Monologe im Gepäck und weiß von Vätern, die von ihren eigenen Söhnen attackiert werden und von Kindern, die an Krebs sterben. Lyrisch ist ‚Wildlife‚ ebenso harter Tobak, wie es musikalisch gerne auf Stein beißen lässt. Im Mittelpunkt steht dabei abermals Dryer, der sich durch all die Geschichten im ersten Fall Singular leidet, seine Stimme zum Reflektor der erlittenen Schmerzen seiner Protagonisten macht. Das alles macht das zweite La Dispute Album zu einem übermächtigen Brocken. Einem Brocken, der fordert und anfangs eben auch hoffnungslos überfordert. Dass ‚Wildlifekeineswegs schlechter als ‚Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‚, diese Erkenntnis muß man sich erarbeiten – auch, weil der Vergleich unweigerlich immer wieder gesucht wird.

Denn wenn man auch Songs wie ‚Said the King to the River‘, ‚Fall Down, Never Get Back Up Again‘ oder ‚Andria‚ vergeblich sucht, gibt ‚Wildlife‚ Stück für Stück seine mindestens ebenbürtigen Qualitäten preis. Mehr noch: Bald schon mutiert das Zweitwerk zu einem Jahrmarkt, auf dem sich ausschließlich Hauptattraktionen aufgebaut haben. Das mag zuallererst einer Reizüberflutung gleich kommen, dann weiß man gar nicht mehr, woran man mehr Freude haben soll: Wenn in ‚Harder Harmonies‚ etwa der Song gegen Ende immer weiter auseinander franst, nicht einmal mehr die metallische Gitarre dem Umbruch Stand halten kann und Dryer eindringlich das Mantra beschwört: „There’s a melody in everything, I’m trying to find a harmony but nothing seems to work, nothing seems to fit!„. Am filigran überspannten Gitarrenbeginn von ‚Safer in the Forest/Love Song for Poor Michigan‚, der hastig aus der Stadt flieht, das hymnische Finale von ‚St. Paul Missionary Baptist Church Blues‚ im Rückspiegel und Spoken Word Anleihen ebenso wie das atemberaubend losrumpelte Folkversatzstück ‚a Broken Jar‚ noch vor sich. ‚Wildlife‚ quillt schlußendlich über vor zeitlosen Momenten, großartigen Songs, die sich filigran und gleichermaßen robust über unzählige Melodiebrocken schwingen, die bemerkenswert klugen Texte von Jordan Dryer im Kopf haben und der emotionalen Seite des Hardcore die innigste Umarmung des Jahres verpassen. Songfavoriten wechseln mit jedem Durchgang und trotzdem scheint ‚King Park‚ über allem zu stehen: Eine bis dato ungehörte Achterbahnfahrt der Gefühle, die sich immer wieder selbst bremst um neuen Anlauf zu nehmen und unaufhaltsam seinem atemberaubenden Ende zuzusteuern: “Can I still get into heaven if I kill myself? Can I still get into heaven if I kill myself?/ Can I ever be forgiven cuz I killed that kid?/It was an accident I swear it wasn’t meant for him!/And if I turn it on me, if I even it out, can I still get in or will they send me to hell?/Can I still get into heaven if I kill myself?” lässt Dryer den Protagonisten flehend schreien, er selbst kann keine Antworten geben: „I left the hotel behind, don’t want to know how it ends.“ Das fulminante Finale des wahrscheinlich emotionalsten Moment der jüngeren Post-Hardcore Geschichte, ein Gänsehautgarant und in seiner mitleidlosen Eindringlichkeit sprachlos machen.

Wildlife‚ erzählt in konkreten Geschichten vom Leben im Allgemeinen. Gibt sich unnahbar und entlohnt schlußendlich mit einer einzigen orgasmischen musikalischen Erfahren. Dass ist Post-Hardcore, der seine Hände zu Fäusten ballen kann, viel lieber aber in die Arme nimmt. Dass man dabei nicht mehr so hyperaktiv zu Werke geht wie auf dem Debütalbum, die Wogen geglättet hat, lässt ‚Wildlife‚ weniger vielfältig erscheinen, tatsächlich verschiebt die Platte jedoch nur seine Vorzüge. Dann erkennt man ein Album, das weder besser noch schlechter, sondern trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten schlicht anders ist. Quasi der ältere, erfahrenere Bruder von “Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‘. La Dispute tänzeln dafür um den heißen Vulkan der Emotionen, spielen ihre ureigene Vision von Hardcore abermals unnachahmlich spannungsgeladen auf den Punkt, vollführen ein dynamisches Wechselspiel zwischen Gesang und Musik, das seinesgleichen sucht. Mit dieser schonungslos offenen Herangehensweise an ihre Musik bietet die Band natürlich Reibungspunkte, machen sich angreifbar und werden wohl weiterhin eine der polarisierendsten jungen Bands der Szene bleiben.
We Are But Lovers, We Are the Last of Our Kind“ hieß es 2008 auf ‚The Last Lost Continent‚ noch. Nach ‚Wildlife‚ aber werden La Dispute nicht mehr die Einzigen sein, viel eher wird dieser komplexe Monolith Stein des Anstoßes, Inspiration und Zukunftsweiser in Einem sein: Hierrauf werden sich vermutlich über Jahre hinweg unzählige Bands berufen. Wo La Dispute dann sein werden, ist angesichts der rasenden Entwicklung der Band nicht zu sagen. Besser als Jordan Dryer könnte man es ohnedies nicht: „Everyone in the world comes at some point to suffering/I wonder when I will. I wonder/Everyone is out searching for someone or something/I wonder what I’ll find. I wonder..

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Comments (6)

  1. Marcel26. Oktober 2011 Antworten
    “Das alles macht das zweite La Dispute Album zu einem übermächtigen Brocken. Einem Brocken, der fordert und anfangs eben auch hoffnungslos überfordert. Dass ‘Wildlife‘ keineswegs schlechter als ‘Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair‘, diese Erkenntnis muß man sich erarbeiten – auch, weil der Vergleich unweigerlich immer wieder gesucht wird.” this! Was aber meines Erachtens zu kurz kommt, ist die Kritik der Texte, die hin und wieder ziemlich seicht werden, so seicht, wie man es auf “Somewhere…” zu keinem Zeitpunkt gehört hat. Trotzdem ein unglaublich durchdachtes, vielschichtiges, forderndes und grandioses Album und nicht die große Enttäuschung, von der ich beim ersten Streamen noch ausgegangen bin und die wohl eher Überforderung war. Danke übrigens für die Review. Die Band kennen noch viel zu wenige Leute. Ihr macht die Welt zu einem besseren Ort! 😉
    • Oliver26. Oktober 2011 Antworten
      Dass die Texte schlechter wären als auf ‚Somewhere….‘ finde ich eigentlich nicht – ist halt ne ganz andere Herangehensweise diesmal, also das persönliche durch Geschichten mit Protagonisten gefiltert in etwa.
      Wobei ich damit anfangs auch meine Probleme gehabt habe. Die Texte von ‚Somewhere…‘ sagen mir persönlich auch mehr zu, weil sie eben allgemeingültiger sind, man sie leichter auf sich selbst ummünzen kann vielleicht. Aber das macht jene von ‚Wildlife‘ imo nicht schlechter un ich hab generell offenbar einfach aufgehört, die beiden Alben zusehr miteinander vergleichen zu wollen und ‚Wildlife‘ quasi für sich selbst wachsen zu lassen….
      • Marcel1. November 2011
        Die Thematik an sich bereitet mir keine so großen Probleme; es ist vielmehr ihre Verpackung. “King Park” beispielsweise: Sehr gute und ergreifende Story; fügt sich nahtlos ins Gesamtkonzept ein; musikalisch ganz großer Song – aber da ist dieses Melodramatische, Pathetische in gewissen Formulierungen, unter anderem und insbesondere an der Stelle “Three days later…”, bei der ich nie weiß, ob die Gänsehaut nun durch Ergriffenheit oder peinliche Berührtheit durch die Plumpheit dieser Zeilen ausgelöst wird. Ich denke, mit “kitschig” sind diese Stellen akkurat beschrieben. Das Gefühl hatte ich bei “Somewhere…” nie, vielleicht auch wegen der Distanz, die der mythische Rahmen geschaffen hat.
      • Oliver1. November 2011
        Hm….ich versteh was du meinst. Diese „Fremdschäm“-Momente hatte ich bei ‚Somewhere….‘ anfangs zuhauf, vor allem bei den Spoken Word Passagen. Mit der Zeit hat sich das aber gelegt – Mittlerweile gehören diese pathetischen, kitschigen Momente für mich einfach zu La Dispute dazu – auf ‚Wildlife‘ habe ich praktisch gar nicht mehr explizit darauf geachtet. Insofern seh ich die Sache theoretisch wohl wie du, praktisch passts mir dann aber doch. Klingt wahrscheinlich dämlich, ist aber komischerweise so….
  2. Marcel26. Oktober 2011 Antworten
    Gerade gesehen: http://www.visions.de/news/15217/VISIONS-224-Exklusiv-mit-dem-neuen-La-Dispute-Album Scheint, als würde sich die Sache mit der fehlenden Bekanntheit bald (schon?) erledigt haben.
    • Oliver26. Oktober 2011 Antworten
      Ja, auch schon gesehen. Ist natürlich einerseits ne tolle Sache von der Visions, andererseits kotzt mich die selbstgefällig, pathetische Art mit der sie dabei zu Werke gehen dezent an (sich als Magazin derart mit in den Mittelpunkt zu setzen und beinahe so zu tun, als ob man die Band entdeckt hätte). Ein bisschen Understatement würde denen mal nicht schlecht tun. Aber: Was von der Aktion bleiben wir, wird ein gesteigerten Bekanntheitsgrad von La Dispute sein – was sich die Band ja verdient hat.

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