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Neonliberal-Platte des Monats März: The Men – Open Your Heart

The Men werden mit Anfang 30 langsam erwachsen: ‘Open Yourt Heart’ schleift den rotzigen Noise-Rock der Band an entscheidenden Stellen ab und öffnet sich neuen Einflüssen.

Am Anfang steht die Ernüchterung. Haben The Men in den vergangenen nicht ganz elf Monaten seit dem letzten Studioalbum ihre Hörner vollends abAgestoßen? Wo ist das räudige Feuer hin, dass auf ‘Leave Home‘ so aufrührerisch brannte, das einem ins Gesicht spuckte und die Gitarre über den Schädel zog? ‘Open Your Heart‘ hat noch all die Qualitäten an Bord, die seinen Vorgänger zum Durchbruchswerk nach unzähligen Tape-Veröffentlichungen ohne Vertriebsweg und in Eigenregie werden lassen musste – nur eben so viel gefestigter, abgewogener, geschliffener. Und es stimmt schon: ‘Open Your Heart‘ klingt nicht mehr permanent wie der Black Rebel Motorcycle Club, dem man literweise Adrenalin gespritzt hat, um ihn mit Schlagringen in einem Hardcore Umfeld auszusetzen. 2012 überschreiten The Men die Grenzen zur schmutzigen Show ohne Jugendfreigabe vorwiegend nur noch im Gedanken und setzen ihr drittes Album erst einmal als kompaktere, konventionalisiertere Version der Vorgänger nieder. Aber irgendwann, da merkt man: ‘Open Your Heart‘ ist nicht nur eine ganze Ecke weniger rotzig als alles bisherige geworden, sondern damit eigentlich sogar das beste Album soweit.

Funktioniert ‘Open Your Heart‘ doch auch weitaus direkter als ‘Leave Home‘: keine fünf Minuten Feedbacknebel bis der Irrsinn losbricht, sondern mitten rein ins Getümmel, Schlag für Schlag.

‘Turn It Around‘ bratzt dann gleich so überschwänglich aus den Boxen, als hätte man die geheimen Archive zu Dave Grohls nie gegründeter Garage-Rockband gelüftet, prompt wird im Anschluß noch das brachiale Hitungetüm ‘Animal‘ hinten nachgetreten, mit hochinfektiösem Refrain, eingängigem Riffgerocke und dem Quäntchen The Stooges Wahnsinn, den jeder gute Rock’n Roll Song insgeheim braucht und welches Nick Oliveri dereinst zu Queens of the Stone Age beigesteuert hat. Stichwort Referenzlastigkeit: Wie schon auf dem Vorgänger lehnen sich The Men ganz unverhohlen an Vorbildern an, scheuen auch vor direkten Querverweisen nicht zurück. Man hört da den Bluesspirit, der viele Dekaden zurückreicht und schlußendlich im Noiserock Fuß gefasst hat

und Indie Gut findet; das Melodieverständnis der Replacements stand hier an allen Ecken und Kanten Pate und der Titelsong ist ist dann gleich eine kaschiert upgedatete Version von ‘Ever Fallen In Love’ der Buzzcocks. Dass The Libertins auf ‘Oscillation‘, mit seinen gegeneinander wetteifernden, so federführenden Leadgitarren mit Stegspielereien stolz wären, darf man annehmen – eher weniger, dass sie im Schlußpart auf einen derart gothpunkigen Sprechgesang in bester The Cramps Manier gesetzt hätten. Überhaupt ist der – zwischen aufgekratztem Rock-Geschrei und nölender Lethargie pendelnde – Gesang auf ‘Open Your Heart

Am besten sind The Men neuerdings aber ausgerechnet und überraschenderweise, wenn sie nicht im Schnelldurchgang durch die Geschichte des Rock’n Roll seit 1970 brettern, sondern sich selbst rechts raus winken, die Geschwindigkeit reduzieren und ihr ohnedies nicht eng liegendes Soundkorsett auslüften. Mit dem ausufernden Psychedelik von ‘Prescence‘ etwa, wenn mehr auf den Boden gestarrt als gepusht wird, die Grenze zum Shoegaze neu vermessen wird. ‘Country Song‘ nimmt schon als dritte Nummer das Tempo weg, lässt mit viel Reverb das staubige Hinterland zu einem smogverseuchten Urbanitätsprojekt werden, ist höchstens in jenem Sinne Countrymusik, wie eine Horde wildgewordener Biker das Genre definieren würde. Mehr “Country Song” ist da eher ‘Candy‘, das sich mit gemächlich galoppierender Gitarre zwischen BRMC und CCR verortet, auch Wilco gut gestanden hätte. “When I hear the Radio play, i dont care that it‘s not me!” prustet Chris Hansell lakonisch, das meint er ernst. The Men spielen trotz des vielschichtigeren, tiefer gehenden neuen Songmaterials immer noch Musik, knallharte Rockmusik, die auf Konserve vermutlich nur die Hälfte an Power hat, die einem die Amerikaner live um die Ohren wuchten. Ein gutes Zeichen, dass das schon so derart mitreißend aus den Boxen brettert.‘ ein ganz eigenes Thema, weil auf diesen nur zurückgegriffen wird, wenn ein Song nach dem ultimativen Kick in Sachen Melodie und Hookline sucht – über die Hälfte der Spielzeit also ohne Gesang auskommt. Und das, ohne Entzugserscheinungen vorzuweisen.

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