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Neonliberal-Platte des Monats Jänner: Cloud Nothings – Attack on Memory

Cloud Nothings wachsen zur Band , tauschen Lo-Fi Pop gegen indie tauglichen Noiserock. Mehr noch: ‘Attack on Memory‘ löscht die Erinnerung an die bisherige Discography Dylan Baldis beinahe vollständig und sollte Steve Albini die Füße küssen.

Nickelback. Creed. 3 Doors Down. Puddle of Mudd. Ihnen allen hat man schon den Stempel “Post Grunge” aufgedruckt – obwohl man eigentlich chartkompatiblen Alternative Rock meinte. Was dieser Irrtum mit ‘Attack on Memory‘ zu tun hat? Das weiß man, wenn man hört, wie Cloud Nothings versuchen, dem so schwammigen Genrebegriff gleichzeitig Pflock und Adrenalinspritze ins Herz zu jagen und ihn einer theoretischen Neudeffinition unterziehen. Weil das hier soviel mehr mit Grunge zu tun hat, als es die eingangs erwähnten Bands tun.
Die rotzige Angepisstheit von Mudhoney, Nirvana und Konsorten destillieren Bandkopf Dylan Baldi und die seinen, um sie mit dem Erfahrungsschatz zahlreicher Lo-Fi Pop Aufnahmen anzureichern. Genau daher kommen Cloud Nothings, auch wenn sie weder mit dem selbstbetitelten Debüt noch der als Album verkleideten Compilation ‘Turning On‘ zu den Klassenbesten gehörten. Mitgenommen haben sie davon jedoch das Händchen für Melodien, für Hits.

Doch ‘Attack on Memory‘ ist in erster Linie nicht Vergangenheitsbewältigung, sondern Evolutionsdokument. Das hat zum Teil damit zu tun, dass Dylan Baldi sein Ein-Mann-Projekt mittlerweile zur richtigen Band ausgebaut hat. Viel wichtiger in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass ‘Attack on Memory’ von Steve Albini aufgenommen – natürlich nicht produziert! – wurde. Dem Mann, der Nirvana einen ungeschliffen direkten Schwanengesang ermöglicht hat und Mclusky für kurze Zeit zur besten Rockband der Welt erhoben hat.  Aus jeder Pore von ‘Attack on Memory‘ tropft nun die Essenz von Albinis Sound. So verdammt rauh und ungeschliffen, direkt und roh, kantig und hart, packend, mitreißend. Kurz: Albini ist schlicht das Beste, was Cloud Nothings und dieser Platte passieren konnte. Der Fairness halber sei aber schon drauf hingewiesen: auch Baldi hat als Songwriter einen schönen Satz nach vorne gemacht und im Spannungsfeld zwischen Noise und Rock eine kompakten Rundumschlag von einem Album geschaffen. Baldi schiebt seinen Teenager Frust und Beziehungsprobleme dabei mit einer unterschwelligen Wut und Aggressivität vor sich her, welche die Songs stets im Dauerzustand des baldigen Berstens festhalten. Ein verklärter Rückblick darauf, wie The Vines anstelle von ‘Highly Evolved‘ eventuell hätten klingen können.

Am eindrucksvollsten ist das im alles überragenden ‘Wasted Days‘ nachzuhören, einem auf beinahe neun Minuten ausgedehnten Killertrack, der sich in permanenter Spannung zum stoisch ritternden Beat mal eben die zwingendste Minimaljamsession innerhalb seiner Songstruktur gönnt, die dem Indierock in den letzten Jahren zugebilligt wurde. Dass ‘Attack on Memory‘ niemals besser als in dieser ausufernden Räudigkeit klingt, macht den Rest der Platte nicht zwangsläufig schlechter. Weil ‘Fall In‘ trotz aller Penetranz in den über sich selbst stolpernden Refrains derart hibbelig dazwischen umhersprintet und ‘Stay Useless‘ nicht einmal kaschieren will, dass das die größte Hymne im Taschenformat  ist, mit der Baldi je ein Studio verlassen hat.  Da kann er sich seine krähende Teenage Angst Stimme für ‘Seperation‘ auch mal aussparen und die Band einfach machen lassen. Dass die einfach Male Bonding mit At the Drive In´s ‘Ursa Minor‘ kreuzen – eine feine Sache, natürlich!

Just als man meinen möchte, ‘Attack on Memory’ kann das vorgegebene Niveau im letzten Drittel nicht vollends halten, kickt Baldi im sadistischen ‘Cut You‘ doch nochmal die volle Ladung raus und tritt mit ordentlich Schmackes hinten nach. 33 Minuten sind das damit geworden, die bis zur letzten Sekunde unter dem Strom stehen, den die stetig ihrem Ausbruch entgegenbrodelnde Slint-Verneigung ‘No Future/No Past’ aufgebaut hat.
Cloud Nothings haben die Kurve kurz vorm Friedhof der Beliebigkeit eindrucksvoll gekratzt und wissen das auch: “Original/It’ll never get old./Essential/It’ll never get old./There’s no time for another try/There’s no time for another…/ No one knows our plans for us/It won’t be long.“krakeelt Baldi in ‘Our Plans’. Und bringt damit den Ist-Zustand besser auf den Punkt, als jeder andere dies könnte.

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