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Neonliberal-Platte des Monats Juli: Frank Ocean – channel ORANGE

Wer wartet 2012 immer noch ernsthaft auf die Rückkehr von D’Angelo, wenn der heiß gehandelte und hoch gehypte Frank Ocean zeitgleich mit seinem offiziellen Debütalbum dem R&B und Soul mit modernem Anstrich Herzen zum schmelzen bringt?

channel ORANGE‘ ist abseits seiner 55 Minuten Spielzeit ein mutiges Album geworden, keine Frage. Weil mittlerweile zwar Superhelden schwul sein dürfen, Homosexualität im Hip-Hop aber immer noch argwöhnisch beäugt wird, ungeachtet dessen, ob da nun manch einer seinen Segen gibt oder andere theoretisch nichts dagegen, praktisch aber ihre Bedenken haben. Dass ihm sein Outing kurz vor der Veröffentlichung seines ersten Studioalbums hinsichtlich gesteigerter Publicity sicher nicht geschadet hat (siehe auch: David Bowie), stimmt sicherlich, dennoch dürfte es Frank Ocean im Umfeld seiner homophob auftretenden Odd Future-Crew um Tylor, the Creator einiges an Überwindung gekostet haben, mit seinem Outing ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. Sei es letztendlich wie es sei: im Rückblick wird man ‘channel ORANGE‘  doch eventuell von den Begleitumständen seiner Veröffentlichung losgelöster betrachten, als es zum jetzigen Zeitpunkt der Fall ist, den Fokus also rein auf die Songs gelenkt, ohne in den Texten der als Geschichtensammlungen zu betrachtenden 17 Nummern auf eine Sinnsuche in Metaebene gehen zu müssen, wenn Ocean da beispielsweise sing: “I want to see your pom-poms from the stand.

channel ORANGE‘ ist nebenbei auch ein ziemlich wertkonservatives, aber nach vielen Seiten offenes Neo-Soul Album geworden, dass sich von prominenten Bekannten wie Drake qualitativ distanziert, mehr noch, ohnedies alles was es macht, soviel geschmackvoller inszeniert, als es sich das die theoretisch nahen Chartgäule Usher oder Chris Brown zusammenbasteln lassen. Man kann natürlich sogar soweit gehen, von einem ‘Voodoo 2.0′ für das neue Jahrzehnt zu sprechen und muss sich das nicht einmal durch Oceans Kredibilität im Mainstream (Jay-Z und Kanye West) und im (ehemaligen) Underground (Odd Future) hanebüchen herbeiführen. Denn ‘channel ORANGE‘ gelingt, was nur wenigen Alben im Genre zeitgenössisch und restlos gelingt, es inszeniert seinen butterweichen Schmusesoul unpeinlich, nicht billig aber anschmiegsam und doch eigenwillig, ohne sich zu affektiert oder selbstgefällig zu präsentieren.
Sammelt Ocean auf seinem Debütalbum doch genau jene großen, gefühlvollen R&B Songs zwischen Soul, Hip-Hop und Gospel, die das Download-Album und Def-Jam-Streitresultat ‘Nostalgia, Ultra‘ als Talentprobe versprochen hat. Mittlerweile benötigt Ocean jedoch kaum mehr Samples (Ausnahmen wie das nostalgische Playstation-Intro in ‘Start‘ oder Mary J. Blidges ‘Real Love‘ außen vor), um Songs hervorzuheben, stattdessen verlässt er sich nun beinahe vollkommen auf seine Stimme, die weitaus seltener – sprich: nahezu nie – unter den auf Oceans Gastbeiträgen so beliebten Vocaleffekten zu leiden hat. Diese samtweiche Stimme überstrahlt in ihrer kraftvollen Verletzlichkeit die meist spärlich ausgestatteten Kompositionen; mehr als behutsame Beats und sanfte E-Piano Einwürfe, zarte Elektronik oder organischen Bandminimalismus braucht es selten, um aus verhältnismäßig  wenig wirklich Großes zu schaffe. Weil die Produktion von ‘channel ORANGE‘ auch ihr heimlicher Held ist , wie sie Ocean samt Instrumentarium in eine Luftblase aus unhörnbarem Hall und schmerzlosem Druck einbettet. Kein Wunder vermutlich, wenn die Liste der Produktionsmitarbeiter länger als jene der beteiligten Musiker ist – umso erstaunlicher aber, dass man dies ‘channel ORANGE‘ niemals anhört.

In diesem Umfeld wachsen Songs, die berühren, ihresgleichen suchen und meistens sprachlos zurücklassen. Das bekannte und die Stimmung im Vorfeld erst richtig aufgekocht habende ‘Pyramids‘ etwa pilgert in seinen knapp zehn Minuten episodenhaft von unter Wasser zurückgespulten Drums, Funk und Prince über Ambientflächen bis hin zur leicht prolligen Tanzfläche. ‘Crack Rock‘ packt ala Mos Def mit seinen satten Drums und andächtigen Orgeln die Stimmung von Rotwein, Kaminfeuer und verruchter Stimmung am Kragen, ‘Super Rich Kids‘ baut Odd Future-Kollegen Earl Sweatshirt stampfend ein, während Andrè 3000 von Outkast seine ‘Love Below‘ in ‘Pink Matter‘ einbringen kann. ‘Thinkin Bout You‘ fistelt sich zum emotionalen Lovesongmanifest, ‘Lost‘ will eigentlich Pop sein und ‘Forrest Gump‘ pfeift sich beinahe allein zur Rechtfertigung des Hypes, beendet ein ausfallfreies, durch die Bank stimmiges Album. Immer wieder zieht Ocean darin die Melodien in die Höhe, nur um sie kurz vor der ultimativen Hymnenhaftigkeit wieder zusammenzuziehen, gerade aber dadurch eben auch nie übers Ziel hinauszuschießen, sondern den Seiltanz über die Stile und Geschmacksgräben nahezu perfekt zu vollziehen.  Ausgerechnet das überlebensgroße, symphonisch-kitschige ‘Bad Religion‘ zeigt dann haarscharf vorm Schmalz dank seiner Live-Version trotzdem noch auf, dass sie eventuell gar noch besser hätte werden können, diese ungeachtet des rundherum stattfindenden Geschreies eigentlich doch ziemlich leise Platte, die ihre großen Emotionen in sich kehrt um sie nur bedeutend nachhaltiger in die Welt zu flüstern. ‘channel ORANGE‘ ist mit ziemlicher Sicherheit der lange abgezeichnete, erwartete Startpunkt einer großen Karriere, auch weil Ocean – auf einen Schlag in der öffentlichen Wahrnehmung zum vielleicht besten, wahrscheinlich aktuell wichtigsten Soulsänger mutiert – eben alle Erwartungshaltungen, die auf ihm lasteten, spielend schultern, sogar übertreffen konnte. Und insgeheim eben auch das Album abgeliefert hat, das D’Angelo vermutlich nicht mehr zustande bringen wird. Wahrscheinlich auch nie hätte machen können.

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