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Neonliberal-Platte des Monats Juni: Fiona Apple – The Idler Wheel…

 

…Is Wiser Than The Driver of The Screw And Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do‘. Genauso atemlos wie der Titel von Fiona Apples erst vierten Album in sechzehn Jahren hinterlässt, tun es auch die versammelten zehn Songs. Oder eigentlich sogar noch viel atemloser.

Denn man muss es schon in aller Deutlichkeit vorwegschicken: womit die exzentrische Songwriterin nach sieben langen Jahren aus ihrem dunklen Kämmerlein heraustänzelt, ist schlicht ein mit vorwiegend mit Piano, Schlagzeug und Stimme gezeichneter Traum von aus der Zeit gefallener Popmusik. Im wahrsten Sinne des Wortes – hat doch etwa Joanna Newsom in der Zeit zwischen ‘Extraordinary Machine‘ und ‘The Idler Wheel‘ nahezu ihre gesamte Karriere aufgebaut, Regina Spektor den Durchbruch geschafft, Tori Amos sechs mal mehr, mal weniger durchwachsene Alben veröffentlicht und Björk sich weitestgehend aus der Nachvollziehbarkeit entfernt. Sich nach einer derart langen Abstinenz aus der Musiklandschaft wieder zu positionieren ist dabei wohl schon ein schwieriges Unterfangen, sich gleich ein ganzes Stück weit neu zu erfinden und damit sogar selbst zu übertrumpfen, ist dann aber nicht nur angesichts der Vorgängeralben eben der Traum, dem man nachhängen durfte, während man nicht so recht wusste, was die krisengebeutelte Amerikanerin abseits zahlreicher Coverversionen in ihrer Abgeschiedenheit denn nun wirklich so treibt.

Nun weiß man: Apple hat sich an Songs aufgerieben und gesundgestreichelt, die auch zwischen den Gegensätzen funktionieren. Wo der langen (aber vergleichsweise kurze) Albumtitel mit kurzen Songnamen kontrastiert wird, sperrig erscheinende Songs eigentlich die großzügigsten Ohrwürmer sind und immense Reaktionen mit eigentlich wenig Mitteln erwirkt werden. Viel mehr als das stets präsente Piano zwischen allen Gemütslagen und einem geerdeten Schlagzeug machen den Gutteil der reduziert und stellenweise sogar karg inszenierten Songs nicht aus. ‘The Idler Wheel…‘ streunt mit einem unstillbaren Hunger durch wohlüberlegte Nummern, welche genau jene klassisch märchenhafte Eleganz in sich tragen, von der man sich in Charlie Kaufman Filmen nur zu bereitwillig umschmeicheln lassen würde, die ihr langjähriger Wegbegleiter Jon Brion bisher stets mit zusätzlichem Glanz versehen hat. Nun aber hat Apple selbst, allein mit ihrem Schlagzeuger Charley “Seedy” Drayton das Drumherum rund um ihre Stimme zurückgefahren, den spannendsten Schnittpunkt von ‘When the Pawn…‘ und ‘Extraordinary Machine‘ gesucht und gefunden, den pompöses Songbogen in ein Licht ohne Opulenz getaucht . Ruft man sich den enervierenden Spießrutenlauf rund um die Veröffentlichung des letzten Studioalbums in Erinnerung, darf ‘The Idler Wheel…‘ wohl auch in dieser Hinsicht als konsequente Gegenreaktion gehört werden und es sollte es wohl kaum verblüffen, dass Apple diesmal ohne ihre Plattenfirma vorab zu informieren alleine und ohne Brion in den Kampf gezogen ist. “But we can still support each other/ All we gotta do is avoid each other” kann in viele Richtungen ausgelegt werden, spricht aber in jeder Bände. Den neuerlichen Vorwurf, dass auch ‘The Idler Wheel…‘ zu “unverwertbar” daher käme, könnten jedoch wohl selbst Anzugträger mit Dollarzeichen in den Augen trotz aller charmant versponnener Entrücktheit der Platte nur mit einem Lächeln abtun – denn mag auch das vierte Album der Ausnahmeerscheinung weit draußen im Wunderland des Pop stattfinden, so zieht Apple neben ausnahmslos makellosen Schönheiten doch auch erstaunlich viele ohrenschmeichelnde Hits an Land.

Erlaubt sich Apple zum Ende hin zwar, zwischen ‘Periphery‘ und ‘Anything We Want‘ unhandlicher um die großartigen Melodiebögen schleichen, und mit dem zwischen Stammesmusik und klaustrophobischen Baroque-Pop in Lauerstellung gehenden ‘Hot Knife‘ zum erschlagenden, kunstvollen Schlussstrich ausholen – bis dorthin hat ‘The Idler Wheel…‘ schon derartig viele kleine und große Momente ausgespuckt, die 2012 so wohl nicht mehr überboten werden können. Schon ‘Every Single Night‘ schmiegt sich an energische Aufmüpfigkeit, nur um im Refrain wehmütig zu werden, ‘Valentine‘ ist hingegen der unumwundene Pianopop, für den ‘The Idler Wheel…‘ ansonsten oft zu kratzbürstig und kampflustig ist. Etwa, wenn Apple in ‘Daredevil‘ plötzlich aus der Haut fährt: “Seek me out/ Look at, look at, look at, look at me/ I’m all the fishes in the sea/ Wake me up /Give me, give me, give me what you got/ In your mind, in the middle of the night!” Dass da ein ‘Left Alone‘ mit gehetztem Besenschlagzeug noch den Jazz durch die Platte treiben wird, deutet sich bis dahin bloß im zärtlichen Umgang mit den Kompositionen an, Samthandschuhe darf freilich trotzdem keiner erwarten: “Just tolerate my little fist/ Tugging on your forest chest /I don’t wanna talk about /I don’t wanna talk about anything.” rechnet Apple mit Suizidgedanken und der Hassliebe zu Jonathan Ames ab, in einer Eindringlichkeit, die einem beinahe die Kehle abschnürt: “Jonathan, call again/ Take me to Coney Island/ Take me on the train/ Kiss me while I calculate/ And calibrate and heaven’s sake /Don’t make me explain.

Apple hangelt sich dabei mit einer schwermütigen Leichtigkeit durch ihre Songs, schmachtet, leidet, jauchzt, greint und schreit sich in allen Facetten mit dieser zum Niederknien emotionalen Stimme durch schwankende Gemütslagen, die 34 jährige bleibt dabei zu jedem Zeitpunkt das unverrückbare Zentrum der wild um sie wirbelnden Songs – das darf ausbrechen, wohin es möchte, obwohl Apple insgeheim die Leine eng hält; was bei allen Gedankengängen im Hintergrund niemals verkopft wirken kann, weil letztlich alles aus dem Bauch heraus entsteht. Man hat an ‘The Idler Wheel…‘ zu knabbern, ohne mit der Angst kämpfen zu müssen, sich verschlucken zu können. Denn so sehr am Avantgarde orientiert sich Apple auch zeigen mag, so zugänglich ist das letztendlich, das Songwriting handfest und bodenständig. Hatte das ganze Brimborium rund um und auf ‘Extraordinary Machine‘ einen nicht unwesentlichen Ablenkungsgrad, tut die Konzentration auf das Wesentliche ‘The Idler Wheel…‘ in jeder Hinsicht gut. Da liegt der Fokus auf der Ausnahmeerscheinung Fiona Apple, die in ihren Songs aufblüht und mehr noch, der Fratze der zeitgenössischen Populärmusik den Spiegel vorhält und ihr gleichzeitig das wahrscheinlich schönste Geschenk seit Jahren macht, eines, von dem man zehren kann. Wohl auch muss. Denn macht Fiona Apple in diesem Tempo weiter, wird das frühestens im nächsten Jahrzehnt etwas, mit Album Nummer fünf. Eine Wartezeit, die man für derartige Meisterwerke jedoch gerne in Kauf nimmt.

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