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Neonliberal-Platte des Monats Mai: The Walkmen – Heaven

Zehn Jahre nach dem Debütalbum spielen The Walkmen ihren ureigenen, originär qualitätskonstanten Indierock immer noch und immer wieder nahe der Perfektion. Auf Album Nummer Sieben weht dennoch frischer Wind durch das kauzige Rumpelkammersammelsurium.

Da wäre der langsam schlapfend, reduziert zurückgelehnte Schongang, den sich die fünf Amerikaner im Opener ‘We Can’t be Beat‘ verschrieben haben, der unvermittelt klar macht, dass The Walkmen es zwar nicht eilig haben, sich zwei Jahre nach der so begeisternden Hitsammlung ‘Lisbon‘ in schiefliegenden Chartträumen vorzukommen, sehr wohl aber, sich ein Stückchen weiter gen Folk neu zu positionieren. Wem die einleitenden viereinhalb Minuten von ‘Heaven‘ nicht ausreichen, um der überschaubaren Neuorientierung Glauben zu schenken, dem servieren The Walkmen weitere Indizien frei Haus: das wunderbare Herzstück ‘Southern Heart‘ verzichtet bis auf Hamilton Leithausers so markantes Bob Dylan Gedächtnis Organ und eine einfühlsam in die Unendlichkeit schunkelnde Gitarre auf jegliches Instrumentarium, nimmt dieses erst in ‘Line by Line‘ auf, um bei kristallklarem Wetter ganze Bergkämme zu besteigen. Was macht es da schon, dass Leithauser in Sachen Melodie dezent bei sich selbst abschaut? Eventuell hatte er ja bereits die luftig losgelöst euphorischen “Ohohoooo“-Chöre des quickfidelen ‘Nightingales’ im Hinterkopf, obwohl die restliche Band dem energischen Gitarrenspiel nicht wirklich nachkommen möchte. Spätestens wenn zwischen Minute Zwei und Drei die himmelhoch triumphierende Harmoniegesangsbridge einsetzt, sollte ohnedies klar sein: das kennt man doch irgendwoher, sehr ähnlich zumindest im Ansatz, aus Seattle. Und tatsächlich sind es all diese Momente, denen der ebenfalls auf Produzent Phil Ek vertrauende Fleet Foxes Häuptling Robin Pecknold unverkennbar seinen Stempel aufgedruckt hat, wenn auch nur für wenige Tracks als Gast geladen.

So sehr man Pecknold auch zwischen den Zeilen finden mag: letztendlich ist auch ‘Heaven‘ wieder eine klassische The Walkmen Platte geworden, auf der The Walkmen nur nach The Walkmen klingen – mit all dem so virtuos um zehn Ecken polternden Präzisionsschlagzeugspiel Matt Barricks; mit Gitarren, die sich gerade auf Siesta in südlichen Gefilden zu befinden wähnen, sich tatsächlich aber in verrauchten Kellern umhertreiben; einem Sänger, der permanent den Seiltanz zwischen nachtrettender Intensität und auf den Kopf gestellter Nostalgie balanciert und die Dinge auf den Punkt bringt, wenn er klagt “I sing myself sick about you“; den immer wieder psychedelisch drückenden Orgeln, die nicht nur ‘The Witch‘ zur verrutscht taumelnden Soulwahnsinstat verdrehen. Überhaupt: mehr Seele und Gefühl hat auch ‘Heaven‘ wieder soviel mehr, als der Großteil der eigentlich artverwandten Indierockbands da draußen, zu denen The Walkmen immer noch fraglos zählen – nicht zuletzt dank wieder vertretener Genrehits wie dem unwiderstehlichen ‘Heartbraker‘, dem entspannt rockenden Titeltrack. Dabei nimmt ‘Heaven‘ die Sache mit den Ohrwürmern weniger nachdrücklich ernst, als ‘Lisbon‘ es tat. Viel eher passiert mehr in verschiedenen Ecken mit den selben Mitteln, ‘Heaven‘ funkelt in gewissem Maße als Light Version von ‘You & Me‘, kehrt die Vorzüge der Band in anderem Licht hervor.

Die zwölf versammelten Songs unterstreichen damit die im Vorfeld der Veröffentlichung getätigte Behauptung Leithausers, ‘Heaven‘ sei das am leichtesten aus den Köpfen zu ziehende Album der Bandgeschichte gewesen. Letztendlich ist es darüber hinaus auch die abermals fehlerfrei inszenierte Fortsetzung der eventuell konstantesten Indierockband da draußen. Dass The Walkmen es dabei dennoch weder sich selbst noch anderen zu leicht machen wollen, führt dann ‘Jerry Jr.’s Tune‘ noch schnell vor, gibt diese klassisch disharmonisch ziellose Kurznummer, die sich auf keiner Gielgeraden auf jedem The Walkmen Album in irgendeiner Weise befindet. Nur zu passend, dass man auf einem Album, das neue Wege aufzeigt ohne Alte verlassen zu müssen ausgerechnet in ein Song, auf dem sich der prominente Gast Pecknold befinden soll, diesen noch nicht einmal mit der Lupe finden würde. Keine Grossspurigkeit also: “We can’t be beat, the world is ours.“

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