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Popstars mit Ablaufdatum?

Castingshows sind seit Jahren ein fester Bestandteil im deutschsprachigen TV-Programm. Zum Quotenhit avancierten die Castingformate durch Dieter Bohlen und Heidi Klum. Mittlerweile wird alles gecasted was bereit ist, sich vor der Kamera lächerlich zu machen. Deutschland sucht den Superstar, Deutschland sucht das Supertalent, Germany’s Next Topmodel, Popstars, Starmania, Die große Chance und wie sie alle heißen, mögen unterschiedliche „Talente“ zum Vorschein bringen, haben aber eines gemeinsam: Sie produzieren „Stars“ mit Ablaufdatum.

Germany’s Next Topmodel bekommt bereits zu spüren, dass selbst die Gewinnerinnen nach kurzer Zeit aus dem Rampenlicht verschwinden. Es hat sich herumgesprochen, dass ein Sieg bei der Casting Show nicht zu einem glamourösen Leben als Topmodel führt. Die Zahl der Bewerberinnen geht zurück und auch mit den sinkenden Einschaltquoten muss man mittlerweile kämpfen. Ähnlich ging es dem ursprünglichen „Popstars“-Format, dass 1999 in Neuseeland ausgestrahlt wurde. Als anfänglicher Quotenhit wurde das Konzept in zahlreiche Länder verkauft. Mittlerweile wurde die Show in fast allen Ländern wieder abgesetzt, wegen der schlechten Einschaltquoten.

Bei anderen Castingshows scheint der Hype zwar noch ungebrochen, aber „Star“ wird man bei diesen Shows höchstens für eine Nacht. Mit Ausnahme von Christina Stürmer schafft es kaum jemand in der Pop-Welt Fuß zu fassen. Die Zuseher_innen aktueller Staffeln können sich kaum an die vorherigen Gewinner_innen erinnen. Zu Recht.

Auf Biegen und Brechen werden 0815er aus allen Landesteilen zu Lady Gagas und Justin Biebers getrimmt. Mit Tanzstunden, Stimmtraining und Bühnenshows, Makeover und Charakterveränderung inklusive. Wer sich nicht anpasst, dem_der werden schnell die Grenzen aufgezeigt und die beinharten Regeln des Showbuisness vor den Latz geknallt. Man kann jede Woche live zuschauen wenn „D“ aus „Popstars – Mission Österreich“ ein Schreikonzert auf junge Mädels niederprasseln lässt, wenn sie auf der Bühne nicht „sexy“ sein können oder Teenager-Jungen nicht im Kopfstand an die Wand gelehnt, mit großen Emotionen ein Backstreet Boys Lied über die zerbrochene Liebe singen können. Die Jury straft Individualität und Persönlichkeit, abseits des „Popstartauglichen“ mit der Frage ob man den wirklich ein Popstar werden möchte. Die Nervenzusammenbrüche und Tränenflut der angehende Jungstars darf man sich dann in einer 360 Grad Kameraeinstellung, mit Titanic-Soundtrack-Untermalung ansehen. Die weinerlichen Kandidat_innen dürfen sich dann mit produktplatziertem Kaffee den Kopf frei spülen. Reality-TV mit schlechtem Drehbuch und jeder Menge Werbung.

Die Bewerber_innen zahlen einen hohen Preis für die kleine Chance ein Star zu werden. Intimste Lebensgeschichten werden mit Spezialeffekten einem Millionenpublikum präsentiert und jeder Fehler wird mit hämischem Gelächter und Getratsche durch die Fernsehzuseher_innen kommentiert. Je gemeiner die Jury, desto höher die Einschaltquoten. Egal ob ein explodierender „D“ die Querdenker_innen drillt, Heidi Klum mit hoher Stimme schreit oder ein herablassender Dieter Bohlen die Lebensträume von Hartz IV Bezieher_innen mit einem Satz vernichtet, das Publikum ist begeistert und klatscht mit.

„The Voice Of Germany“ startete mit einem leicht veränderten Konzept am vergangenen Donnerstag. Aussehen, Lebensgeschichte und Verspotten der Kandidat_innen sollen keine Rolle spielen – so kommentiert Puls4 den erfolgreichen Start der neuen Castingshow bei Konzernkollegen Pro7 und Sat1. Bei sogenannten „Blind Auditions“ sitzt die Jury mit dem Rücken zu den Kandidat_innen und muss sich auf das eigene Gehör und Gefühl verlassen. Wer vom Gesang beeindruckt ist, kann den „Buzzer“ drücken, erst dann dreht sich der Sessel und die Juror_innen können sehen wer denn da singt. Wenn sich mehrere Jurymitglieder für ein Gesangstalent entscheiden, darf der_die Kandidat_in entscheiden unter wessen Fittiche er_sie genommen wird. Zur Auswahl stehen dabei, Reamonn-Sänger  Rea Garvey, Nena, The BossHoss und Xavier Naidoo. Wenn sich niemand aus der Jury für eine Stimme entscheidet, gibt es trotzdem ernstgemeintes, nie verspottendes Feedback. Ob diese ungewohnte Höflichkeit ein Eingeständnis der Castingindustrie bezüglich ihrer menschenverachtenden Zurschaustellung persönlicher Schicksale ist, ist zu bezweifeln. Und erst im Verlauf der ersten Staffel von „The Voice of Germany“ wird sich zeigen, wie gut es die Jury-Mitglieder mit den Gesangstalenten meinen. Schließlich will die Castingshow mit einem von den Juror_innen gecoachten Kandidaten oder Kandidatin gewonnen werden.

Trotzdem muss man der Show zu Gute halten, dass sie Menschen eine Chance gibt, auch abseits von heutzutage üblichen Schönheitsidealen und Altersgrenzen für „Popstars“. Vielleicht schafft der Erfolg der Serie, eine leichte Wende in der Castingkultur zu erzeugen und Menschen, seien sie noch so untalentiert, zumindest den Respekt zu erweisen, den sie als menschliche Wesen verdienen. Denn irgendwann haben alle kapiert, dass man durch Castingshows selten ein Star wird, sondern meistens nur zur Lachnummer für all jene, die sich selber nicht getraut haben mitzumachen.

Foto: arne.list

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