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The Roots – Undun

Wie macht das die wahrscheinlich beste, sicher aber konstanteste Hip-Hop Band der letzten zwanzig Jahre? Als Jimmy Fallon´s dauerbeanspruchte Hausmusiker und vielleicht gefragteste Backingband überhaupt, entschlossen sich ?uestloveund Co. erst im Oktober dazu, ihr elftes Album zu einem ambitionierte Konzeptalbum zu formen – und keine zwei Monate später hyperventiliert das Web 2.0 zu ‚Undun‘.

Man hat sich ja daran gewohnt, von The Roots in unregelmäßigen Abständen mit genresprengenden Leckerbissen versorgt zu werden. Kritik an der Institution aus Philladelphia kommt mittlerweile einem ähnlichen Sakrileg gleich, wie etwa über Radiohead herzuziehen. Die Urgewalt, mit der durch ‚Undun‚ bedingte Begeisterungsstürme angesichts des verfügbaren Streams schon wenige Stunden nach dessen Veröffentlichung über das Web 2.0 hinwegzogen, überraschte dann aber doch. Natürlich nur so lange, bis man realisiert, dass da wieder was dran ist, am orgasmischen Glühen der Tastaturen. Hat man denn wirklich mit etwas anderen gerechnet? The Roots liefern ihr (je nach Zählweise) elftes fabelhaftes Album in Folge ab.

Der Hang dazu, ohne große Ausschweifungen auf den Punkt zu kommen ist bei den vierzehn Songs in 38 Minuten ebenso (zumindest weitestgehend) geblieben, wie die erst letztes Jahr so vehement und grandios ausgelebte Liebe zu Singer-Somgwritern mit poppigen Melodien. Wenn auch nur im Ansatz, ist diese dennoch das Grundgerüst von ‚Undun‚, die in der Pianomelodie von Sufjan Stevens ‚Michigan‚-Baustein ‚Redford‚ ihren konzeptionellen Ausgangspunkt gefunden hat, die zudem als albumtechnischner Schlußsatz dient. Wenn Stevens diese Melodie am Piano neu einspielt und die Roots das Stück anschließend über vier Nummern vom kakophonischen Freejazz bis zum majestätischen Streichersatz weiterreichen, ist das gleichermaßen der Schluß der Platte, wie erzähltechnisch der Beginn von ‚Undun‚ – das eröffnende Kardiographengeräusch im Opener ‚Dun‚ ihr eigentliches Ende. Quasi ‚Irreversible‚ im Hip-Hop Gewand mit dem Niedergang der fiktiven Hauptfigur Redford Stephens als Handlung. Harter Tobak aus Philadelphia. Wie die grundlegend schwerwiegende Thematik von Redford Stephens Drogentod von der Roots Crew mit hochklassigen Songs in pikfeinem Soundgewand, unverkopft und federleicht entspannt in den nahtlos ineinander übergehenden Songs aufgearbeitet wird, ist eine Kunst, die dann doch seinesgleichen sucht.

Nachdem er für ‚Wake Up‚ zugunsten von John Legend auf die Ersatzbank gerückt war, stellt ‚Undun‚ auch die markante Rückkehr von Front-MC Black Thought dar, der beinahe jedem Song seinen Stempel aufdrückt, mit geschmeidigen Flow in die Haut von Redford Stephen schlüpft. Die üblichen Verdächtigen wie Dice Raw,  Big K.R.I.T., Bilal Oliver, Truck North und Phonte tun es ihm gleich, nur Greg Porn (ehemals P.O.R.N.)  darf in auch etwas derber ran und zieht die Platte lyrisch clever in dunkle Gefilde -den darf man sich endgültig vormerken! Der omnipräsente ?uestlove hält sich dabei bis ‚One Time‚ weitestgehend im Hintergrund, treibt den Song ohne Eile in jene Richtung eingängiger Refrains, auf die es die Roots seit einiger Zeit so clever abgesehen haben. Ihre antrainierte Eingängigkeit behalten sie – wohl zum Leidwesen Anhänger der frühen Jahre – bei. Und gehen doch subtiler zu Werke als noch vergangenes Jahr auf dem Hitfeuerwerk ‚How I Got Over‚. Verschafft sich die wabbernde Orgel in ‚Dun‚ erst spät ihren Platz, purzelt ‚Sleep‚ geradezu verschlafen reduziert aus den Boxen. „I lost a lot of sleep to dreams“ hypnotisiert Aaron Livingston zu kargem Dubstepanleihen im sekeltierten Beatgewand. Eiliger hat es auch die famos geschmeidige Vorabsingle ‚Make My‚ nicht. Enspannt geht der eingängige Ohrenschmeichler zu Werke und läuft beinahe zwei Minuten lang schlafwandelnde Ehrenrunden. Nichtsdestotrotz nimmt ‚Undun‚ von dort an Fahrt auf.

Das mittlere Drittel der Platte wandelt mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem beackerten Feld zwischen unaufgeregt zwingenden Beats, fesselnden Melodien und umwerfenden Hooklines, welche die Roots immer wieder als geschmackssichere Popfans ausweisen. ‚Kool On‚ hantiert an der Grenze zum Nerventod mit einem D.J. Rogers Sample – übrigens dem einzigen auf ‚Undun‚ – zu springenden Gitarrenlicks und heulenden Background,  ‚The Other Side‚ fährt gleich vollends gen Hymnenhimmel. ‚Stomp‚ wird seinem Namen gerecht und ebnet ohne Umschweife den Weg für die mächtigste Hookline der Platte –  Dice Raw attackiert ‚Lighthouse‚ mit einer seiner bisher eingängigsten Gesangsmelodien, da muss sich sogar der schmeichelhafte Refrain von ‚I Remember‚ hinten anstellen. ‚Tip the Scale‚ lenkt die Scheinwerfer in die finstersten Ecken der Stadt, entlässt in eine düstere Welt: „Only two ways out/ Digging tunnels or digging graves out“ – danach bleibt kein Platz mehr für Worte.

Welch akribische Arbeit in ‚Undun‚ steckt, verdeutlicht die Anektote, dass Gast MC Phonte  von Produzent Richard Nichols satte 17 mal gebeten wurde, seinen Text umzuschreiben, bis dieser wirklich als mit dem Charakter Redfrod Stephens stimmig genug abgesegnet wurde. ‚Undun‚ klingt musiklaisch jedoch zu keiner Sekunde nach dieser detailversessenen Arbeit, sondern frei, ungezwungen und leicht. ‚Undun‚ ist auf den ersten Blick ein reduziertes Album geworden, dabei passiert hier soviel in verhältnismäßig so kurzer Zeit und schafft das Kunststück, über alle Maße eingängig zu sein, sich sofort festzukrallen und dennoch immer wieder neue Seiten zu offenbaren, zu wachsen. The Roots entlassen durch den abschließenden Jam mit einem Gefühl der Unzufriedenheit – als müsste da noch mehr kommen. Für ‚Undun‚ bedeutet das die Dauerbeanspruchung der Repeat-Taste.
Ich wage zu sagen, dass ‚Undun‘ so gut ist, wie die Roots sein können“ behauptet ?uestlove. Ist natürlich Angesichts der unfassbaren Discographie seiner Band Quatsch. Aber bis zur nächsten Platte glaubt man ihm Angesichts von ‚Undun‚ gerne.

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