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65daysofstatic – Silent Running

Nun verschweißen sie Gegensätze nahtlos: ‚Silent Running‘ ist das Album geworden, dass ‚We Were Exploding Anyway‘ behutsam angekündigt hätte: Postrock mit unerbittlicher, aber anschmiegsamer Elektronikambition.

Mit einem mutigeren Album als ‚We Were Exploding Anyway‚ muß man erst einmal etablierte Fanerwartungen an die Wand zu fahren. Vom Math-versessenen Postrock hin zu diesem elektronischen Clubmonster, dass mit fettesten Breakbeats die Tanzfläche ins Kopfkino bugsierte, war es immerhin ein weiter Weg. Im Nachhinein lässt sich leicht sagen, dass die Synthieaffinität der vier Jungs aus Sheffield das vorhersehbar gemacht hat – defacto waren aber nicht nur Fans zwischen Entsetzen und Erstaunen gefangen, als 65daysofstatic plötzlich auf den Überresten ihres Postrocks die wildeste Partie der engen Genregrenzen feierten.
Kaum ein Jahr später reichen sie nun das später entstande Werk nach, welches behände  mit dem Vorschlaghammer auf ‚We Were Exploding Anyway‚ vorbereitet hätte: 65daysofstatic werden aus der Dancehölle ins All ausgespuckt und malen sich dort den fiktiven Soundtrack zu einem realen Film aus.

Mittlerweile sind die brutalsten Beats geschliffen, nur noch am Ende von ‚Finale‚ brechen diese hervor. Bis zu diesem Zeitpunkt haben 65daysofstatic das Jahr 2011 behutsam in die bisherige Discographie eingewoben. Die Elektronik erschlägt nicht mehr, sondern fügt sich nun homogen in die Kompositionen ein, die auch ohne viel Fantasie wieder im Postrock anzusiedeln sind: die Arrangements sind weitläufig, das Piano tupft verträumt seine schwelgenden Melodien, die Gitarren heulen in der Schwerelosigkeit, die Rhytmen stammen nicht mehr aus der Konserve, aber die Sequenzer dürfen immer noch pluckern. So kann ‚Burial Scene‚ auf direktem Weg Richtung Explosions in the Sky blicken und im darauffolgenden ‚Broken Ship Ruse‘ Aphex Twin, Gold Panda und Konsorten als erste Referenzen aufweisen.

Die Engländer, die sich nie damit abgefunden haben, eine Band unter vielen zu sein, zwängen sich gewollt in ein Korsett, welches ‚We Were Exploding Anyway‚ eigentlich aufgerissen hatte – und füllen es passender denn je aus: Die sind mittlerweile zu einer Band geworden, die epische Filme in den Köpfen der Hörer ankurbeln können und sich dabei gängiger Muster weitestgehend erwehren. Dramatische Spannungsbögen duellieren sich mit Momenten reiner Schönheit, die Technik stehts bei der Hand. ‚Silent Running‚ ist bei weitem nicht so extrem ausgefallen wie sein Vorgänger schlägt dafür aber brillant die Brücke zwischen den Polen Postrock und Elektronik, reicht alten wie neuen Fans gleichermaßen die Hände. Auch, wenn nicht all jene ‚Silent Running‚ im Plattenschrank stehen haben werden: Ursprünglich als reine Live-Neuvertonung des gleichnamigen Science-Fiction Klassikers gedacht, ließ man sich per Fanspenden dazu überreden, das Material im Studio aufzunehmen. Die dazugehörige Vinylserie war innerhalb weniger Stunden ausverkauft, ‚Silent Running‚ ist bis auf weiteres nur noch digital erwerbbar – dafür allerdings mit ebenfalls äußerst gelungener, vier Song starker Bonus EP. Was dann auch das einzige Manko am fortschreitenden Entwicklungsprozess von 65daysofstatic ist. Tatsächlich trüben kann dies die Freude über ‚Silent Running‘ jedoch nicht: 65daysofstatic haben wieder im Jetzt Fuß gefasst, bleiben mit den Köpfen jedoch in der Zukunft – die futuristischste Band des Postrock.

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