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Amy Winehouse – Lioness: Hidden Treasures

Ein Schelm, wer hinter ‚Lioness: Hidden Treasures‘ nur raffgierige Plattenfirmenbosse mit blinkenden Dollarzeihen in den Augen vermutet. Tatsächlich ist das „Vermächtnis“ der jung verstorbenen Soul-Hoffnung ein weitgehend stimmungsvoll zusammengeschraubtes Stück Bastelarbeit.

Eine Sammlung von Songs, die es verdiente, gehört zu werden“ – gern bemühte Phrasen dreschen auch die musikalischen Nachlassverwalter der unlängst verstorbenen Winehouse. Nur verständlich, wenn man so manche im Zuge des Ablebens etwaiger Musiker veröffentlichte Platte schönreden muss – nicht selten driftet das „künstlerisch wertvolle“ Hinterbliebene ja qualitativ in obskure Richtungen ab, die der trauernde Fan dann doch goutiert – oder zumindest anderen unter den Weihnachtsbaum legt. ‚Lioness: Hidden Treasure‚ schafft es unter der Ägide von Winehouse´s langjährigen  Stammproduzenten und Freund Salaam Remi jedoch, dem Moneymaker-Gedanken einen Hacken zu schlagen. Denn ist das Dutzend an nicht immer neuen Songs auch nicht durchgängig brilliant, ist es doch eine überzeugende Sammlung von unveröffentlichten Songs , Alternativversionen und Live-erprobten Coverausflügen. Was man den Produzenten nicht hoch genug anrechnen kann: Das zwischen 2002 und 2011 aufgenommene Material wurde dabei zu einem homogenen, durchwegs stimmigen und jederzeit unterhaltsamen Album zusammengebastelt.

In Anbetracht der Tatsache, dass nach ‚Back to Black‚ wohl zwangsläufig bestenfalls eine kleine Enttäuschung folgen könnte, würde  ‚Lioness: Hidden Treasures‚ unter anderen Umständen sogar das bestmögliche dritte Studioalbum der Britin abgeben. Zwöfmal präsentiert sich Winehouse stimmlich weitestgehend in Bestform, bringt ihren stimmungsvollen Mix aus Neo-Soul und jazzigen R&B stilgerecht auf den Punkt – man darf trotzdem darüber grübeln, wieviel besser das jedoch noch hätte werden können, hätte der deutlich stimmiger zu Winehouse passende Mark Ronson hier öfter an den Reglern gesessen. Nichtsdestotrotz: Eröffnet mit dem relaxten Raggae von ‚Our Day Will Come‚ der Doo Woop von Ruby & the Romantics, liegen zum darauf flgenden, über 50 Jahre später von Winehouse geschriebenen, grundsoliden Romantikschunkler ‚Between The Cheats‚ gefühltermaßen keine zwei Wochen – ‚Lioness: Hidden Treasures‚ ist in mehrerlei Hinsicht zu einer verträumten Zeitreise geworden.

Tears Dry‚ zeigt in seiner Originalversion seine balladeske Seite, lässt jedoch an Biss vermissen und den Wunsch aufkeimen, Remi möge nicht jeden Refrain mit den selben Backgroundchören zukleistern. Gehörig mehr Dramatik fährt der Shirells Klassiker ‚Will You Still Love Me Tomorrow?‚ unter Führung Mark Ronsons auf, The Dap Kings befeuern mit Streicher-Arrangements von Chris Elliott – sehr fett, sehr fein! ‚Like Smoke‚ lädt „Mr. Jones“ Nas ein, das zweite Duet neben dem bereits bekannten ‚Body And Soul‘ mit Tony Bennet gerät allerdings deutlich spannender als der jüngst aufgenommene Jazz Standart der 30er.
Freude an ‚Lioness: Hidden Treasures‚ werden sicherlich auch die Bankkonten der Zutons haben: Deren ‚Valerie‚ schnippt in der Original 68er Version langsamer aber ebenso neckisch, verblasst allerdings gegen den schmissigen Bossa Nova von ‚The Girl From Ipanema‚ – das unvermeidliche „Was-wäre-wenn?“-Szenario: Winehouse mit The Roots als Backingband….
Bis in die Ära von Frank reichen der Gänsehautmoment ‚Halftime‚ und der flirtende Live-Opener ‚Best Friends, Right?‚, auch die One Track Demo von ‚Wake Up Alone‚ ist nun gut genug für Publikum – wäre sie eigentlich schon immer gewesen.

Das posthume Album der Londonerin verströmt über 45 Minuten eine entspannte Leichtigkeit, die dem gewissenhaften ‚Back to Black‚ an mancher Stelle fehlte und hat nicht nur dank der zahlreichen Coverversionen das deutlich stärkere Songmaterial als ‚Frank‚ in peto.
Entlässt der pompöse Leon Russell Klassiker Evergreen ‚A Song for You‚, ist ‚Lioness: Hidden Treasures‚ sein größtes Kunststück jedoch bereits nebenbei gelungen. Nicht, dass die weitestgehend fesselnde Sammlung bisher verschmähter Songs die begnadete Sängerin Winehouse zum musikalischen Genie verklären würde – doch schafft es die Platte, die über die letzten Jahre fest eingebrannten Bilder eines menschlichen Society-Fracks zu tilgen und die Erinnerung an eine wahrhaftig talentierte Musikerin neu aufleben zu lassen. „Eine Sammlung von Songs, die es verdiente, gehört zu werden“ – in diesem Fall ist es tatsächlich so, mindestens.

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