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Bill Callahan – Apocalypse

Der Schein trügt: Hinter der Fassade wunderbaren Folksongs bläßt Bill Callahan wieder Trübsal.
Wegen der Widrigkeiten des Lebens sowieso und nun auch wegen seines Heimatlandes. Da hinterlässt jeder Hördurchgang offene Fragen – und das Gefühl, doch irgendetwas für´s Leben gelernt zu haben.

Seine persönliche  Apokalypse durchlebt der Mann offenbar Tag für Tag aufs Neue. Davon zeugen zahlreiche Alben, welche Callahan seit 1988 als Smog bzw. (Smog) veröffentlichte. Auf seinem dritten Album unter eigenen Namen aber wendet sich Callahan ausgiebiger als je zuvor auch den Missständen in seinem Heimatland zu.
Immer wieder blitzen in den sieben Songs Fragmente von gesellschaftskritischen Tiraden auf, der ehemalige Lo-Fi Meister hat offenbar eine Rechnung mit Amerika offen:
Yet one thing about this wild, wild country. It takes a strong, strong . It breaks a strong, strong mind!“ Mit einem abschätzigen Blick neben plakativer Protestparolen vorbei, singt Callahan von Dingen, die da falsch laufen.
Afghanistan, Vietnam, Iran, Native American – Well everyone’s allowed a past they don’t care to mention“  heißt es etwa. Wenn Callahan später lobpreist “What an army, what an air force, what a marines.“ weiß man, wie das gemeint ist.
Der schwarzhumorige Schalk macht aus dem diesbezüglich zentralen Song America! dann auch noch das beschwingtest stampfende Stück der Platte, spendiert dem Song sogar die abgedrehtesten E-Gitarreneskapaden seiner jüngeren Kariere. So richtig schlau kann man aus diesen Seitenhieben allerdings nicht werden, zu unkonkret bleibt Callahan. Das könnte alles und nichts bedeuten und bietet wiedereinmal massig Interpretationsfläche.

Abgesehen davon kann Callahan natürlich ohnedies nicht aus seiner Haut. Dem spätestens auf seinem stillen Folkglanzstück Sometimes I wish We Were an Eagle eingeschlagenen Weg bleibt Callahan treu, erlaubt seinen Kompositionen gar noch mehr Freiräume, bleibt nicht nur textlich vage. Apocalypse lässt seine Songs gleichermaßen reichhaltig instrumentiert aber dennoch karg und spärlich bestückt erscheinen. Gerade eben noch vernommene Flöten oder Streicher scheinen im nächsten Moment schon als Einbildung, einzig diese verspielte Gitarre im Hintergrund dürfte immer schon da gewesen sein. Wahrscheinlich war man aber bloß wieder von Callahans wunderbar tief monotoner Stimme abgelenkt gewesen.
Der Mann könnte wahrlich Telefonbücher vorsingen, und es würde Herzen zum Schmelzen bringen.

So singt Callahan jedoch von gebrochenen Herzen, gebrochenen Menschen, gebrochenen Leben.
When the earth turns cold . And the earth turns black .Will I feel you riding on my back?“ fragt Callahan in One Fine Morning und man weiß nicht, ob man die Antwort darauf überhaupt wissen möchte.
In diesen Momenten ist Apocalypse am stärksten, weil am eindringlichsten. Wenn die Musik in den Hintergrund tritt und  Callahan den alleinigen Platz im Scheinwerferlicht überlässt. Er den vom Leben gezeichneten, aber Unbelehrbaren gibt, der notfalls gegen all die Widrigkeiten da draußen immer noch ein ungezwungenes Pfeifen auf den Lippen findet obwohl er schon längst aufgegeben hat.

I kept hoping for one more question . Or for someone to say, „Who do you think you are?“ So I could tell them“. Apocalypse lässt keinen Zweifel daran, dass man selbst am liebsten dieser Jemand für Callahan sein würde.
Ebenso wenig wie an der Erkenntnis, dass Callahan offenbar nichts falsch machen kann.
Der Mann hat einen Lauf. Und werkelt an seinem eigenen Denkmal.

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