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Atheismus, die neue (Massen?-) Religion

Das Nudelsieb am Kopf des Niko Alm hat erreicht, worauf die Atheist_innen-Clique Österreichs gehofft hat: eine Debatte über die Privilegierung von Religionen wurde, erfolgreicher als zuvor, gestartet. Ich habe aber ein mulmiges Gefühl, wenn ich an ihren Atheismus denke.

Ich bin Agnostiker. Für mich persönlich ist es das Wahrscheinlichste, dass es „da oben“ nichts und niemanden gibt, aber das kann ich nicht beweisen. Deswegen verneine ich auch keine Existenz irgendwelcher Gottheiten, finde sie aber sehr bezweifelnswert, bis mir ein Beweis der (Nicht-)Existenz zugetragen wird. Ich habe kein Problem mit gläubigen Menschen, solange sie nicht völlig irrational und weltfremd ihre Maximen auf ihr und mein Leben umlegen, sondern ihren Glauben das sein lassen, was er sein soll: persönlich. Ich habe auch kein Problem mit Atheist_innen – solange sie andere glauben lassen.

Und da haben wir das Problem. Natürlich, Atheist_innen werden wohl nie in die Position kommen, offiziell gegenüber Kirchen zu gewinnen, und natürlich werden die Nichtgläubigen auch nie deren Privilegien genießen. Aber was wäre auch der Sinn dahinter? Atheismus ist eine Glaubensform, keine Religionsgemeinschaft. Es wäre auch sinnlos, Atheismus als Religion eintragen zu lassen, weil es das genau Gegenteil der Grundaussage dieser persönlichen Glaubensentscheidung wäre. Und es ist alles andere als gerechtfertigt, Menschen wegen ihres Glaubens pauschal als irrationale, dumme Menschen darzustellen.

Ich habe ein Problem damit, wenn Glauben (nicht Religion!) mit Dummheit gleichgesetzt wird, Gläubige als völlig irrationale Menschen dargestellt werden, die doch intelligenter sein müssten. Ob Gläubige einer Kirche, die missioniert und Lebensregeln vorgibt angehören sollten, dass müssen sie selbst entscheiden. Und ich sehe schon auch, dass es etwas Blindes hat, wenn man, nur, weil Christ_in, sich einer Kirche anschließt. Dass es Wahnsinn ist, wenn Unterdrückung mit Glaubensregeln untermauert wird. Das etwas dagegen getan werden muss.

Aber dafür kann ich Gläubige nicht angreifen – aber genau das passiert von unreflektierter atheistischer Seite immer wieder. Da wird der Atheismus als das einzig Wahre, Sinnvolle, Richtige dargestellt und damit schon fast auf die Stufe einer Religion erhoben. Das ist falsch. Das ist genau so falsch, wie alle möglichen Dinge, die die katholische Kirche von sich gibt. Atheismus muss eine persönliche Entscheidung sein, Glauben oder Nichtglauben darf niemals top-down vorgegeben werden. Glauben darf nicht pauschal als schlecht dargestellt werden, Gläubige dürfen nicht stumpf als dumm und irrational stigmatisiert werden. Das wusste auch Rosa Luxemburg.

Die Sozialdemokratie nimmt niemandem seinen Glauben und kämpft nicht gegen die Religion! Sie fordert dagegen völlige Gewissensfreiheit für jeden und Achtung vor jeglichem Bekenntnis und jeglicher Überzeugung. Aber wenn die Priester die Kanzeln als Mittel des politischen Kampfes gegen die Arbeiterklasse missbrauchen wollen, so wenden sich die Arbeiter gegen sie wie gegen alle Feinde ihrer Rechte und ihrer Befreiung.
(„Kirche und Sozialismus“, Rosa Luxemburg)

Die große Stärke der Atheist_innen waren immer ihre rationalen Argumente gegen irrationale Dogmen einer Religion. Wenn nun aber die Atheist_innen beginnen, irrational Dogmen anzuwenden, unreflektiert alles, was an Glauben erinnert, ablehnen, dann kann ich da nicht mit. Denn Atheismus darf keine Religion werden.

Foto: phonakins

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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Comments (3)

  1. REMID17. Juli 2011 Antworten
    Insofern bedarf es um so mehr der Expertise eines Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes (siehe Link).
  2. Fuchsy17. Juli 2011 Antworten
    guter beitrag. Vor allem die Aussage „Ich habe ein Problem damit, wenn Glauben (nicht Religion!) mit Dummheit gleichgesetzt wird“ darf manchem ins stammbuch geschrieben werden. Das phänomen „bei nichtgefallen falsch“ taucht zwar nicht nur in glaubensdebatten auf, dort aber verstärkt. religiosität ist privatsache, jede/r soll an dass glauben, was ihn oder sie glücklich macht. sehr problematisch finde ich nur den missionierungsdrang, das aufzwingen der eigenen meinung über andere. und natürlich die versuchte verwissenschaftlichung von intelligent design, et al. verstärkt beobachtbar ist auch die verstärkte spiritualität von esoterik, die religiösen charakter annimmt und teilweise schon christlichen fundamentalismus um nichts nachsteht.
  3. Karl17. Juli 2011 Antworten
    Danke fuer dieses schöne Kommentar!

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