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Auf Crashkurs- Der Wiener Lesetest

Die Ergebnisse des Wiener Lesetests sind da. Von 30.000 SchülerInnen der vierten und achten Schulstufe wurde die Lesefähigkeit überprüft. Die Ergebnisse sind mehr als ernüchternd. In einem mehrwöchigen Crashkurs sollen die Kinder nun lernen, was in langen Schuljahren nicht gelang.

Anfang April mussten alle Wiener SchülerInnen am Ende der Volksschule und am Ende der Hauptschule/NMS/AHS-Unterstufe ihre Lese-Textverstehens-Kompetenzen unter Beweis stellen. Nun wurden die Ergebnisse und Konsequenzen dieses Tests vorgestellt.

Am Ende der Volkschulzeit gehören 24% der Kinder zur Risikogruppe der schwachen LeserInnen, 7% müssen gar als extrem schwacher LeserInnen eingestuft werden. Die 13- bis 14-Jährigen SchülerInnen weisen noch schlechtere Ergebnisse auf: Fast jede/ fünfte gehört zur Risikogruppe, gar jede/r Zehnte ist ein extrem schlechte/r LeserIn. Wohlgemerkt, Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf nahmen am Test gar nicht teil!

Bereits im Vorfeld wurde die ausgewählte Schulstufe kritisiert: Hätte diese Überprüfung am Ende der dritten bzw. siebenten Schulstufe stattgefunden, so könnte man die Kinder noch ein Jahr im Klassenverband behalten und vielleicht durch individuelle Förderung Verbesserungen erzielen. Aber am Ende der achten Schulstufe haben viele schon das Ende der Schulpflicht erfüllt, und sind für Unterstützung durch das Schulsystem verloren. Andere werden ein Jahr in der Polytechnischen Schule absitzen, bevor sie versuchen, ohne basale Fertigkeiten in den Arbeitsmarkt einzutreten.

Für die Volksschulkinder wird es aber gezielte Förderungen geben. Mit Einverständnis der Eltern sollen sie im neuen Schuljahr mehrere Wochen dem normalen Schulunterricht fernbleiben, um in einem Schnellverfahren Lesen zu lernen. Wenn einige Wochen Intensivlernen wirklich wettmachen können, was den vorgegangen vier Schuljahren nicht gelang, dann ist es um die österreichische Volksschule schlimm bestellt.

Ungeklärt bleibt in den Zeitungsberichten, wie dieser Crashkurs genau stattfinden soll, zum Beispiel hinsichtlich Gruppengröße oder Lehr- und Lernmethoden. Ebenso, welche PädagogInnen diesen Crashkurs durchführen werden. Werden sie Zusatzqualifikation (für Kinder mit Legasthenie oder schlechten Deutschkenntnissen) aufweisen?

Die Schule ist auch ein Ort der soziale Kontakte. Da die betroffenen Kinder nächstes Jahr in eine neue Klasse mit neuen MitschülerInnen kommen und viele erst einen neuen Freundeskreis aufbauen werden müssen, erscheint mir der Zeitpunkt des Crashkurses ungünstig gewählt. Wer in einer neuen Schule gleich zu Beginn quasi isoliert wird, weil er oder sie zu schlecht lesen kann, wird es vermutlich schwer haben. In den ersten Schulwochen des Jahres werden Freundschaften geschlossen und Gruppen gebildet, die meist jahrelang erhalten bleiben. Mit dieser Maßnahme wird gar die Bildung von Freundschaften zwischen besseren und schlechteren SchülerInnen erschwert. Dies kann sich wiederum auf die Lernmotivation der schwächeren SchülerInnen auswirken.

Dieser Crashkurs wird ebenso nicht zur Verbesserung der allgemeinen Schulleistung betreffender Kinder beitragen, vielmehr besteht die Gefahr einer signifikanten Verschlechterung. Nach Ende des Crashkurses werden die Kinder viel vom neuen Schulstoff versäumt haben. Es ist aber nicht geplant, sie beim Nachlernen zu unterstützen. Die Wiener Stadtschulrätin Susanne Brandsteidl meint dazu, dass die Kinder aufgrund ihrer Leseprobleme im Unterricht ohnehin nicht viel verstanden hätten. Also is eh schon wurscht, oder?

Ich habe selbst mit Kindern gearbeitet, die Probleme hatten, einen Text sinnerfassend zu lesen. Nichtsdestotrotz waren sie neugierig und interessiert und hatten in anderen Teilbereichen Talente, die man durchaus in der Schule fördern kann. Wenn man solche Kinder nun am Ende des Crashkurses sich selbst überlässt und mit einer Unmenge von neuem Lernstoff überfordert, schafft man keine guten SchülerInnen. Vielmehr kann man ihnen somit ihre Lernfreude endgültig nehmen.

Wie so oft, wenn es um Maßnahmen im österreichischen Bildungssystem geht, muss man auch hier anmerken: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

 

Foto: Pingu1963

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