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Battles – Gloss Drop

Zurück aus der Zukunft ist die Mensch-Maschine : Battles erfinden  ihren futuristischen Rhytmuswahnsinn wieder mit massig Hirnschmalz, bevor er in Bauch und Beine geht. Die Amerikaner zelebrieren damit Mathrock immer noch am Zenit.

Und das, obwohl der Supergroup  in den vier Jahren seit dem Debütalbum ein essentieller Bestandteil verloren ging: Tyondai Braxton –  Gitarrist, Sänger und potentieller Frontmann der Band – verließ die Klangmaschine Battles Richtung vielversprechender Solokarriere. Wie wichtig vor allem sein gesanglicher Input für Battles gewesen ist, das zeigt Gloss Drop‚ nicht nur phasenweise in einer Klarheit, die man so drastisch erst durch sein Fehlen wahrnimmt. Braxton´s Soundexperimente und gesangliche Spielereien verliehen dem Gesamtsound nicht nur zusätzliche Charakteristika, sondern vor allem auch Charakter – ein Loch, dass die verbliebenen Musiker auf Gloss Drop‚ nicht auffüllen können.

Ian Williams, Dave Konopka und John Stanier wissen dies und machen trotzdem – oder gerade deswegen –  das bestmögliche aus dem vielerwarteten zweiten Album. Viermal dürfen Gastsänger aushelfen (Techno Produzent Matias Aguayo, Yamataka Eye von den Boredoms, Blonde Redhead’s Kazu Makino und Elektronik Guru Gary Numan), die restlichen Songs kommen ohne Vocals aus und beschreiten damit den vielleicht einzig richtigen Weg für Battles; Gloss Drop‚ fühlt sich trotz der markanten Abstinenz Braxton´s wie ein waschechtes Battles Album an, die Rumpfcrew bleibt am Steuer und manövriert ihr Raumschiff durch erstklassige Song wieder mitten hinein ins Auge des Kosmos, das für die New Yorker die kleinste Schnittmenge zwischen experimenteller Musik und damit deren Äquivalent moderner Kunst darstellt.

Die Gitarren pluckern und fipsen wie gewohnt, während Williams simultan dazu die ständig präsenten und richtungsweisenden Synthesizer hüpfen lässt. Konopka und vor allem der Groovemagier Stanier am Schlagzeug orchestrieren diese epochale Klangwelten ,die immer dem Beat dienen, die Beine auf einer noch nicht erfundenen Tanzfläche wackeln lassen, während der Kopf schon wieder ganz wo anders ist. Die Rhythmik bleibt zwingend und mitreißend, obwohl teilweise geradezu absurd progressiv, um mindestens zehn Ecken gedacht und dennoch auf den Punkt gespielt. Gloss Drop‚ setzt sich aus tausenden Bausteinen zusammen, lässt dutzende  Melodien und Ideen aufeinanderprallen, das Ganze zu mehr als die Summe seiner Teile zusammenwachsen, musikalischen Wahnsinn zur Normalität werden. Egal ob Math- oder Progrock, Eklektronik mit Karibik Motivation oder Spannungsbögen mit schwindelig machender Komplexität: Auf Gloss Drop‚ ist alles möglich, was Battles aus ihren Instrumenten kloppen können.

Nur die für ‚Mirrored‘ noch zulässige „Schlümpfe“- Referenz hat auf Glos Drop‚ ausgedient, darf aber durch die quirligst mögliche Interpretation von Zirkusfreakout ersetzt werde. Wer Atlas nachweint, wird durch Ice Cream getröstet, einem unwiderstehlichen Wechselspiel aus Gitarrenpingpong, das sich zum Groovemonster hochschnauft. In Futura‚ revoltieren die Saiteninstrumente, bevor Stanier für Ordnung sorgt, sich im Hintergrund bedrohliche Keyboardflächen aufschichten und schlußendlich alles übereinander her fällt. Wall Street‚ ist Hektik pur, was hier am ehesten zum Ziel kommen möchte ist unklar, Synthesizer pfeifen dem Rhythmus eins und plötzlich nimmt das Ganze auch noch epische Ausmaße an. Und im Grunde ist das alles dann doch nur seltsam entrückte Rockmusik mit einem ordentlichen Punch, wie das erdrückend dichte My Machines‚ beweist.
Gloss Drop‚ besteht dabei ausschließlich aus Songs wie diesen; epochalen, allesverschlingenden Ungetümen, welche die schlüssigste Melange aus all ihren Einzelteilen ausspeien. Songs, wie sie sonst keine andere Band zu spielen vermag. Womit es auch nebensächlich ist, dass Gloss DropMirrored‚ damit dennoch nicht auf Augenhöhe begegnen kann.
Denn immer noch spielen Battles derart hippe Musik, dass die Zeit dafür eigentlich noch gar nicht reif ist.

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Comments (1)

  1. Pingback: LITE - For All Innocence - Neonliberal.at 7. Juli 2011 […] nur noch unbedeutend weit entfernt davon, die selbe Auffassung von Pop zu vertreten, wie das auch Battles tun. ‘Chameleon Eyes‘ belästigt zwar mit penetranten Synthie, aber dennoch ist es eine […]

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