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Björk – Biophilia

Astrophysik, String-Theorie, Neuro- und Biologie, eigens entwickelte Instrumente und der ganz normale Wahnsinn: Björk hat sich für ihr achtes Soloalbum allerhand Gedanken gemacht. Dementsprechend klingt der musikalische Part dieses Multimediaspektakels dann auch.

Je nach Sichtweise krankt ‚Biophilia‚ damit an den selben Symptomen, die sich seit ‚Medulla‚ auf den Alben der Isländerin eingeschlichen haben: In erster Linie ist das mittlerweile beinahe ausschließlich Kopfmusik. Natürlich erstaunlich, interessant und auch beispiellos, kreativ wie nur was, bietet ‚Biophilia‚ genug Raum für Entdeckungen und ist mit allerlei verspulter Raffinessen versehen. Doch zu selten finden die Ideen hinter den Kompositionen zu wirklich packenden Songs. Ein wenig ist ‚Biophilia‚ damit wie das Ansehen einer Schönheits-OP im TV: Das ist irgendwie faszinierend – dabei sein muß man dann aber doch nicht unbedingt. Insofern nicht die unpraktischste Entscheidung der Musikerin, rund um das Album ein ansehnliches Spektakel aufzufahren: Das reserviert den Titel des ersten „App-Albums“ für sich, bietet dazu Workshops an, hat Dokumentationen im Schlepptau. Und das ‚Biophilia‚ ein toller Grund für Björk ist, sich Live vor surrealen Instrumenten in abstruse Verkleidungen zu schmeißen, braucht man wohl nicht erst erwähnen.

Was von all dem Drumherum bleiben dürfte, werden schlußendlich aber ohnedies nur die veröffentlichten zehn Songs sein. Und diese zeigen Björk nicht immer in der Hochphase ihrer Schaffenskraft. Mögen hierfür auch allerhand Instrumentarien erbaut worden sein, man würde aufgrund der dem Album niederliegenden Laune zum Minimalismus auch gerne glauben, dass die Isländerin einfach die Aservatenkammer von ‚Vespertine‚ aufgesperrt hat, um darin nach Herzenslust zu wildern. Die Drum’n Bass Beats, die etwa am Ende von ‚Thunderbolt‚ kompromisslos lospreschen dürfen, hatte sie damals freilich noch nicht dabei. Ansonsten aber entfaltet ‚Biophilia‚ nach anfänglicher Faszination schnell das Gefühl, all das schon einmal ähnlich von der Isländerin vorgesetzt bekommen zu haben. Nur dass die Songs eben schon einmal besser waren, ergreifender, berührender. Am niederschlagendsten: Trotz aller Ambitionen fügt ‚Biophilia‚ dem Björk´schen Soundkosmos keine tatsächlich neuen Facetten hinzu.

Kompositionen wie ‚Hollow‚ – Björk leidet samt Chor über wirre Orgel(?)Rhythmen – mögen durchaus anfangs die Augenbrauen heben, führen schlußendlich jedoch nur zu einem Stirnrunzeln. Kriegt Frau Guðmundsdóttirdie Kurve und lässt Herz und Hirn zueinander finden, ist das natürlich immer noch und wieder einmal wunderbare Avantgarde an der Grenze zum Pop: Die Vorabsingle ‚Crystalline‚ etwa bezirzt mit einnehmender Melodielinie, während sich im Hintergrund die Beats balgen, ‚Virus‚ macht den lieblichen Lovesong für Zellkerne, ‚Moon‚ schreit nach Joanna Newsom und die elektronischen Spielereien von ‚Mutual Core‚ stehen einer Björk, die immer noch klingt, als müsse sie ihren Songs die Welt erklären, ohnedies. Leider sind diese Ausnahmen nicht mehr als Tropfen auf dem heißen Stein. Nie stellt sich ein mitreißender Albumfluß ein, auch wenn ‚Biophilia‚ nicht zum unausgegorenen Stückwerk ala ‚Volta‚ verkommt. Dennoch unterstreicht ‚Biophilia‚ – auch durch das Auswalzen von Björks Tatendrangs auf andere Territorien – die Vermutung, das sich die Künstlerin heillos in der an sich selbst gestellten Aufgabe verstrickt hat: Progression in jede Richtung um jeden Preis – offenbar auch, wenn dies einem Song schadet. Die Vermutung liegt nahe, dass die ewig suchende Musikforscherin ihre musikalischen Grenzen ausgelotet hat. ‚Biophilia‚ ist abermals „nur“ eine weitere Variation der Reise dorthin.

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Comments (1)

  1. Pingback: Björk - Vulnicura - HeavyPop.at 13. November 2016 […] und vor allem – der Opener ‚Stone Milket‚ ist im Grunde alles, was man auf ‚Biophilia‚ zuletzt so sehr vermisst hatte: Björk artikuliert mit eleganter Intensität und einer lange […]

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