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Blondie – Panic of Girls

Acht Jahre und zahlreiche Komplikationen bei der Veröffentlichung brauchte es, um die New Wave Pioniere zum dritten Mal seit der Reunion 1997 auf Platte zu bannen. Schlußendlich darauf zu finden: Zahlreiche Ohrwürmer und einige Rohrkrepierer, alle mit dem selben scheußlich-absurden pseudo Zukunftssound. Und Beirut´s Zach Condon.

Was für die Indiesektion nach entsprechenden Vorabmeldungen die eventuell meist erwartete Stelle auf ‚Panic of Girls‚, dem neunten Studioalbum seit 1976 , darstellen dürfte: Blondie können nicht nur musikalisch auf Unterstützung von Weltmusikjungspund Condon zählen, sondern nehmen sich auch dessen ‚Sunday Smile‚ vor, drehen den Song gehörig durch die Reaggae- Orgel und blasen den Song nicht nur produktionstechnisch gehörig auf, sondern auch um knappe eineinhalb Minuten. Womit Blondie´s ‚Sunday Smile‚ zwar nicht derart charmant neben der Spur läuft, wie das Original von 2007, aber in der gitarrenlastigen  Neubearbeitung  doch eine gewisse Faszination entfalten darf und von der offenbar alterslosen Debbie Harry und Condon markant nach Hause geschunkelt wird.

Doch auch abseits der Generationsübergreifenden Bekennung zur Jugend zeigen Blondie mit ‚Panic of Girls‚, dass sie beileibe noch nicht zum alten Eisen gehören.
Mit ‚D-Day‚ schießen die Amerikaner gleich einen flotten Rocker vorneweg, der als exemplarisch für Blondie 2011 gelten darf: Catchy Melodien, die sofort ins Ohr gehen treffen auf eine unfassbar fette Produktion, die förmlich aus den Boxen prügelt und dabei vor allem die Synthezizer und Keyboardmomente derart aufbläst, dass einem schwindelig wird. Was beim folgenden ‚What I Heard‚ oder vor allem der ersten Single ‚Mother‘ sogar noch dominanter auftritt. Matt Katz-Bohen tränkt den schmissigen Bubblegum Rocker mit seltsamen Effekten, die wohl so klingen dürften, wie Blondie sich in den 80ern die Zukunft vorgestellt haben dürften. Überhaupt sieht man zu ‚Panic of Girls‚ vor dem geistigen Auge nicht selten Roboter tanzen und Raumschiffe fliegen.

Vielleicht nur passend, dass Blondie sich dazu auch kosmopolitisch wie nie präsentieren. Immer wieder wird der Schritt zum Raggae vollzogen, ‚Sunday Smile‚ bleibt kein Ausreißer.
The End, the End‚ malträtiert die Nerven mit Captain Future Sound und wippt  melancholisch-romantisch weiter bis ‚Girlie Girlie‘ direkt auf Jamaika landet und eines der wenigen Gitarrensoli in unter 5 Sekunden preisgibt. Muss man nicht gut finden, die Seite der Band, schlecht steht ihnen die Ausrichtung jedoch wahrlich nicht.
Zumal der Umstieg auf New Wave Keyboards und schmalzige Hardrock Gitarren im harmlosen ‚Love Doesn’t Frighten Me‚ schwer fällt, ausschließlich der Refrain halbwegs sticht und überhaupt die schwächste Phase von ‚Panic of Girls‘ einläuten muß: ‚Words in My Mouth‚ nimmt das Tempo weg, dauert bei viereinhalb Minuten eine geschätzte Ewigkeit, versucht sich lasziv zu präsentieren und nervt dabei gleichermaßen mit spacigen Keyboardeffekten wie Bratgitarren im Hintergrund.

Über den Umweg ‚Sunday Smile‚ finden Blondie schließlich in die Disco, stampfen in ‚Wipe Off My Sweat‚ den spanischen Dancefloor, während Harry mit „Papi, Papi“ Rufen die lateinamerikanische Seniorita gibt und einen billigen Songs nur noch anfälliger fürs Fremdschämen macht. Blondie fühlen sich offenbar überall zu Hause,  auch an Orten, wo die Band eigentlich nichts verloren hat. Besser steht ihnen da schon Frankreich: Für ‚Le Bleu‚ packt Debbie Harry weitere Sprachkenntnisse aus, während Condon im Hintergrund mit Ziehharmonika und Trompeten Chanson Flair beschwören darf und aufzeigt, wie so eine Weltreise schon besser funktionieren kann.
Mit ‚China Shoes‚ kehren Blondie dann zu ihren Leisten zurück, hauen einen zurückgenommenen, zwischen nett und belanglos pendelnden Midtemporocker ans Ende.

Wobei das Ende im Falle von ‚Panic of Girls‚ an dieser Stelle erst für die regulär erhältliche Version des Albums erreicht ist. Nachdem ‚Panic of Girls‚ ja bereits 2010 veröffentlicht werden hätte sollen, sich die Plattenfirma jedoch quer legte, entschied man sich auf Bandseite für einen teilweisen Alleingang, veröffentlichte das Album im Mai 2011 erst online, um kurz darauf mit einem ‚Collectors Pack‚ nachzuziehen – einer fett augepimpten Sammleredition, die der regulären Albumveröffentlichung ein Monat vorausrittert  und zudem mit zwei Bonussongs aufwarten kann:
Horizontal Twist‚ ist ein kurzweiliger, spaßiger Rocker, der dem eigentlichen Album in seiner Lockerheit nicht geschadet hätte und alleine schon deswegen zu gefallen weiß, da er nicht wie das Gros der anderen Songs unsehligerweise einfach ausfadet.
‚Mirame‚ ist der nächste Verwandte zu ‚Wipe Off My Sweat‚ und zweite spanischsprachige Song der Band, wobei hier der traditionellere Weg gegangen wird, keine Spur von Discosounds und dabei dennoch befremdlich.

Womit das ‚Collectors Pack‚ wohl in erster Linie für Fans relevant sein dürfte, Blondie an sich dies jedoch auch generell bleiben. Songs der Güteklasse wie man sie vor allem auf ‚Parallel Lines‚ finden kann, schreiben die Amerikaner keine mehr, selbst für sich alleine stehende Hits wie ihr 1999er Comebackhit ‚Maria‚ dürfte keinen Nachfolger bekommen.
Nichtsdestotrotz zeigen Blondie, dass sie trotz teilweiser Neuformatierung  nichts von ihrem Melodiegespür verloren haben und immer noch in der Lage sind, schwungvolle Poprocker mit Wave Flair zu schreiben. Auch der Ausflug rund um die Welt gelingt phasenweise, was jedoch die Tatsache nicht verschleiern kann, dass ‚Panic of Girls‚ vor allem in der zweiten Hälfte deutlich die Luft ausgeht.
Dennoch darf weiterhin Vorfreude um Blondie Veröffentlichungen herrschen – vor allem, wenn man zukünftig auf Jeff Saltzman und Kato Khandwala auf den Produktionssesseln verzichten kann.

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