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Bombay Bicycle Club – A Different Kind of Fix

Bombay Bicycle Club "A Different Kind off Fix"Viel macht der Bombay Bicycle Club auf Album Nummer 3 nicht anders als vorher. Da war der Umstieg vom krachenden Indierock des Debuts ‚I had the blues but I shook them loose‘ auf den ruhigen Folk von ‚Flaws‘ schon weitaus mutiger. Trotzdem liefern sie nicht „mehr vom Selben“, sondern manifestieren ihren Stil – und festigen so ihre Position als eine der besten Indie-Bands der letzten Jahre.

Nach dem schnellen, lauten Einstand mit ‚I had the blues […]‘, der Indierock gekonnt mit wavigen Dub-Intermezzos verband und dabei so leicht und locker wirkte, als würden die damals noch sehr jungen Musiker das Album im Nebenbei (und doch mit all ihrem Herzblut) aufgenommen haben, ein selbstproduziertes Folk-Album zu veröffentlichen – so etwas können sich normalerweise nur etablierte Acts erlauben. Der Bombay Bicycle Club setzte aber auf künstlerische Freiheit und die Band machte, was Spaß machte – ‚Flaws‘. In Zeiten von ewig bindenden oder gleich geschiedenen Plattenverträgen etwas völlig Frisches, etwas, für dass es Mut braucht.

Ihren Mut müssen die vier jungen Künstler nicht mehr beweisen. Sänger Jack Steadman produzierte gemeinsam mit Jim Abbiss (Arctic Monkeys, Editors, Sneaker Pimps) und Ben Allen (Animal Collective) ‚A Different Kind of Fix‘, die den Weg der einst hoffnungvollsten Indie-Newcomer zur eingesessenen Indie-Größe ebnen wird.
Inzwischen erhält die Band live unter anderem Hilfe von der Singer-/Songwriterin Lucy Rose (auch im Video zur Single ‚Shuffle‘ prominent vertreten) an den Backgroundvocals und einem weiteren Musiker, der für Samples und Keyboards zuständig ist. Der Sound wird größer – wenn das nach dem druckvollen Debut und dem intimen Zweitwerk etwas aussagt. Der Druck ist wieder da, der Sound factettenreich und leicht wie eh und je. Die Band schafft es, ihren schrammelnden Post-Punk niemals „zeitgenössisch“ oder „eh modern“ klingen zu lassen, sondern macht daraus ihren eigenen Sound, getragen von Samples, Synthesizern und dem allgegenwärtigen Rhythmus-Duo Ed Nash und Suren de Saram (der ganz nebenbei auch Klassik-Konzerte spielt).

Eine der größten Stärken des Bombay Bicycle Clubs ist es wohl, dass die vier es so gut wie leider nur wenige andere verstehen, Spannungsbögen durch ihre Songs zu ziehen und dadurch gewaltig für Abwechslung sorgen. Das amüsiert gleich zu Beginn, wenn ‚How can you swallow so much sleep‘ die Platte erst langsam einsäuselt und dann mit hypnotischem Beat und rauen Gitarren Lust auf mehr macht. Wenn Steadman „Can I wake you up / Can I wake you up / Is it late enough / Is it late enough?“ singt, sitzt man bereits angespannt im Sessel, wenn man noch nicht mitwippt. ‚Bad Timing‘ folgt darauf, ist alles andere als das, was der Titel verspricht und die leicht beklemmend und trotzdem groovige Wave-Punk-Nummer, die den letzten Editors- und Interpol-Alben fehlte. Die Gitarren sind mit dickem Chorus belegt, im Hintergrund zieht ein Synthesizer mythische Landschaften auf – und nie wirkt dass gar dreist gestohlen oder lahm abgeschaut. Auch dem Kitsch verfällt man mit ‚Your Eyes‘, Titel Nummer 3, nicht. Der könnte direkt von ‚I had the blues but I shook them loose‘ stammen, baut einen Spannungbogen auf, der uns wie eine Achterbahnfahrt durch laute Höhen und hypnotische Tiefen mitnimmt. Darauf ist das locker, leichte ‚Lights out, words gone‘ genau die richtige Antwort, lässt wieder entspannen, bis mit ‚Take the right one‘ wieder die Schrammelgitarren Einzug halten und den Rhythmus der Wavves einfach so wegwischen. Da möchte man den blassen Londonern fast den Californischen Surferboy abkaufen.

Kann man, muss man aber nicht. Denn mit der Singleauskopplung ‚Shuffle‘ folgt eine Hymne auf’s Leben, der Indie-Sommerhit, der uns den ganzen Sommer so gefehlt hat. Steadman besingt die schönen Momente des Lebens, die Liebe und den Zusammenhalt, auch, wenn’s mal nicht so leicht und locker geht. Danach tut der Akustikgitarren-Intro von ‚Beggars‘ als kurze Verschnaufpause gut, bis die E-Gitarren wieder einstiegen und eine weitere Laut-Leise-Achterbahnfahrt einleiten. ‚Leave it‘ erinnert etwas an einen Song, den Kele Okereke gerne für Bloc Party geschrieben hätte, regt allerdings wenig auf, ist Indieroutine und, obwohl auf sehr hohem Niveau, der erste leichte Tiefpunkt. Langsam kennen wir den Hall auf der Stimme, die gedehnten Bridges und die herumschwirrenden Delaygitarren schon. Wenn dann mit ‚Fracture‘ eine gepflegte Indie-Ballade im Bicycle Club-Stil daherschwirrt, ist das nicht schlecht, nimmt dem Album jedoch leider etwas Spannung, die ‚What you want‘ mit schönem Spannungsbogen zwar wiederbringt und uns ‚Favourite Day‘ schmackhaft macht, mitwippen lässt, aber uns auch dem späten Tiefpunkt der Platte, ‚Still‘, immer näher bringt. Würden wir diesen Song aus dem Kontext reißen, es wäre eine gute, traurige Piano-Ballade für den Schluss eines Radiohead-Albums. Steadman ist kaum zu erkennen, gibt das beste Thom-Yorke-Double seit langem, der Song ist herzergreifend traurig – und wirkt fehl am Platz.

Wenn ‚Beg‘ dann laut lärmend und wieder erfrischend funky das Album beendet, sind wir froh. Nicht froh, dass es vorbei ist, aber froh, dass ‚Still‘ nicht das letzte war, was wir von diesem tollen Album hören. Denn das hätte den falschen Eindruck hinterlassen. Und ist neben der Indie-Routine ‚Leave it‘ der wirkliche Schwachpunkt dieser Platte. Denn wir haben es mit dem berühmt-berüchtigten dritten Album einer jungen Band zu tun. Dem Album, nach dem vielen die Luft ausgeht. Oder an dem sie von vorne herein scheitern. Oder mit dem ein Stil gefestigt wird, der Lust auf das vierte Album macht.

Wir haben hier letzteren Fall. ‚A Different Kind of Fix‘ festigt den guten Ruf der Band, auch, wenn es stellenweise schon etwas routiniert klingt. Aber irgendwann werden wir eben alle älter.

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Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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