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Bon Iver – Bon Iver

Justin Vernon macht es sich für den Nachfolger der wahrscheinlich besten Singer-Songwriter Platte der letzten Jahre nicht einfach: ‚Bon Iver ist keine Rückkehr zur die einsame Blockhütte in Wisconisn von 2008 – sondern die Summe all der Erfahrungen, die Vernon in der Zwischenzeit gesammelt hat.

Man erinnert sich: nachdem Vernon unter dem Namen Bon Iver vor knapp vier Jahren das berührende, intime Meisterwerk ‚For Emma, Forever Ago` in einer Hütte im nirgendwo eingespielt hatte, standen dem ehemaligen Deyarmond Edison Sänger  über 150.000 Herzen offen- und damit auch Tür und Tor in der Musikindustrie. Berührungsängste kannte Vernon keine:
Mit der Postrockband Collections of Colonies of Bees spielte er als Volcanic Choir das surreal verschrobene `Unmap‚ ein, Gayngs lieh er seine nasale stimme für deren schwülen Neo-Soul auf ‚Relayted‚. Er trat als Produzent auf den Plan (etwa: Land of Talk´s ‚Some Are Lakes‚) und veröffentlichte Kollaborationsbeiträge mit Saint Vincent und anderen. Vor allem waren da natürlich die Auftritte auf Kanye West´s überambitionierten HipHop Progmonster `My Beautiful Dark Twisted Fanasy‚, auf dem die Vocoder Experimente des zurückhaltenden Musikers ein neues Zuhause fanden.

Das selbstbetitelte zweite Album (oder wie Vernon es gerne genannt haben möchte: ‚Bon Iver, Bon Iver`) fasst nun all diese Erlebnisse außerhalb des regulären Bon Iver Kosmos zusammen und vermengt sie mit den Charakteristiken des ersten Bon Iver Album. Es ist damit eine Abkehr des introvertierten Sound von ‚For Emma, Forever Ago‚ und zeigt Justin Vernon und seine Band in geradezu offensiver Ausrichtung, samt sorgsam arrangierter Instrumentalvielfalt. Ein mutiger Schritt – vor allem, da Vernon in den daraus entstandenen 40 Minuten nicht nur zu großen Teilen dem Sound entsagt, der ihn populär gemacht hat, sondern auch mutwillig einige musikalische Verbrechen begeht.

Da wäre etwa der Alphaville Gedächtnissynthezizer am Anfang der ersten Single `Calgary‚. Die immer wieder ringende Fahradklingel in ‚Michicant‚. Oder das alles über den Haufen rennende Schlagzeug in ‚Perth‚, die sich Vernon direkt aus dem Heavy Metal ausgeborgt zu haben scheint…..
Freilich sind das nur marginale Bagatellen im direkten Vergleich zum Albumcloser  ‚Beth/Rest‚ , einer Softrock-Reminiszenz an Phil Collins mit einem Keyboard, dessen Eier dick geschwollen sind. Ein Soundtrack wie geschaffen für die Softporno Version von Karate Tiger; man sieht Justin Vernon förmlich vor sich, wie er mit dünn bratender E-Gitarre breitbeinig am Strand gegen die Gischt anspielt, ihm die die Wellen tosend entgegen schlagen, während Vernon (in Wirklichkeit natürlich Greg Leisz!) ein notgeiles Baywatch-Solo raushaut und eine blondlockige, holde Maid geifernd um sein Bein geschlungen schmachtet.
So etwas sollte man natürlich unterlassen – vor allem mit einer derartigen Reputation – , denn derartiges kann des guten Geschmacks Willen nicht funktionieren.

Vielleicht ist das eine der größten Errungenschaften von Bon Iver (der Band), dass all dies auf ‚Bon Iver‚ (dem Album) eben doch funktioniert. Dass es so unbeschreiblich gut funktioniert. Dass sich all die kleinen Stilverbrechen tatsächlich zu wunderbaren Songs zusammenfügen und diese sich zu einem geradezu atemberaubend berührenden Ganzen erschließen, zu dem man durch einige der schönsten Momente jüngerer Musikgeschichte Zugang findet.
Wenn etwa die erste perlende E-Gitarre in ‚Perth‚ zu Marschschlagzeug triumphal vornewegposaunt und Blasmusikkoriphäe Colin Stetson hinterherbläßt, bis ihm nur noch das leere Tatsendrücken bleibt. Oder wenn das unscheinbare, spartanische  ‚Lisbon, OH‚ zärtlich in die Theatralik von ‚Beth/Rest‚ übergibt. ‚Bon Iver‚ ist in diesen Augenblicken geradezu exaltiert, vergisst dabei dennoch nicht diese vom Debütalbum bekannte, ganz eigene Verletzlichkeit und Zurückhaltung in sich zu tragen, die direkt mit der eigenen Befindlichkeit zu kommunizieren scheint. Die noch deutlicher in zurückgenommenen Momenten scheint, wenn Vernon etwa in ‚Holocene‚ den vielleicht vielschichtigsten Sun Kil Moon Song aller Zeiten darbietet, oder im optimistisch melancholischen ‚Towers‚ plötzlich Mariachi Posaunen jubilieren, dass einem das Herz lacht. Wenn zwischen all den Neuausrichtungen Songs wie ‚Wash.‚ stecken, die auch als Highlights auf ‚For Emma, Forever Ago‚ durchgegangen wären und sich eine Platte plötzlich wie nach Hause zu kommen anfühlt.

Bon Iver‚ quillt über vor solch besonderen Momenten, die einen an der Hand nehmen und von denen man weiß, dass sie einen ein Leben lang begleiten werden. Mehr als eine Ansammlung der vielleicht schönsten Momente der jüngeren Musikgeschichte ist Bon Iver jedoch ein nahtloses Ganzes gelungen – ein einfühlsames, berührendes und sentimental machender Monolith von einem Album, der in sich schlüssig das schwere Erbe von ‚For Emma, Forever Ago‚ antritt.
Woran ‚Bon Iver‚ nur lose anknüpft, es nicht einmal versucht und damit den wahrscheinlich einzig richtigen Weg geht.
Bon Iver‚ ist kein introvertiertes Einsiedler Werk geworden, ‚Bon Iver‚ ist das Abbild einer Welt geworden, wie ein ehemaliger Einsiedler sie sieht und erlebt.
Es ist das musikalisch vielleicht größte Geschenk dieses Jahres, dass Justin Vernon und Bon Iver diese Sicht mit uns zu teilen vermögen.

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