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Boris – Attention Please/Heavy Rocks

Boris können ganz schön Arbeit sein. Wäre es schon genug mit der ständigen Stilev olution und den Schnellfeuer- Veröffentlichungen der Japaner mitzuhalten, kommt nicht selten eine nicht gerade fanfreundliche Releasepolitik kombiniert mit konfus anmutender Bandphilosophie und seit einiger Zeit ein ge wöhnungsbedürftiger Visual Key-Look, der sich letzthin auch in der Musik wiederspiegelte, hinzu. Neu im Programm: in luftigen Höhen gesäuseltes Engrish und wiederverwertete Plattentitel.

Dabei ist die erneute Verwendung des Namen ‚Heavy Rocks‚, wie schon die orange Schwester der aktuellen Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 hieß, eine interessante Geschichte. Trotz deutlichen Unterschieden zwischen japanischer und US-Version des letzten regulären Studioalbums ‚Smile‚ schien man 2008 an einem Punkt angelangt zu sein, um den man die Jahre zuvor scheinbar ohne klares Ziel herumgeschwirrt war. Der Popappeal der nicht erst seit ‚Pink‚ eine nicht zu überhörende Rolle im umfangreichen Schaffen der als astreine Drone-Band gestarteten Gruppe einnahm, wurde, ohne aufdringlich zu sein und soweit es der eigene Kosmos zuließ, perfektioniert. Dass der bekanntermaßen sehr pingelige Fankosmos da zum Teil nicht so freudig mitspielte wie die Band selbst ist wohl mit ein Grund für die scheinbare Holzhammer-Rückbesinnung auf die gute, alte Zeit.

Und die ersten Minuten der neuen, alten ‚Heavy Rocks‘ erwecken wirklich den Eindruck, als hätte man nach vielen Halbgaren, einigen sehr guten und wenigen brillianten Veröffentlichungen zurück zur Verstärker-Verehrung gefunden. ‚Riot Sugar‘ fackelt nicht lange und schleppt sein Riff aus dem Stoner-Werkzeugkasten fast so zäh wie ‚Heavy Friends‚ damals über behäbig polternde Drums. Die Lärmeskapade fehlt, die Produktion ist gestriegelter, und im Hintergrund dramatisiert The Cult’s Ian Astbury – wie schon auf der äußerst gelungenen ‚BxI‚-EP aus dem letzten Jahr – vor sich hin, und beinahe wickeln sie einen wieder um den Finger. Aber da Boris nun mal Boris sind, belassen es sie es damit vorerst auch mit der Rückbesinnung, und fallen schon ab dem zweiten Song in neuere Muster zurück, konkret: ‚Leak -truth,yesnoyesnoyes-‚ könnte für zwei Minuten fast als geschmeidiger Junihit durchgehen, wäre der Song nicht eine der vermehrt vorkommenden Boris’schen Fehlinterpretationen von Heavy Poppy Rock; ‚Galaxians‚ reizt die Rampensauigkeit – wie man sich das nach ‚Pink‚ fleißig antrainiert hat – zu sehr aus, und verliert sich in, wenn auch spaßigen, Rockstarposen. WOOs und YEAHs und AUUUHs sind aber irgendwann halt doch ansteckend, egal wie substanzlos das Gebrettere darum auch sein mag.

Ein nach dem Opener (Ach, waren das noch Zeiten!) zweites, vielleicht sogar größtes, Highlight stellt das zentrale Stück ‚Missing Pieces‚ dar, und siehe da – die Zeitreise führt nun ins Jahr 2003, speziell zu ‚Akuma No Uta‚, noch spezieller zu ‚Naki Kyoku‚, in einer gerechten Welt eine der mild benebelten Stoner-Blaupausen schlechthin. Und als hätten sie gewusst, wonach das Fanherz schlägt, artet der Zwölfminüter nicht wie anno dazumal nach dem im positivsten Sinne einschläfernden Aufbau in ein herzerquickendes Sologeflirre, sondern in lang, lang ersehntes Gedröhne, Gescheppere und Gefeedbacke aus, das es eine Freude ist. Das kurze Ambientstück ‚Key‚ hilft die brodelnde Entspanntheit mit der ‚Missing Pieces‚ beginnt sowie endet gelungen auszuklingen zu lassen, und fast schon möchte der verprellte ‚Flood‚-Fan frohlocken.

Und er darf. Nachdem er Geduld bewiesen, und sich durch die vom immerhin ehrlich plumpen Techno-Stampfer von vor wenigen Monaten zu einem weiteren Beweisversuch der „Neudefinition von Heavy = Animé-Intro“-These mutierten Nummer ‚Tu, La La‚ die Zähne rau geknirscht hat, folgt mit ‚Aileron‚ das ganz wunderbare Finale (das rabiate ‚Czechoslovakia‚ außen vor) des Albums, und die Zeitreise findet ein versöhnliches Ende. Gitarrenwände um Gitarrenwände bauen sich behäbig auf, und helfen unterstützt von hypnotischem Gesang die wunderschön einlullende Stimmung im zweiten Epos der Platte aufzubauen, bis ein einsames Piano alles auflöst. Schnell die Klappe zu, Heavy Monkey tot.

Nun mag die Schilderung der neuen ‚Heavy Rocks‚ anmuten, als handle es sich dabei um ein ziemliches Patchwork-Album, und dieser Eindruck ist, Rückbesinnung beiseite, durchaus gerechtfertigt – zwei Songs wurden bereits zuvor auf der Japan-only Quasi-Compilation der beiden aktuellen Alben ‚New Album‚ in anderen Versionen veröffentlicht – kann aber noch getoppt werden. Fünf Songs auf ‚Attention Please‚, dem Zwillingsalbum, waren in anderen Versionen bereits auf drei vorangehenden Releases zu hören, die Unterschiede zwischen der Vinyl- und CD-Version von ‚New Album‚ berücksichtigt. Was auf diesem wiederum von der mediokren (Mailorder-)EP-Reihe ‚Japanese Heavy Rock Hits‚ recycelt wurde, und was es mit diesen nun auf sich hat, würde den Rahmen sprengen. Aber mal eine andere Methode dem Totschlagargument der Albensymbiose auf Kosten der Song-Ausschussware zu Entgehen.

Erst möchte man meinen, ‚Attention Please‚ hat es notwendig neben dem die Erwartungen der Anhängerschaft tragenden ‚Heavy Rocks‚ nach Aufmerksamkeit zu schreien, und doch geht es vieles so viel entspannter, ruhiger und koordinierter an. Der Star ist hier die Stimme von Gitarristin Wata, die erstmals für eine komplette Albumlänge an die Vocals gestellt wird, und das zumindest mit dem Erfolg ein frisches Hörerlebnis in der an zum Zeitpunkt des Erscheinens frischen Hörerlebnissen nicht armen Boris-Diskographie darzubringen. Und so zerfahren das Album in seiner Stilvielfalt auch stellenweise zu werden droht, ihre ständige Präsenz webt einen dringend nötigen roten Faden durch die Platte, und verbreitet trotz schwer wegdiskutierbaren gesanglichen Unzulänglichkeiten, und dem tapferen Hadern mit der englischen Sprachen beinahe eine Trip-Hop-Atmosphäre, die in den besten Momenten gar an Größen des Genres gemahnt. Eröffnend mit dem aus der Rhythmusabteilung tight zusammengehaltenen Titelsong, vergehen zwei hier ohne Zweifel besser gelungene Exemplare aus der Sailor-Moon-Kategorie, letzterer die schmissige Disco-Metal Version des schon länger bekannten Stampfers ‚Party Boy‚. ‚Tokyo Wonder Land‚, schon eines der Highlights der vielen EPs Post-‚Smile‚, gewinnt in der hier vertretenen Version ungemein durch den Wechsel am Mikrofon, die Ambivalenz zwischen industriell klackerndem Beat und einer ätzend sägenden Kombination aus Gitarrenwand und -solo verliert ohnehin nur schwer ihre Anziehungskraft, und eingebettet in die psychedelischen Gefilde in denen ‚See You Next Week‚ und ‚You‚ dahinwabern zeigt sich der Song von einer wesentlich besseren Seite als in der relativen Charakterlosigkeit einer Split-Single.

Zwillingsalbum, Zwillingssong, ‚Aileron‚ leitet mit dem kurz akustisch runtergespielten Motiv des sechs mal so langen Songs auf ‚Heavy Rocks‚ das Finale des Albums ein, ‚Les Paul Custom ’86‚ ist die geheime knackige Dance-Nummer die ‚Spoon‚ in der hier dargebrachten Version dann doch nicht ist – Boris‘ Collegerock-Experiment endet hier irgendwo in Foo Fighters-Nähe, und das steht ihnen sogar ganz gut. „Ganz Gut“ steht Boris ohnehin so mancher Versuch, letztendlich ist man dann aber doch froh, dass sie zu keinem kompletten Album breitgewalzt wurden. Also auf die nächsten Extended Plays, die nächsten Experimente die zu Alben verwurstet werden, und die nächsten Rückbesinnungen respektive Neuerfindungen. Tempus fugit amor manet.

 

Heavy Rocks:


Attention Please:


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Comments (2)

  1. Pingback: Boris / Joe Volk - Split EP - HeavyPop.atHeavyPop.at 3. November 2012 […] Weile. Nicht unbedingt bei den rasanten Vielveröffentlichern Boris, die nach dem letztjährigen Doppelschlag bereits wieder eifrig mit neuem Material um sich werfen: diesmal darf es gar eine dreiteilige Suite […]

  2. Pingback: Boris - Dear - HeavyPop.at 4. September 2017 […] oder semispektakulär aufgekochte Routinearbeiten nebst enttäuschenden Geschmacksverirrungen (Heavy Rocks / Attention Please) am Programm. Kurzum: Auswüchse einer beispiellosen Karriere, die das Potential von Boris zuletzt […]

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