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Elbow – Build a Rocket Boys!

Man stelle sich vor:
Da brauchen fünf Engländer elf Jahre um ihr Debütalbum zusammen zu basteln, liefern daraufhin im Zweijahrestakt kleine Meisterwerke ab und bleiben trotzdem das hässliche Entlein im großen Britpop Zirkus.
Und dann reicht ein Album, eine große Single. Es regnet Ehrungen und Preise, die man für jedes vorangegangene Werk viel eher verdient hätte. Das Album verkauft sich wie verrückt (zweifach Platin-verrückt, um genau zu sein) und überhaupt ist die Band plötzlich Everybody´s Darling.
Passiert ist das alles Elbow.
Deswegen finden sich die Mannen um Frontbär Guy Garvey in einer ungewohnten Rolle während der Entstehung von Album Nummer Fünf wieder.
Nämlich in jener als Englands unwahrscheinlichste Popstars der letzten Jahre.

Doch anstatt die Dinge zu überstürzen, gingen es Elbow langsam an. Beobachteten den Rummel um ihre Band aus der gewohnten Perspektive vom Tresen aus. Halfen erstmal ihren sträflich missachteten Buddies von I Am Kloot bei der Produktion von Sky at Night. Brachten etwas Abstand zwischen sich und die Arenen die sie mittlerweile bespielten.
Und schrieben dann das Album, auf das sie im Alter stolz zurückblicken könnten um die Wurzeln ihrer Träume darin zu finden.

Build a Rocket Boys beginnt zunächst natürlich ähnlich zurückhaltend wie jedes Elbow Album.
Der Opener Birds entwickelt sich vom repetitiven Spacerocker gemächlich zum Breitwandpop mit Orchester im Rücken, bevor man mit dem Schlüsselsong Lippy Kids sofort wieder einen Gang zurückschaltet.
Die Band macht sich rar, Garvey älter als er ist: “Lippy Kids on the corner again, (…) do they know these days are golden? Build a rocket boys, build a rocket boys!“. Das ist pure Nostalgie und die Art musikalische Melancholie, wie sie nur Elbow hinbekommen.
Der geradlinige Schunkler With Love lässt ganze Barbelegschaften herzerweichende Liebesbekundungen im Refrain ausrufen ehe die Vorabsingle Neat Little Rows vollends auf Nummer Sicher geht und alle Elbow Trademarks bedient, die man sich nur wünschen kann (oder wahlweise schon zur Genüge kennen gelernt hat).
Brian Eno stand Pate: Jesus is a Rochdale Girl und The Night Will Always Win nehmen sich sieben Minuten lang alle Zeit der Welt um sich zu entfalten, bleiben musikalisch so simpel wie anmutig und stellen klar Garveys Texte in den Vordergrund. Der vielleicht eindringlichste, unspektakuläre Höhepunkt der Platte.
High Ideals ist Elbows zurückgelehnter Auftritt als groovende, griechische Siesta Band und The River treibt als ziellose Klavierballade an jedem Ankerpunkt vorbei.
Open Arms umarmt dann mit dem The Hallé Youth Choir und Stakkatoschlagzeug auch tatsächlich die ganze Welt, ist hymnische Glückseligkeit, wie man sie auf Build a Rocket Boys selten findet.
Beim Interlude The Birds (Reprise) übernimmt John Moseley den Gesang und leitet damit das Ende der Platte ein. Getarnte U2 Gitarren stützen Dear Friends, einen erhabenen Abgesang der bisher in sich gekehrtesten Elbow Platte.

Build a Rocket Boys handelt von der Jugend, von Überschwang, von Träumen.
Und ist darüber hinaus zu einem zurückhaltenden, verfrühten Alterswerk Elbows geworden, welches die vorangegangenen Alben streckenweise schon fast als Partymixtapes erscheinen lässt.
Die Hymnik und Theatralik, Abgeklärtheit und der Bombast alter Elbow Platten ist nach wie vor vorhanden, allerdings weitaus subtiler und sparsamer eingesetzt, ja geradezu versteckt.
Die wirklich großen Popmomente sucht man auf Build a Rocket Boys deshalb auch vergeblich, das Album nach dem Durchbruch gefällt sich als unspektakuläres Spektakel der Reduktion.
Um Build a Rocket Boys nicht voreilig als ereignislos und langweilig abzustempeln, muss man deswegen vielleicht auch einfach Guy Garvey´s jüngste Begeisterung für Talk Talk (und unter welchen Umständen deren Meisterwerk Spirit of Eden entstanden ist) nachvollziehen können.  Oder einsehen, dass Build a Rocket Boys gegen jede Intention weitaus mehr Gegenwartsbewältigung als Vergangenheitsaufarbeitung oder Zukunftsvorsorge geworden ist.

Nach all den Jahren des mäßigen Erfolgs wirkten Guys Garvey und seine Band, als hätten sie selbst am allerwenigsten noch mit dem ganz großen Durchbruch gerechnet.
Das fünfte Elbow Album lässt nun erahnen, dass sie diesen vielleicht gar nie wirklich wollten.
Build a Rocket Boys ist so zu ihrem unscheinbarsten Album geraten.
Ein kleines Wunderwerk nichtsdestotrotz. Oder gerade deswegen.


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Comments (1)

  1. Pingback: Elbow – Dead in the Boot - HeavyPop.atHeavyPop.at 29. August 2012 […] und der letztjährigen, so stillen wie einnehmend unscheinbaren Verweigerungshaltung ‘Build a Rocket Boys!‘, auf der Elbow erstmals bewusst unter dem Banner der Reduktion durch Erwartungshaltungen […]

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