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Casper – XOXO

Casper alias Benjamin Griffey? Kannten vor wenigen Wochen wohl nur Eingeweihte, jetzt flippt Deutschland kollektiv aus. Weil Hip Hop hier im Indie Pop verankert ist und befindlichkeitsfixierten Rap abseits der Proll-Schiene auch (und nicht nur) Tomte Fans toll finden dürfen. In ‚XOXO‘ nur eine Hypeblase zu sehen, würde Caspers ‚Four Music‘ Debüt dann aber doch Unrecht tun.

Dafür geht Casper allein musikalisch schon einen zu erfrischenden Weg: Großteils von Musikern seiner alten Hardcoreband Not Now, Not Ever eingespielt, versorgt sich der Bielefelder mit einem tatsächlich eigenständigen Sound, der den inzwischen bedeutungslosen Stadionrock der Kings of Leon mit massentauglichen Alltagspop von Polarkreis 18 vermischt. Da mag manch einer motzen, dass die schon vor Albumrelease bekannten Liveversionen bei weitem nicht so glattgebügelt daherkamen, wie sie es nun auf ‚XOXO‚ tun. Aber so fügt sich Thees Uhlmann´s pathosstrotzender Gesang im Titelsong gleich noch problemloser in Casper’s gar nicht so dumme (Welt)Ansichten ein. Diesbezüglich braucht es gerade einmal den Spannung aufbauenden Opener ‚Der Druck steigt (Die Vergessenen, Pt. I)‚, um mitzubekommen: Der Mann hat was zu sagen, der Scheinwerfer ist nach innen gerichtet: „Papa sagte: Sohn nimm mein Gewehr, mal bist du der Jäger mal bist du der Bär! Doch wenn du Bär sein musst, um Gottes Willen dann kämpf! – Und ich bin Grizzly jetzt!“ hat Casper seine Lektion gelernt, während im Hintergrund die Gitarren perlen und man zumindest eine vage Ahnung davon bekommt, warum da plötzlich die unpassende Rede von Postrock ist.

In so einem Umfeld ist natürlich kein Platz für Hip Hop Plattitüden, sehr wohl aber für musikalische Experimente. Da fügen sich verzichtbarer Elektrodance (‚So perfekt‚ – mit einem fraglich motivierten Beitrag von Marteria) Indierock (‚Lilablau‚) und klassischer Hip Hop (‚Blut sehen (Die Vergessenen, Pt. II)‚ darf sich schon jetzt als einziger Song mit einem genregerechten solchen für den besten Beat des Jahres bewerben) nahtlos aneinander, während textlich kaum etwas ausgeklammert wird, aber für abonierten Hirnlosdiss kein Platz ist. Insofern wohl nur logisch, dass da ein Hype entstehen musste, gibt ‚XOXO‚ nicht nur deutschem Rap einen Denkanstoss, sondern hat hiermit doch auch das ansonsten Hip-Hop abseitige Feuilleton einen Vertreter der Sache gefunden, für den man sich nicht fremdschämen muss. Und weil in den Songs Referenzen zu den Smiths, Brody Dale, Bruce Springsteen und sonstige Identifikationspunkte nicht nur für Indiekids gesponnen werden, ist da für jeden was dabei. Verständlich, dass da generös über Caspers nicht selten ungelenken Flow hinweg gesehen werden kann, der beinahe jede Silbe gleich betont und mit seiner Dendemann nicht unähnlichen Stimme gleichförmig durch seine persönlichen Texte führt. Luft nach oben bleibt vorhanden.

Dabei hat ‚XOXO‚ jedenfalls genug Luft, um den Hype zu überleben. Benjamin Griffey macht auf seiner zweiten Soloplatte nahezu alles richtig, kultiviert das Bild des Emo-Rappers zu einem Szeneübergreifenden Massenphänomen. ‚XOXO‚ borgt sich das Piano von Chris Martin und die Gitarren von den Editors und formt daraus das nahezu ideale Zwitterwesen aus Hip-Hop und Indie-Rock, der nur geringfügig vor den immensen Erwartungshaltungen buckelt und dabei doch als eindeutiger deutscher Sieger dieses Jahr hervorgehen sollte. Mit Casper als Sprachrohr hat der deutsche Sprechgesang offenbar seine Emotionalität gefunden, der es zudem nicht an Kredibilität zu mangeln scheint. Casper zielt auf die großen Gefühle ab und vollführt dabei den Spagat zwischen Anspruch und Massenkompatibilität, zwischen intimer Seelenschau und gefühlsduseliger Brachialdramtik, zwischen lyrisch überladener Pseudobedeutung und wahrer Emotion. Und bringt dabei mit seinem Abgesang  auf die Jugend dem Hip-Hop doch in mehrerlei Hinsicht die Gänsehaut bei.

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Comments (5)

  1. Reni21. Juli 2011 Antworten
    Nur 6 von 10? Was soll denn das? Casper hat sich mit seinem Style und diesem genialen tollen Album sicher mehr verdient! Ich finds jedenfalls Klasse, volle Punktzahl und Daumen nach oben!
    • Christopher22. Juli 2011 Antworten
      6/10 ist überdurchschnittlich. Und das passt auch so weil es ein überdurchschnittlich gutes Album ist. Aber ich glaub nicht, dass dieses (sehr sehr gute!) Album in 2 Jahren noch immer auf Heavy Rotation laufen wird. Mit voller Punktzaht sollte man schon vorsichtig sein und nur in Ausnahmefällen vergeben. Insofern sind 6/10 schwer in Ordnung (ist in unserem Wertungssystem ja auch eine gute Wertung!!)
      • Reni26. Juli 2011
        Naja, überdurchschnittlich 😀 Auf the gap hatte es glaube ich 9/10 und welches Album läuft denn nach 2 Jahren noch immer auf Heavy Rotation? Immer wieder mal rein hören werd ich in ein paar Jahren sicher auch noch. Aber passt schon, euer Wertungssystem ist euer Wertungssystem 😉
  2. Lisi22. Juli 2011 Antworten
    Hi!
    das ist eine coole rezension zum album.
    Ich finde es super, dass er Hip Hop mit Indie Pop mischt. Die Gitarren von den Editors hab ich in diesem genre sonst nirgendwo gehört. Endlich wird was innovatives im radio gespielt und nicht die gleichen 08/15 hip hop songs, die man sonst meistens hört.
    Die texte sind ziemlich heftig… aber caspers stimme besitzt einen einzigartigen Klang
  3. Pingback: Thees Uhlmann - Thees Uhlmann - Neonliberal.at 1. September 2011 […] Diese wundersame Kollaboration fand sich schon beim Titelsong des letzten Casper Albums “XOXO“. Wenn man genau hinhört, wirken die Texte durchaus persönlicher und teilweise noch […]

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