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Cave In – White Silence

„Bring that skull back to life again“ heißt es für die wiedervereinten Cave In auf ihrem ersten Studioalbum seit sechs Jahren. Und  wahrhaftig: fulminanter hätte das Comeback von Bostons geheimen Metalheroen nicht ausfallen können.

Wenn Steve Brodsky erwähnte Zeile im versöhnlichen Albumcloser ‚Reanimation‚ singt, haben er und Cave In sich wieder mit der Welt versöhnt, praktisch den Weg zurück ans Licht gefunden, nachdem man sich durch das dunkelste Album der Bandgeschichte geprügelt hat.
White Silence, das erste reguläre Studioalbum seit sechs Jahren (sofern man ab dem 2005 zusammengebauten Album Perfect Pitch Black rechnet) ist tatsächlich ein unerwartet fieser Hassklumpen geworden, tiefschwarz und die meiste Zeit über ohne optimistischen Blickwinkel. Dass sich bei Cave In einiges angestaut hat, deutete sich zwar bereits auf Planets of the Old an, 2009 das erste Lebenszeichen nach dem überwundenen Hiatus; die Konsequenz mit der Cave In auf White Silence jedoch zu alter Härte in nie gekannter Ausrichtung finden, überrascht dann allerdings doch.

Die Ursachenforschung für die neue alte Brachialität der Band  ist vermeintlicherweise schnell gefunden:
Cave In haben den eigenen Tod überlebt. Antenna hieß dieser namentlich, war das Korsett in das sich die Band nach ihrem Meisterwerk Jupiter von RCA zwangen ließ. Massentauglicher Alternativerock sollte Cave In auf dem erste  Majorlabelrelease in die nächste Stufe der Erfolgsstufe pusten. Die Band schuf daraufhin einen nicht immer gelungenen Genrezwitter, der die eingängigsten Momente der Band mit ihrem typisch progressiven Songwriting verband und auf Albumdauer gemischte Gefühle wach rief. Nicht zuletzt bei der Band selbst – ungeachtet der Tatsache dass mit Songs wie ‚Stained Silver‚, ‚Inspire‚ oder ‚Anchor‚ verflucht eingängige Rocksongs auf Antenna sesshaft wurden, die selbst die Bandauflösung überleben sollten. Denn nach der Aufarbeitung der Majorerfahrung durch das theoretisch vierte Studioalbum Perfect Pitch Black: war das Thema Cave In ja erst einmal für alle beteiligten beendet.

Der Grund für Caleb Scofield, Steve Brodky, Adam McGrath und John-Robert Conners wieder unter dem Banner Cave In gemeinsam Musik zu machen, mutet wie ein lapidar pragmatischer an: „Weil wir jetzt eben alle wieder in Boston wohnen.“
Dabei merkte man schon 2009, als Cave In mit der vier Song starken EP Planets of the Old zurückkehrten: Da schlummert etwas in den Musiker, das hinaus muß. Etwas, dass sie mit keinem ihrer anderen zwischenzeitlich Projekten und zahlreichen Bandgruppierungen rund um den Globus kanalisieren hatten können.
White Silence heißt es nun also, das fünfte Studioalbum der Band, dass den niemals wirklich straighten Rock von Antenna nahezu vollständig ausklammert, die aufkeimende, melodieselige Wut von Perfect Pitch Black sammelt und ungefiltert ausspeit, erst spät die selbe Umlaufbahn wie das weitläufige Jupiter erreicht und den Hass des superben Debütalbum Until Your Heart Stops in neue Bahnen lenkt.
White Silence ist ein unfassbar stimmiger, dichter Monolith von einem Album geworden, der in seiner Kompaktheit über 9 Songs in 36 Minuten dabei eine immense Spannung hält, die sprachlos macht.

‚White Silence‘ beginnt mit einem Stakato Riff, zur der das entfesselte Mantra „Wraith tracking the taste of warm blood, White Silence is breaking the spirit, Nature Sews“ wiederholt wird, ehe der Rest der Band einsteigt, ein Metalungetüm lospreschen lässt. Die findet sich auch auf dem nahtlos folgenden Gebolze ‚Serpents‚ erst spät wieder, nachdem der Song über ein massives Riff und geradezu The Locust – artige Keyboardeffekte in ein bestialisches, von Caleb Scofield in Grund und Boden gebrülltes Gemetzel mutiert.
Mit ‚Sing My Loves‚ folgt nicht nur der längste Song der Platte, sondern auch dessen Herzstück. Über 8 Minuten walzen Cave In eine Alles niederringende Doompredigt aus, die den großen Brüdern von Converge die Freudentränben in die Augen treiben dürfte und die Band unweit von Neurosis und Co. etabliert, wenn zu tonnenschweren Gitarren der unvergleichliche Wechselgesang von Brodsky und Scofield nichts mehr stehen lässt und die Arrangements sich tatsächlich wieder öffnen wie zu besten Jupiter Zeiten.
Vicious Circles‚ zeigt, was die Band im Mathcore von Freunden wie Botch gelernt hat, kommt einen songgewordenen Inferno gleich, in dem ein Gitarrensolo vor irren Effekten den Rausschmeißer geben darf und den Weg direkt in die Gosse weißt: ‚Centered‚ ist ein geradezu direkter Punker mit Blastbeats und eingängigen Strukturen darüber und zeigt, was sich Cave In von ihrem Gastspiel auf Axe To Fall mitgenommen haben.
Summit Fever‚ das erste Anzeichen dafür, dass Cave In langsam abzukühlen beginnen, indem sie das Tempo zu einem Slow Motion Metalcore drosseln und den Song in Effekten ertränken:  Brodsky übernimmt merklich das Ruder. Anders wäre es nicht möglich, dass plötzlich die Akkustikgitarre ausgepackt wird, eine geradezu gespenstische Ruhe einkehrt und ‚Heartbreaks, Earthquakes‚ Chorunterfeuert Richtung Epos abbiegt und schlußendlich doch nahtlos in das beinahe poppige ‚Iron Decibels‚ übergeben kann: plötzlich spielen Cave In entrückten Country aus anderen Sphären, Grenzen kennt White Silence zu diesem Zeitpunkt schon keine mehr. Cave In haben alle Wut hinter sich gelassen und können es sich leisten, das Album mit ‚Reanimation‚, einer akkustischen, geradezu zart gehauchten Ballade enden zu lassen.

Und damit ihr Comeback auf die wahrscheinlich fulminantest mögliche Art abzuschließen. White Silence geht weite Wege, ist von seinem harten Beginn zu seinem versöhnlichen Abschluß kräftezerrend und fordernd. Brachial und dabei dennoch eingängig. Es zeigt, wie wichtig der Einfluß von den immer noch voranschreitenden Converge auf Cave In (wieder) ist. Allerdings auch, dass Cave In es verstehen, die verschiedensten Einflüsse in ihr ganz eigenes Songwriting zu pressen. Denn mehr als alles andere ist White Silence ein eigenständiger Bastard von einer modernen, kompromisslosen  Metalplatte geworden.
Hiermit gelingt Cave In nicht nur eine beachtliche Rückkehr, hiermit schließen Cave In an alte Großtaten an. Wer in Zukunft über diese Band spricht, muss sich nicht mehr nur auf Jupiter als ihr absolutes Meisterwerk beziehen.

 

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