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Coldplay – Mylo Xyloto

Unverbesserliche Optimisten werden ‚Mylo Xyloto‘ als mutiges Album bezeichnen. Jene, die der Band um Chris Martin weniger wohlgesonnen sind, können Coldplay vorwerfen, nun in noch proletuiederen Gewässern nach Formatradiohörern zu fischen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – was ‚Mylo Xyloto‘ nicht zwangsläufig zu einem besseren Album macht.

Eines muß man dem fünftem Studioalbum der legitimen U2 Nachfolger lassen: ‚Mylo Xyloto‚ lehnt sich weiter aus dem Fenster als seine vollkommen auf Nummer sicher gehenden  Vorgänger. Da war zwar im Vorfeld zwar die Rede von akutischeren, intimeren Songs – was Chris Martin damit letztendlich meinte, zeigt sich in der versammelten Dreiviertelstunde jedoch nur zu einem Bruchteil, meist ist gar das Gegenteil der Fall. Dass die Sache aber ohnedies ganz anders kommen würde als verlautbart, davon zeugte bereits die mediokre Versatzvorabsingle ‚Every Teardrop is a Waterfall‚, die sich bei ‚I Go to Rio‚ bediente und mit stampfenden Beat den Weg Richtung elektronischerem Sound ankündigte. Ein markanter Schnitt, den die mutmaßlich größte Band der Welt nun auch auf Albumlänge gesetzt hat. Es ist traurige Gewissheit: Coldplay fühlen sich elf Jahre nach dem herzerwärmenden ‚Parachutes‚ in zugekleisterten Synthesizerfelder heimelig, vollziehen die Verwandlung zum stupiden Chartdominator mit harmlosen Kompositionen, die sich dem Massengeschmack dank seelenlos fettem Sound mehr denn je anbiedern.

Eine Formatradioband waren Coldplay freilich schon immer. Der Umweg über die egale Belanglosigkeit (mit ‚X&Y‚ sowie ‚Viva la Vida or Death and All His Friends‚) nach fulminant-charmantem Beginn (eben mit ‚Parachutes‚ und dem nach wie vor unantastbaren ‚A Rush of Blood to the Head‚)  konnte jedoch nicht einmal ansatzweise auf eine derart ungeniert auf den Zeitgeist sowie deren Brieftaschen schielende Katastrophe hindeuten. Mit einer Peinlichkeit wie dem One Republic hinterherhechelnden ‚Paradise‚ war da einfach nicht zu rechnen: einem Song, der neben fetten Streichern auch die ganz große Keyboardpalette auffährt, den euphorischen Chor im Gepäck hat und vehement nach der fulminantesten Lichtshow des Planeten verlangt: Natürlich ein auf episch-machender Hit – denn das Händchen für eingängige Melodien, dass geht auch in einem derartigen Synthesizermeer nicht unter. Ob der Aufbereitung konnte einem jedoch durchaus Angst und Bange werden. Wie auch bei der Ankündigung, dass man für ‚Princess of China‚ mit einer Zusammenarbeit zwischen Coldplay und Chartsirene Rihanna rechnen musste. Erwartungsgemäß der Zenit des schlechten Geschmacks auf ‚Mylo Xyloto‚: fetteste Hip-Hop Beats – ist das noch Will Champion oder schon ein seelenloser Drumcomputer? – stampfen mit ordinärer Keyboardwalze zur Einheitsmelodie, das mehr nach dem geladenen Gast denn sonst wem klingt. Der Moment, in der die Band Coldplay endgültig vom rein auf Verkaufszahlen schielenden Musikmarkt gefressen wurde.

Aber auch abseits dieses Triumphirat macht ‚Mylo Xyloto‚ wenig richtig. Da mögen die auftauchenden Schlumpfstimmen in ‚Charlie Brown‚ oder ‚Don’t Let It Break Your Heart‚ noch so nerven – wie penetrant sich die Kompositionen als Nachfolger der Single ‚Viva La Vida‚ bewerben, erschüttert in ihrer Einflusslosigkeit dennoch. Die gewöhnungsbedürftigen Vocal-Effekte in ‚Hurts Like Heaven‚ fallen da kaum mehr ins Gewicht. Was tatsächlich weitaus ernüchternder ist, sind die zeitweise auftauchenden ‚akustischeren, intimeren‘ Stellen der Platte – etwa die zurückgenommene Pianoelegie ‚Us Against the World‚ oder das Gitarrenspiel ‚U.F.O.‚, in denen immer wieder die „alten“ Coldplay durchzubrechen scheinen – denn hier zeigt sich das volle Ausmaß der Entwicklung der Band: Coldplay sind natürlich eine Stadionband geworden, steigern die Laune mit penetranten „Ohohoooo„-Chören (gefühltermaßen in jedem einzelnen Song – inflationär ist da ein Hilfsausdruck!) bis die Stimmung auf dem Höhepunkt ist und die mitsingende Masse zu einer Einheit geworden ist. Aber die Briten haben offenbar nicht mehr nur keine Lust darauf, mit deprimierend-schönen Kleinoden die Tränen einsamer Indie-Herzen zu trocknen – sie können es schlichtweg einfach nicht mehr wirklich. Wann immer das Tempo gedrosselt, die instrumentale Wucht minimiert und der Hang zur weltverbessernden Geste unterdrückt wird, stehen da bloße Aufgüsse alter Glanztaten, man nimmt der Band die vorgeführte Verletzlichkeit schlicht nicht mehr ab. Dennoch sind es vor allem jene Momente der Rückbesinnung, die das fünfte Album der Band vor dem Totalausfall retten.

Mylo Xyloto‚ überrascht mit dem wieder von Brian Eno kredenzten Sound – tief verankert auf der schlechten Seite des Geschmacks in den 80ern –  nicht aber mit den Kompositionen an sich. Denn diese mogeln sich mit atmosphärisch gemeinten Spielerein und Interludes über ihre simplen Strukturen, gehen immer den sichersten Weg. Wer Coldplay kauft, bekommt nach wie vor Coldplay. Man muß der Band natürlich zugute halten, dass die logische Weiterentwicklung von ‚Viva la Vida or Death and All His Friends‚ nur konsequent ist. Und der Wunsch der Band, sich nicht zu offensichtlich wiedereinmal zu wiederholen ist durchaus respektabel – mag die Herangehensweise auch zumindest fragwürdig sein, ist die Ausführung schlußendlich mit nahezu erschlagender Präzession erledigt. Denn was ‚Mylo Xyloto‚ erreichen will, schafft die Platte spielend: Millionen Menschen beim bügeln, abwaschen, Autofahren und sonstigen Alltagsaktivitäten ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, ein Gefühl von Stadion erwirken, die Welt in bunten Neonfarben auszuleuchten. Bei einer solch eingängigen Hitsammlung geht das auch mit festgefahrenem Songwriting und zugekleistertem Sound, wenn Chris Martin weiterhin mit betretener Miene an der Hand nimmt und glückselig durch die Landschaft sprintet.  Wer da immer noch den Anfängen der Band hinterher trauert, dem ist ohnedies nicht mehr zu helfen. Von wegen ‚Everything’s Not Lost‚.

 

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