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Cymbals Eat Guitars – Lenses Alien

Cymbal Eat Guitars nehmen auf ihrem Zweitwerk Anlauf für Barsuk Records. Zurechtbiegen ließen sich die jungen New Yorker dafür freilich nicht. Eigentlich machen sie sogar alles wie beim viel bejubelten Debüt ‚Why There Are Mountains‘. Manchmal gefühltermaßen gar bis ins Detail. Und immer auch mindestens genau so großartig.

Das fällt allein schon bei der Namensgebung der Songs auf. Wieder findet sich ein ‚(Proper Name)‚-Zusatz in der Tracklist. Gleich zu Beginn, im Albumvorboten ‚Rifle Eyesight‚. Einem beinahe neunminütigen Willkommensgruß, der die geringe Bereitschaft für Kompromisse ebenso deutlich unterstreicht, wie den Unwillen zur Veränderung. ‚Rife Eyesight (Proper Name)‚ hackt sich durch umständliche Melodiebögen aus der Built to Spill Schule, die Gitarren jaulen vielschichtig und dissonant zu Ehren von Sonic Youth, das Schlagzeug scheppert und irgendwo ganz hinten klimmpert noch das Piano unter Shoegaze Effekten –  und wieder einmal sind die 90er so nahe, wie schon lange nicht mehr. Die umbesetzten Cymbals Eat Guitars spielen trendresistenten Indierock, eine in Musik gegossene Heldenverneigung mit genug Charme, um nicht nur eine Daseinsberechtigung zu haben, sondern zu Begeisterungsstürmen hinreißen zu können. Schon wieder. Und vor allem: Schon wieder nahezu genau so, wie sie es vor zwei Jahren bereits getan haben.

Da kann man bei der langen Spielzeit des verfliegenden Openers beinahe von Anfang an damit rechnen, dass sich der Song sich irgendwann in diffusen Noise verliert. Tut er dann auch nach zwei Minuten auch, tatsächlich sogar überraschenderweise, und es ist eine der schönsten Freuden, die der Indie-Rock 2011 bisher bereitet hat, zuhören zu dürfen, wie sich Joseph D’Agostino und seine Freunde in den folgenden Minuten umständlich von Melodie zu Melodie angeln, um den Song über den Prog-Umweg zum versponnenen Noisepop zurückzuprügeln. Das sträubt sich und ist dennoch auf zerbrochene Art eingängig ohne auch nur in die Nähe des angekündigten Slowcore´s zu kommen.  Wie kompliziert es Cymbals Eat Guitars allerdings wirklich bis zum zweiten Song angegangen sind, zeigt sich mit diesem prompt und plötzlich geht es Schlag auf Schlag: ‚Shore Point‚, ‚Keep Me Waiting‚, ‚The Current‘– ununterbrochen peitschen die relativen Melodiehits nur so aus den Boxen. Cymbals Eat Guitars schlagen zahlreiche Hacken, lassen immer die Vordertür aus und klettern notfalls ohnedies übers Fenster ein. ‚Lenses Alien‚ windet sich immer wieder aus den Gehörgängen, obwohl die Band derart viele Melodien ausspuckt, als gelte es die gesamten Neunziger auf einmal neu zu vertonen. Vielleicht ist das auch der einzige tatsächliche Unterschied zu ‚Why There are Mountains‚: Das Zweitwerk gibt sich noch sperriger, Cymbals Eat Guitars artikulieren ihren Rock noch eine Spur vertrackter als bisher. Und unterm Strich werden eingängige Teilstücke und schwierigen Gesamtwerke doch zu unverschämten Ohrwürmern – die wachsen und wachsen und wachsen.

Auch weil ‚Lenses Alien‚ nie zu verkopft oder angestrengt wirkt. Viel eher darf man annehmen, dass diese vier Burschen einfach um die Ecke denken müssen. Anders als clever geht praktisch nicht.  Dass ihnen dabei ausgerechnet John Agnello geholfen hat, passt natürlich wie die Faust aufs Auge: Agnellos Kundenstamm liest sich einerseits über Sonic Youth, Kurt Vile oder Dinosaur Jr. wie das Who is Who der nächsten Artverwandten zu Cymbal Eats Guitars. Andererseits darf allein das aufgekochte ‚Another Tunguska‚ als Beweisstück hergenommen werden, wie sehr Agnello die Musik der New Yorker bereichern konnte. Freilich ist ausgerechnet diese Nummer immer schon ein regelrecht eingängiger Brocken Pseudopop gewesen, plötzlich aber ist das auch ein mutmaßlicher Genrehit und der vermutlich hellste Stern einer rundum fantastischen zweiten Platte. Vielleicht ist ‚Another Tunguska‚ aber auch nur der Nachweis, dass hier alles einfach länger als gewöhnlich braucht, um zu wachsen. ‚Alien Lenses‚ seine  Nähe zum Vorgänger als verkopfte Mutlosigkeit vorzuwerfen – wer will das schon, bei derart ausgefuchsten, unwiderstehlichen Kompositionen? Cymbal Eat Guitars gelingt die Gradwanderung zwischen niemals gefühlskalter Hirnakrobatik und unterkühlt aufregender Körperlichkeit wieder ebenso gut wie das Wiederbeleben alter Tugenden mit beiden Beinen im Jetzt. Bleibt man dran, entlohnt ‚Lenses Alien‚ gleichermaßen wie schon ‚Why There Are Mountains‚ mit wunderbar umständlichen Indie-Rock. Zehn potentiellen Lieblingsliedern, die man schon vor zehn Jahren gerne gehört hätte.


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