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Das Geschäft mit der Realität

Sozialpornographie, Fremdschämen und Menschen, die man im noch echteren Leben kaum begegnen will: diese Mischung lockt mich Montag bis Mittwoch vor den Fernseher bzw. auf die Website des Österreichischen Fernsehsenders, der sich für fast nichts zu schade ist: ATV. „Saturday Night Fever“, „Das Geschäft mit der Liebe“, „Teenager werden Mütter“ und „Die Lugners“, ja, ich habe einen schrecklichen Seriengeschmack. Und dafür lasse ich jeden anderen Fernsehevent, außer Skispringen und „Sturm der Liebe“ natürlich, links liegen.

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Doch warum diese Qual? Warum den letzten Funken Hoffnung auf qualitätsvolles Privatfernsehen durch penetrantes Hinsehen begraben?

Ich könnte sagen, dass ich meinen soziologischen Horizont durch diese „Sozialstudien“ zu erweitern versuche. Dass diese Serien quasi empirische Arbeiten über Österreichs Jugendkultur (man besäuft sich maßlos und lässt sich dabei filmen), Sexismus in Verbindung mit der Panik vor der annähernden Gleichstellung von Männern und Frauen (man sucht eine unterwürfige, viel zu junge Osteuropäerin und lässt sich dabei filmen), Jungeltern (man bekommt ein Kind und lässt sich dabei filmen) und Richard Lugner (man ist Richard Lugner und lässt sich dabei filmen) sind.

Aber eigentlich macht’s die Mischung daraus und der Tatsache, dass diese Serien doch ein gewisses Entertainmentlevel besitzen (und einen Mix aus Ärger, Belustigung und Fremdschämen erzeugen), aus. Das geht jedoch nur dann auf, wenn man sich vorlügt, dass alles echt ist und kein Satz aus einem Drehbuch stammt. Eine Zeit lang ging das gut. Bis zu dem Zeitpunkt, als ein ehemaliger „Saturday Night Fever“-Darsteller offenbarte, dass alles auf einem Drehbuch basiert.

Wäre ja zu schrecklich gewesen: Menschen, die sich bei Beziehungsstreitigkeiten filmen lassen, die vor laufender Kamera damit prahlen, ihre_n Partner_in betrogen zu haben, die tausende Euro für die Partnerinnensuche in der Ukraine ausgeben, und die glauben, sie seien Nachfolger von Jesus und jungen Frauen Energie „from upstairs“ geben.

Andererseits: manchmal sind die Protagonist_innen zu blöd, um erfunden zu sein.

Vor allem „Das Geschäft mit der Liebe“ hat’s in sich: ekelhafte Männer, die Rollenbilder aus dem 19. Jahrhundert vertreten, fahren regelmäßig in den Osten zu von einer Agentur organisierten Treffen mit jungen Frauen, und – wen wundert’s – es wird eh nie was daraus. Denn auch im Osten warten Frauen nicht scharenweise auf Machos aus Österreich und darauf, diese verwöhnen zu dürfen (welch Überraschung!).

Doch selbst wenn alles nur gespielt ist, ist es mehr oder weniger aus dem Leben gegriffen. Denn Agenturen, die Frauen aus dem Osten „vermitteln“, boomen wirklich, was bedeutet, dass es mehr Männer gibt, die geistig noch in der Zeit der Monarchie verwurzelt sind, und nicht nur diese fünf bis sechs, die sich im Fernsehen bloßstellen.

Und das ist das Erschreckende daran.

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