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Das Schulsystem, die ÖVP und der bewegte Stillstand

Die ÖVP sollte sich ein Beispiel an Ihrer deutschen Parteikollegin, der Bildungsministerin Annette Schavan, nehmen. Während Schavan die positiven Effekte der Ganztagsschule hervorhebt, beispielsweise, dass sie zum Abbau der Bildungsarmut beiträgt, vertritt ein nicht gerade schwacher Teil der ÖVP noch immer ein zutiefst konservatives Familienbild. Das Kind soll so viel Zeit wie möglich bei der Familie, genauer gesagt: bei der Mutter, verbringen.

flickr.com/mkorsakov

Fairerweise muss man sagen, dass es auch schon in der ÖVP Bewegung gibt. Sogar der Vizekanzler und Finanzminister Pröll, der sich bis dato nicht als DER Vertreter eines zeitgemäßen Schulsystems hervortat, kann der Ganztagsschule etwas abgewinnen. Aber verpflichtend soll die ganztägige Schulform aus Sicht der ÖVP nicht sein, und schon gar nicht gratis. Denn wer
will ihr_sein Kind schon in eine „Zwangstagsschule“ geben?

Vielleicht jene, die sich die Ergebnisse der vom deutschen Bildungsministerium vorgestellten Studie durchlesen. Die Studie besagt, dass sich eine ganztägige Schule positiv auf das
Sozialverhalten und die schulischen Leistungen auswirken kann, Lernmotivation und Schulfreude steigen können und sich das Risiko des Sitzenbleibens verringert. Ebenso ist von einer „tendenziell positiven Wirkung“ auf das Familienklima die Rede. Und diese Studie wurde eben nicht von einer links-linken Ministerin präsentiert, was hoffen lässt, dass sich die ÖVP bei diesem Thema noch bewegt.

Eine verpflichtende Ganztagsschule würde den Weg zu einem gerechten Schulsystem ebnen, das nicht vorrangig durch den sozio-ökonomischen Status der Eltern bestimmt wird. Erreicht werden kann dieses Ziel aber nur durch eine „gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen“, verstärkt durch die Ganztagsschule.

Bei diesem Thema sieht es die ÖVP doch etwas strenger:  Als sich Ministerin Beatrix Karl im Mai für eine Gesamtschule aussprach, ergriff Pröll rasch das Wort und tat es als „persönliche Meinung“ Karls ab. Auch von anderen ÖVPler_innen kommen hie und da leise Rufe nach einem Umdenken der Partei bezüglich der Gesamtschule. Trotz kleiner Hoffnungsschimmer bleibt die Linie der Volkspartei aber so, wie wir es gewohnt sind: für Eliten, gegen Gleichmacherei.

Im Bericht der „Wirtschafts- und Sozialpolitischen Zeitschrift“ über die „Effekte von Gesamtschulsystemen auf Testleistungen und Chancengleichheit“ heißt es:

„EU-Länder mit Gesamtschulsystemen bis 16 Jahre erreichen (…) die Ziele der Chancengleichheit und Individualisierung besser.“

Eine Nivellierung nach unten finde nicht statt, Gesamtschulen gelinge es sogar besser, Risikoschüler_innen zu vermeiden. Gesamtschulsysteme bis 15 Jahre kämen zwar auf ähnliche Ergebnisse, es gilt aber: je später das Erstselektionsalter, desto geringer ist die soziale Selektivität und desto höher ist die Individualisierung.

Also liebe ÖVP, warum nicht darauf hören, wenn sogar die Bildungselite sagt:

„Alle bisher durchgeführten Analysen sprechen somit eindeutig für Gesamtschulsysteme bis 15 oder 16 Jahre“ (WISO 2/2007)

Siehe auch:

http://bit.ly/ctD6wG

Wirtschafts- und Sozialpolitische Zeitschrift 2/2007

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Comments (2)

  1. samot15. November 2010 Antworten
    Also, ich war froh dass ich in meiner Volksschulzeit nicht in einer Ganztagsschule war. Ich bin allerings auch am Land aufgewachsen und wir haben nicht den ganzen Tag vorm PC verbracht…
    Zum Thema Gesamtschule. Die Rechten, wie der Herr Unterberger, bringen ja immer das Argument das zwar die Schwachen gefördert werden und die Talentierten auf der Strecke bleiben.
    Persönlich hab ich nämlich auch das Gefühl, ich war nämlich in einer ziemlich schwachen Volksschulklasse, hab dann allerdings ins Gymnasium wechseln können. Der Rest ist ist geschlossen in die Hauptschule gewechselt, was ja eh praktisch dann einer Gesamtschule entspricht. Ich weiß nicht ob ich heute studieren würde wenn ich noch vier Jahre mit den selben Leuten in einer Klasse gewesen wäre(Von den 21 Leuten aus meiner alten Volksschulklasse studieren zwei, inkl. mir und das wohl auch nur weil wir ins Gymnasium gewechselt sind, und gerade sechs haben die Matura gemacht).
    Sprich von den 19 Leuten die acht Jahre in der selben Klasse waren studiert heute niemand. Das ist meiner Meinung nach das größte Problem bei Gesamtschulen. Das lässt sich vielleicht aber in den Griff bekommen, wenn alle Lehrer an den Unis ausgebildet werden.
  2. was21. November 2010 Antworten
    Nach einem kurzen Blick auf eine Presemitteilung vom 11.11. des deutschen BMBF habe ich eher denn Eindruck, dass es bei den dortigen Ganztagsschulaktivitaeten um ein ergaenzendes Angebot geht (nicht um eine komplette Umstellung auf ein ganztaegiges Schulsystem). Der Gegensatz ist also vielleicht doch nicht so gross? Und zum Thema „gratis“:
    In Frankreich (kein besonders unsoziales Land, oder?) gibt es meines Wissens nach ausschliesslich (oder zumindest zum uebergrossen Teil, dass es irgenwelche Sonderformen gibt kann ich nicht ausschliessen) Ganztagsschulen. Das Mittagessen, das die Kinder dort bekommen, ist zu bezahlen (sozial gestaffelte Tarife, aber gratis ist es auch fuer Einkommensschwache nicht). Der Anteil der Kinder die dort (in Frankreich) Psychopharmaka bekommen ist uebrigens im internationalen Vergleich hoch. (Quelle habe ich leider vergessen, aber kuerzlich irgendwo gelesen.) Muss natuerlich nicht am Schulssystem liegen, aber koennte sein.

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