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David Lynch – Crazy Clown Time

Auf Filme hat der exzentrische Ausnahmeregisseur momentan keine Lust, weswegen sich  Lynch auf eines seiner anderen Steckenpferde konzentriert und das erste Album unter eigenen Namen veröffentlicht: Ein elektronisch meditierendes, überlanges Beatgerüst zwischen Roadhouse Blues und verhinderter Popmusik.

Über eine Stunde hinweg kreiert Lynch Musik, die ästhetisch in eine ähnliche Kerbe wie seine Filme schlagen: Düster vor sich hinbrütende, oftmals karge Soundgerüste sind die versammelten Songs geworden, bei denen sich mehr im Gedanken des Hörers denn in der Musik selbst abspielt. Denn in der Regel bilden monoton ausgewalzte Slow-Motion Trip Hop und Industrial-Beats die Grundlage von ‚Crazy Clown Time‚, darüber wabbern  Synthesizereffekte oder Lynch provoziert gelegentlich mit reverbverhangenen, unterkühlten Gitarren den unvermeidlichen Roadhouse-Vergleich. In jenen Momenten ist das Debütalbum tatsächlich nah dran, eine Entprechung von Lynchs Filmen auf musikalischer Ebene zu sein.

Bei ‚Crazy Clown Time‚ von einem Debütalbum zu sprechen ist aber natürlich nur theoretisch richtig, hat Lynch über die Jahre hinweg doch eine nicht gerade bescheidene Discographie vorzuweisen: Mit Angelo Badalamentio die Arbeiten an legendären Soundtracks wie jenen zu ‚Twin Peaks‚; den ‚Eraserhead‚ – „Coverhit“ ‚In Heaven‚; als BlueBob im Team mit John Neff und natürlich ‚Dark Night of the Soul‚ – die von Danger Mouse und Sparklehorse iniziierte Superstarsause, für die Lynch nicht nur den graphischen Part erdachte sondern auch selber zum Mikro griff. ‚Crazy Clown Time‚ ist nun die logische Folgerung seiner bisherigen musikalischen Gehversuche geworden, braucht nun keine Pseudonyme oder Kollaborationen, erstmals prangert der Name David Lynch alleine auf einer Veröffentlichung. Schlußendlich hätte ‚Crazy Clown Time‚ der eine oder andere zusätzliche Impulsgeber wahrscheinlich nicht geschadet.

Wenn sich etwa im Opener ‚Pinky´s DreamYeah Yeah Yeahs-Frontfrau Karen O eindringlich durch diesen Rohbau eines dreckigen Rocksongs räkelt, hat das nicht nur Stil, sondern auch unterschwellig kochenden Sex, den Lynch immer wieder aufkommen lässt. Unterkühlte Filme spielen sich dann vor dem inneren Auge ab, ‚The Night Bell With Lightning‘ etwa schreit förmlich nach der zwilichtigen Bar. Dagegen fällt der Gedichte rezitierende Lynch bei ‚Noah’s Ark‚ oder mit Kehlkopf-Sprachbox in ‚I Know‚ zwangsläufig ab, im Titelsong mit überdrehten Vocaleffekten gar auf die Nerven. Wie auch im um die Tanzflächen buhlenden 80er Jahre Popalptraum ‚Good Day Today‚, dass noch nicht einmal vor Maschinengewehrsamples zurückschreckt. Tatsächlich varieren die Qualitäten der vierzehn Nummern stark und im Grunde funktioniert ‚Crazy Clown Time‚ immer dann am besten, wenn es seine entrückte Coolness in der Vordergrund stellt. Mit meditativer Monotonie eine verruchte Stimmung zwischen unheilschwangerer Nacht und nebelkaltem Morgen kreiert und stimmungsvoll verhüllen kann, was der Platte schlußendlich fehlt: Gutes Songwriting. Noch schlimmer: „verstörend“ meint hier nicht selten eigentlich „nervend“.
Lynch begnügt sich schlußendlich damit, die aus seinen Filmen bekannten ätherischen Synthesizerarbeiten in ein elektronisches Rhytmusumfeld zu verlegen. Was dabei zählt ist der Weg, denn ein konkretes Ziel hat der musizierende Regisseur selten vor Augen. Die zündenden Ideen fehlen, um aus ‚Crazy Clown Time‚ mehr als eine ansprechende, vor allem aufgrund seiner Länge aber auch erschöpfende Nachtwanderung durch Lynch´s Seelenleben zu machen.

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Comments (1)

  1. Pingback: Various Artists - Twin Peaks (Music from the Limited Event Series) - HeavyPop.at 14. September 2017 […] grandios stilvolle Nummer und typische Lynch-Komposition, wie er sie für seine eigenen Studioalben Crazy Clown Time und The Big Dream so einfach nicht schreiben wollte: Sehnsüchtig flehend, mit großer Geste, […]

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