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Der persönliche Wehrpflichttaumel

Für mich war es nie leicht, mich Menschen unterzuordnen. Viel zu groß die Angst davor, in Depression unterzugehen. Das Bundesheer wäre also eine ganz ‚eigene‘ Erfahrung für mich gewesen – ein Fakt, der über 2 Jahre brauchte, um durchzudringen.
ein Gastbeitrag. Der Name des Autors ist bekannt.

Als ich zum ersten Mal im Sommer 2009 zur Stellung fuhr, fühlte ich mich sicher. Nach dem Schulabschluss waren meine Depressionen zwar nicht mehr so ausgeprägt wie in der emotional extrem belastenden Pubertät, aber da. Und ich glaubte daran, dass mir das ärztliche Schreiben in meiner Tasche den Heeresbesuch ersparen würde. Und es wurde zur Kenntnis genommen. Im Laufe der Untersuchung verbrachte ich 15 Minuten in einem Zimmer der Grazer Belgierkaserne mit dem wohl schlechtesten, abgestumpftesten Psychologen der Welt. Nachdem ich beim vorangegangenen Test Fragen wie „Haben Sie schon einmal an Selbstmord gedacht?“ oder „Haben Sie ein Problem mit Autoritäten?“ wahrheitsgemäß beantwortet habe, fragte der Psychologe, mit dem Blick starr auf das Blatt vor ihm, mich die Fragen noch einmal – mit einem „Warum?“ hinten dran. Während ich ihm meine Krankengeschichte versuchte darzulegen, starrte er auf sein Blatt Papier und notierte nur, was zu den Fragen passte.

Ergebnis: Vorübergehend Untauglich. In zwei Jahren wieder aufsalutieren. Heuer also. Wieder war ich dort, wieder fragte man mich, warum und wieso ich denn krank sei, wieder antwortete ich, dass ich nicht mehr wissen würde als sie. Ist einfach so. Nur halt anscheinend nicht Pubertätsbedingt, wie zuerst vermutet, sondern chronisch, vererbt von den Großeltern. Ergebnis: der Psychologe will mich wieder 2 Jahre aufschieben, verrät mir die Ärztin. Die verordnet mir einen Besuch bei einem Psychiater/Neurologen, um Klarheit zu schaffen und das Aufschiebe-Spiel nicht spielen zu müssen, bis ich 35, und somit nicht mehr Grundwehrdienstpflichtig, bin. Mit einer Überweisung und dem Stellungbefund „Stellungsbefund ausgesetzt“ verlasse ich nach 7 Stunden die Kaserne wieder. Klarheit soll der Besuch beim Psycho-Doc schaffen – auch mir zuliebe.

2 Wochen später finde ich mich in der beruhigenden Atmosphäre einer Ordination in Waltendorf wieder und warte. Darauf, dass sich entscheidet, ob ich jetzt tauglich bin oder nicht. Ich bin nervös. Natürlich. Nach der Untersuchung meint der Arzt nur zu mir, dass es sehr gut sein kann, dass ich stark rückfällig werde unter den Belastungen des Grundwehr-/Zivildienstes. Aber auch, dass ich mir keine zu großen Sorgen machen solle – Depressionen seien heutzutage so gut behandelbar, dass sie bei vielen wieder weggehen würden. Ein Highlight der Untersuchung: „Wenn Sie Panikattacken haben, gehen Ihnen da auch Harn oder Kot ab?“
Nein, tun sie nicht. Gott sei Dank.

Warum eigentlich nicht Zivildienst? Ich war mehrmals schon Ersthelfer. Zwei Selsbtmordversuche, ein Fahrradunfall in der Merangasse, drei Mal viel Blut. Drei Mal konnte man mich danach streichen. Mit Menschen mit Beeinträchtigung kann ich nicht umgehen, sie machen mich nervös, ratlos. So leid es mir tut. Ich hätte gerne den Zivildienst gemacht. Aber ich weiß auch, dass es nicht besser für mich wäre als der Grudnwehrdienst. Nur eben anders.

Gestern habe ich den entgültigen Stellungsbescheid bekommen. „Untauglich“. So recht freuen will ich mich nicht, auch, wenn es mir viel erspart. Aber im Endeffekt wäre ich gerne so belastbar wie alle anderen Menschen auch.

Foto: Bundeswehr

Der Neongrelle Botenaffe

Der Neongrelle Botenaffe - ein Zeichen für die Freiheit der Kommunikation, ein Kämpfer für die Wahrheit und die Freiheit der Medien. Anonym bringt er alles an sein Ziel, ohne je einen Dank dafür zu verlangen. Denn die, die ihn schon kennen, lassen eine Banane auf ihrer Türschwelle für ihn zurück.

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Comments (1)

  1. f23. Oktober 2011 Antworten
    Du vergisst, dass der Zivildienst aus mehr besteht außer dem Roten Kreuz. Nicht überall und auch nicht bei der Rettung fließt die ganze Zeit über viel Blut.
    sonst – schön

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