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Die ÖH ist tot, es lebe die ÖH!

Die österreichische HochschülerInnenschaft als politische Interessensvertretung hat versagt. Ein Nachruf zu ihrem Tode wäre dennoch verfrüht.

Bewegte Zeiten aus bildungspolitischer Perspektive waren im Jahre 2010 zu vermelden. Wie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, gingen Studierende auf die Straßen um für eine Veränderung der bildungspolitischen Großwetterlage einzutreten. Das Ergebnis war dürftig, um nicht zu sagen, die Proteste waren umsonst – geflissentlich ignoriert von der Politik.

Die ÖH spielt also in der aktuellen Politik keine Rolle und schafft es auch nicht, sich für längerfristige Konzepte als Ansprechpartnerin Gehör zur Verschaffen. Dies sollte nicht der ÖH allein als Schuld  anzulasten sein, sondern auch der österreichischen Politik, die auf Mitsprache der Studierenden getrost verzichten kann und will. Sie weiß, dass mit Bildungspolitik kein Staat zu machen ist.

Anspruch und Wirklichkeit

Es bleibt noch der gesellschaftspolitische Anspruch, den die ÖH erhebt. Als Korrelativ, um manchen Auswüchsen der Politik Paroli zu bieten. Die Gefahr dabei: Es entsteht eine Scheinwelt in der reale Vorgänge mit ihrem Selbstanspruch nicht mehr übereinstimmen. Wie ernst zu nehmen ist beispielsweise das – begründete – Auftreten gegen Praktika für Hungerlöhne, wenn selbst die ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer, immerhin oberste Vertreterin von 300.000 Studierenden und übervollem Terminkalender mit einer Aufwandsentschädigung von rund 400,– Euro monatlich abgespeist wird? (Und sich im Gegenzug dafür von Online-PosterInnen vorwerfen lassen darf, ihr Studium zu vernachlässigen).

Natürlich geht es bei der Arbeit in der ÖH nicht rein ums Geld. Die „ÖH“ stellt ein soziales Netzwerk dar, ein Treffpunkt von Gleichgesinnten, die nicht bereit sind, nur tatenlos zuzusehen. Neben den politischen Rivalitäten von ÖH-Fraktionen steht doch das Verbindende im Vordergrund (bzw. sollte stehen). Es ist auch ein Ort, an dem Freundschaften entspringen und Bindungen geknüpft werden. Und natürlich es ist es auch ein Ort der schult, der vielen oft erstmals Einblick in die Abläufe von Entscheidungsfindungen bietet, einen vorsichtigen Blick hinter die Kulissen von politischen Vorgängen ermöglicht, sich anbietet, ein Netzwerk aufbauen, das auch nach Beendigung der ÖH-Arbeit zur Verfügung steht. Die HochschülerInnenschaft also doch ein „politischer Kindergarten“, wie Schmähstimmen ihr oft vorwerfen? Ja, aber das sollte nicht nur ihr Nachteil sein.

Große Bühne, wenig Publikum

Abseits der großen Bühne des umstrittenen Spektakels eines allgemein gesellschafts- und bildungspolitischen Anspruchs, gibt es – eher weniger den mehr sichtbar – zahlreiche Engagierte, die Zeit und Energie investieren, die sich in den vielen universitären Gremien und Studienvertretungen um die Rechte ihrer KollegInnen mühen. Studierende haben eine, nicht nur im europäischen Kontext, einzigartige Möglichkeit auf die Ausgestaltung der Universität Einfluss zu nehmen und aktiv beispielsweise bei Studienplanerstellungen und Senatsbeschlüssen mitzuwirken.

Und genau diese Einmaligkeit ist in Gefahr. Wenn die Zügel im Studium gestrafft werden, bleibt für ehrenamtliche Tätigkeiten kein Platz mehr. Die beschlossenen Studieneingangsphasen und gekürzte Bezugsdauer für die Familienbeihilfe führen zu einem erhöhten Leistungsdruck – wer hat da noch Zeit und Willen sich für sein, oder ihr, Studium zu engagieren? Auch das Bologna-System mit Dreigliederung des Studiums (Bachelor, Master, PhD) war hier schon ein Einschnitt: Verweilte man früher im Diplomstudium länger an einer Universität, wechseln nun einige nach dem Bachelor die Universität oder verschwinden ins Berufsleben. Fällt der freie Masterzugang, so überlegen es sich Studierende noch genauer, ob sie bereit sind, ihren Studienerfolg der ÖH-Arbeit zu opfern.

Bleibt der Zufluss von Engagierten jedoch aus, steht zu befürchten, dass genau die letzte einflussreiche Tätigkeit der HochschülerInnenschaft schwindet. Und damit auch ihre letzte Existenzberechtigung.

Ein Veränderungsprozess wird innerhalb der ÖH eingeleitet werden müssen, um gegen die kommenden Herausforderungen Bestand zu haben. Tut sie es nicht, scheint ihre Zeit abgelaufen. Und es wäre doch schad‘ um sie.

Foto: SewPixie

Fuchsy

Studiert Umweltsystemwissenschaften (USW), Europäische Ethnologie und arbeitet als Webdeveloper in Graz. ÖH-aktiv in der Studienvertretung USW und Fakultätsvertretung URBI, sowie in den Unabhängigen Fachschaftslisten (www.fachschaftslisten.net). Mag: Bücher, Blogs und Betatests. Mag nicht: Rätsel, Regen und Rollenspiele.

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Comments (2)

  1. Sepp von da Alm11. Januar 2011 Antworten
    Viel Richtiges im Artikel, aber 1.) nicht vergessen, dass man auch Toleranzsemester für ÖH-Tätigkeiten dazu bekommt! 2.) Man durchaus davor fürchten muss weiter Kaderschmiede für Nachwuchspolitiker zu sein, die dann zwar rethorisch und didaktisch top sind, leider aber keinen Bezug zur Realität und dem Leben der Menscgen haben. Just my 2cent
  2. Fuchsy12. Januar 2011 Antworten
    Das mit den Toleranzsemestern ist natürlich richtig. Allerdings geht der Trend in den letzten Jahren eindeutig zu „schneller studieren“. Auch gegen Alters- und Zugangsbeschränkungen helfen Toleranzsemester nur bedingt. Die ÖH als Kaderschmiede halte ich für überbewertet. Natürlich gibts immer wieder welche, die später in die (Partei-)Politik wechseln, aber große Namen hat die ÖH schon lange nicht mehr hervorgebracht. Die Landwirtschaftskammer, beispielsweise, kann dann schon viel mehr als Kaderschmiede (der ÖVP) gelten.

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