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Dredg – Chuckles and Mr. Squeezy

Dredg am Scheideweg: Chuckles and Mr. Squeezy ist entweder der ultimative Beweis für einen unbändigen Willen, musikalisch immer wieder Neuland betreten zu wollen.
Oder aber das traurige Dokument der Selbstdemontage einer der ehemals besten Bands der 00er Jahre.

Auf der Stelle zu treten war ja noch nie das Ding der vier exzentrischen Musiker aus Kalifornien. Spätestens seit deren dritten Streich Catch Without Arms lässt sich jedoch nicht nur der Hang zu grenzdebilen Albumtiteln nachweißen, sondern auch, dass die einstige Progsensation Dredg immer deutlicher Richtung Pop schielte. Schon der 2009er Vorgänger The Pariah, the Parrot, the Delusion lotete die Grenze zwischen zwischen gelungenem Poprock mit affektiert künstlerischen Überbau und schleimiger Mainstream Anbiederung nicht mehr ganz so trittsicher aus.
Für Chuckles and Mr. Squeezy gibt es nun gar kein Halten mehr, ein Platz auf The Dome: Volume 50 für Information genügte offenbar nicht.
Dredg wollen ihre musikalische Qualität in verkauften Tonträgereinheiten gemessen sehen. Wollen in die Ohren all jener, denen das Frühwerk der Band vermutlich nicht unbedeutender sein könnte und in die Herzen derer, welchen die Band Dredg an sich wohl nicht mehr bedeuten dürfte, als die nächsten drei Minuten Radioairplay.
Dredg wollen in die Charts. Schmeißen nahezu alles von Bord, wofür man die Band einst lieben gelernt hat.
Pop mit der Brechstange lautet also die Devise.

Der vorausgeschickte, erschreckend harmlose Radiopoplangweiler The Thought of Losing You entpuppt sich als zuverlässiger Indikator dieser Neuerfindung.
Dabei gibt sich weniger das „Was“ als das „Wie“ als größtes Problem von Chuckles and Mr. Sqeezy. Die Band krepiert elendig am Versuch, gute Popsongs zu schreiben, verfranst sich dabei in belanglose Kompositionen und seelenlosem Sound.
Ausnahmeschlagzeuger Dino Campanella darf stupide Hip Hop Beats derartig blutleer einspielen, dass es selbst einem stockenden Drumcomputer aus den späten 90ern die Schamesröte auf´s Display funken würde. Mark Engles Gitarrenarbeit findet selten den Weg auf die Platte. Wenn doch, klingt sie am Beispiel Upon Returning wie der erbärmliche Versuch Kashmir zu kopieren.
Produzent Dan the Automator befleckt seine ansonsten blütenweiße Kariereweste dabei mit einem katastrophal unorganischen Sound. Die Songs scheinen förmlich einzuschlafen, verstecken sich hinter hauchdünnen aber penetranten Synthiewänden und immer wiederkehrenden orientalischen Spielereien, die nahezu jegliche bisherige Charakteristika der Band überschatten.
Damit gerät Chuckles and Mr. Squeezy über weite Strecken zu einer gefühlten Soloplatte von Sänger Gavin Hayes. Dessen markante Stimme zu zerstören gelingt nicht. Doch hatte ihn schon The Pariah, the Parrot, the Delusion als beschränkten Lyriker entblößt, kommen die Texte auf Album Nummer Fünf nun einem höhnenden Faustschlag für all jene gleich, die dieses Pokemongoldkehlchen einst als hemmungslosen Satiriker missinterpretierten.
Kein Bereich, in dem Chuckles and Mr. Squeezy nicht weit genug Richtung trivialer Banalität geschliffen hätte werden können.

Dabei gibt es sie doch, diese wenigen Momente, die Chuckles and Mr. Squeezy vom absoluten Rohrkrepiererdasein retten. Vor allem im Mittelteil der Platte, wenn Dredg bereits die schlimmsten Exzesse ihrer neuen Kariere losgelassen haben und es sich für die Schlussphase noch nicht in der absoluten Beliebigkeit gemütlich gemacht habven, schwingt sich die Platte zum leidlich gelungenen Versuch moderner Popmusik auf.
Somebody is Laughing gibt den handzahmen Radioanwärter mit Konservenchorunterstützung. Down Without a Fight beschämt mit peinlichem Sound, ist in seiner Eingängikeit jedoch ein Ohrwurm erster Güte. The Ornament war immer schon ein sensationeller Song. Nun weiß man auch, dass diese wunderbare Melodie nicht einmal die mieseste Drumcomputerproduktion der Welt zerstören kann. Und Kalathat zeigt mit einer simplen Gitarrenfigur und Gavins eindringlicher Stimme im Vorbeigehen auf, wie gut diese Band sein könnte, wenn sie nicht so zielstrebig in die Beliebigkeit marschieren wollte.
Das sind die Momente, in denen man merkt, dass Dredg in der weiten Popwelt nicht hoffnungslos verloren sein müssten, das der Grundansatz für Chuckles and Mr. Squeezy durchaus ein interessanter sein hätte können. Wenn tolle Melodien die grottige Produktion überstrahlen und man bei derartig catchy Hooklines auch vergessen kann, mit welchere Band man es hier zu tun hat.
Vor allem aber sind das die Momente, in denen man die Bandmitglieder vor dem geistigen Auge nicht durch fragwürdige 90er Jahre Boybandvideos kaspern sieht und die Flippers als erste Referenzband gelten müssen.

So gerät Chuckles and Mr. Squeezy über weite Strecken zum charmelosen Mittelklassepop. Ohne Ecken und Kanten prostituiert sich diese Platte schamlos, will in die Charts um jeden Preis. Dass sie darüber hinaus ob der musikalischen Vergangenheit der Band Dredg eine Enttäuschung darstellt, fällt natürlich zusätzlich ins Gewicht.
Doch wo musikalische Neuorientierungen immer legitim sind, hinterlässt der verzweifelte Versuch Songbanalitäten krampfhaft auf massentaugliche Hits zu züchten, einen falen Beigeschmack.
Sollen sie das ruhig künstlerischen Wagemut und Forscherdrang nennen.
Dredg tauschen hiermit aber auch ihre Integrität gegen die Aussicht auf kommerzielle Erfolge.


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Comments (1)

  1. Pingback: Black Map - …And We Explode - HeavyPop.at 29. August 2016 […] momentan nicht“ resümierte  Mark Engles rund um die Veröffentlichung von ‚Chuckles ans Mr. Squeezy‚ vor mittlerweile drei Jahren. Mittlerweile hat der Dredg-Gitarrist ganz offenbar genau […]

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