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Edith Foster – Über die Jahre

"Über die Jahre. Ein Klassentreffen in Wien" von Edith FosterEs gibt genug Bücher, die zu unrecht völlig unbekannt ihr Dasein fristen. Edith Fosters „Über die Jahre. Ein Klassentreffen in Wien“, die Neuauflage ihrer 1989 erschienenen Erzählung „Maturatreffen“ im Milena-Verlag, ist eines davon.

„Über die Jahre“, das sind die Erinnerungen der 1914 in Wien geborenen jüdischen Sozialistin Edith Fink, später Foster. Und sobald man das Buch aufmacht und zu lesen beginnt, merkt man, es war ihr wohl ein Anliegen, diese Geschichte zu erzählen. Die Geschichte eines Maturatreffens in Wien und die Geschichte ihrer Kindheit und ihrer Flucht. Die Geschichte ihres Maturatreffens 1983 in Wien endet mit einem Eklat, ihre Kindheit ist geprägt von ihrem Engagement in der Sozialistischen Bewegung Wiens, ihre Flucht war geglückt und führte sie über Schweden, Mexico und Australien 1961 in die USA.

Es ist eine abwechslungsreiche Geschichte, die uns Foster erzählt. Erzählerisch wechselt sie immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit, um über ihre politische Sozialisation und die damaligen Erlebnisse mit ihren Klassenkolleg_innen zu berichten. In der Gegenwart dreht sich alles um eine Frage, die folgender Ausschnitt gut zusammenfasst:

Es ist Frühling im Jahrzehnt von Reagan, Thatcher und Kohl. Der Himmel ist dennoch blau. Irgendwie bin ich alt geworden. Irgendwie war ich bereit, nach Wien zurückzukehren, um an diesem möglicherweise absurden Zusammentreffen von Sechzigjährigen teilzunehmen. Wer wird da sein? Die Juden werden da sein. Die Nazis werden da sein. Die Opportunisten und die Feiglinge werden da sein. Diejenigen, die anständig waren und die um des Überlebens willen schweigen mussten, werden da sein.

Sind die Schuldigen sich ihrer Schuld bewusst?

Lange findet sie darauf keine Antwort. Alles läuft so, wie es laufen soll, alte Freund_innen sehen sich nach langer Zeit wieder, alte Feind_innen ignorieren sich ihrem Alter entsprechend gekonnt, andere gehen offen auf einen zu. Alles, was in diesen Momenten bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung daran, dass die Nazis sie als Jüdin und Sozialistin ignoriert und ausgeschlossen hatten, während andere Kontakt und Diskussionen mit der selbstsicheren Edith vermieden. Erinnerungen daran, wie sie alle, die Sozialist_innen und Nazis, damals zusammen Operetten nachsangen. Wie sie und eine Freundin vom Chorunterricht ausgeschlossen wurden. Wie ihr Lehrer, den sie so bewunderte, sie bei der Matura wegen Herkunft und Einstellung zu diskriminieren versuchte. Und dann kommt es beim Klassentreffen zum Eklat.

Fosters „Über die Jahre. Ein Klassentreffen in Wien“ ist ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte, dass nicht stumpf urteilt, sondern die Situation unaufgeregt schildert und Hintergründe erklärt. Es ist ein Dokument einer Zeitzeugin über den Aufstieg des Nationalsozialismus und das Schweigen über die eigene Vergangenheit.
Zu kaufen gibt es das Buch großteils leider wieder nur noch über Einzelbestellungen oder direkt beim Milena-Verlag.

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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