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Stéphane Hessel – Empört Euch!

"Empört Euch!" von Stéphane Hessel

Stéphane Hessel, ehemaliger Kämpfer der französischen Résistance und KZ-Buchenwald Überlebender, versucht in seiner linken Streitschrift „Empört Euch!“ wie er selbst sagt die letzte Gelegenheit in seinem 93-jährigen Leben zu nutzen um die junge Generation an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen.

Sein ereignisreiches Leben bietet viel Stoff für Geschichten. Hessel wurde 1917 in Berlin geboren. Sein Vater Franz Hessel, war Schriftsteller jüdischer Herkunft und seine Mutter Helen Grund war Malerin und ebenfalls Schriftstellerin. 1924 zog die Familie nach Paris. Durch die künstlerische Atmosphäre seiner Familie, kam Hessel in Berührung mit der Pariser Avantgarde. Er besuchte die Pariser Ecole Normale Supérieur, die zuvor auch Jean-Paul Sartre besuchte. Da er seit 1937 französischer Staatsbürger war, wurde er in den Krieg eingezogen. 1941 kam er in Kontakt mit General de Gaulles „Freiem Frankreich“ in London. 1944 fand Hessel sich in geheimer Mission in Frankreich wieder um Kontakt verschiedensten Pariser Widerstandsnetzen aufzunehmen. Allerdings flog er auf und wurde am 10. Juli 1944 von der Gestapo in Paris verhaftet.

Im August des selben Jahres wurder nach Folter und Verhören in das KZ-Buchenwald überstellt. Hessel gelang es seine Identität mit einem an Typhus verstorbenen anderen Insaßen zu tauschen. Als „Michel Boitel“ und seinem „neuen Beruf“ als Fräser wurde er in das Lager Rottleberode gebrach um Fahrgestelle für deutsche Bomber herzustellen. Zu seinem großem Glück wurde er aber in die Buchhaltung versetzt. Hessel konnte fliehen, wurde aber aufgegriffen und in das Lager Dora gebracht, wo V1- und V2-Raketen hergestellt wurden, mit denen Hitler den Krieg noch gewinnen wollte. Abermals konnte Hessel fliehen und kämpfte sich bis zu den Allierten Truppen durch. Sein ihm „neu geschenktes Leben“ wollte er sinnvoll nutzen. 1946 trat er in den diplomatischen Dienst Frankreichs und Hessel machte Station in den Vereinten Nationen und wurde Mitglied der Kommission, die eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausarbeitete. Den Vorsitz dieser Kommission führte Eleanore Roosevelt, Witwe des 1945 verstorbenen US-Präsidenten und engagierte Feministin.

Nach diesem turbulenten Leben kommt Hessel in „Empört Euch!“ auf knapp 14  Seiten auf den Punkt.

Die Diktatur des Finanzkapitals bedroht die Demokratie, reißt die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, unterdrückt Minderheiten und zerstört die Umwelt unseres Planeten. Die Welt hat an Komplexität zugenommen, Hessels Ursache der Empörung und seines Widerstandes war der Faschismus und die deutsche Besetzung. Doch für die Menschen heute, sei es gar nicht so einfach die Gründe für eine Empörung klar auszumachen:

„Wer befiehlt, wer entscheidet? Es ist nicht immer leicht, zwischen all den Einflüssen zu unterscheiden, denen wir ausgesetzt sind. Wir haben es nicht mehr nur mit einer kleinen Oberschicht zu tun, deren Tun und Treiben wir ohne weiteres verstehen. Die Welt ist groß, wir spüren die Interdependenzen, leben in Kreuz- und Querverbindungen wie noch nie. Um wahrzunehmen, dass es in dieser Welt auch unerträglich zugeht, muss man genau hinsehen, muss man suchen.“

Hessel legt der „Jugend“ ans Herz nach der Empörung zu suchen, denn „Wer suchet – der findet“. Hingegen wer das nicht tut, dem kommt ein „absolut konstituives Merkmal des Menschen abhanden: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement“. Hessel bezeichnet die „Verweiger_innen“ als „Ohne-Mich“-Typen die durch ihre Haltung die sich und der Welt das Schlimmste antun.

Es gibt aber zwei Themen die auch jene Menschen erkennen die nicht suchen: 1. Die, sich immer weiter öffnende, Schere zwischen Arm und Reich. Und 2. die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten. Hessel nennt sie die zwei großen neuen Menschheitsaufgaben.

Wir müssen den Weg der Gewaltlosigkeit gehen lernen

Für Hessel gehört die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen. Gewalt kann keine Option sein, denn „Gewalt wirkt nicht“ und „Terrorismus wirkt nicht“. Gewalt will von der Hoffnung nichts wissen und die Hoffnung ist der Hoffnungslosigkeit vorzuziehen. Er beruft sich dabei auf die Botschaften eines Mandela oder eines Martin Luther King und auf die späte Einsicht des Jean-Paul Sartre, der trotz seiner Sympathie für Gewalt und Terror als unvermeidbares Scheitern, vor seinem Tod den Sinn von Terrorismus und Gewalt bezweifelte und stattdessen die Hoffnung als Triebfeder jeder Revolution und Aufstände ausmachte.

Hessel erklärt das Jetzt zu einer Zeit an der Schwelle. „Hinter uns die herben Enttäuschungen des ersten Jahrzehnts (Anm: 9/11 und die schweren Folgen, Irak, Finanzkrise…), vor uns die Möglichkeiten der kommenden Dezennien.“ Aber er plädiert dafür zu hoffen, denn die 90er Jahre hätten gezeigt das Fortschritte möglich seien: „die UNO-Konferenzen von Rio 1992 über die Umwelt und von Peking 1995 über die Lage der Frauen, im September 2000 auf Initiative des UNO-Generalssekretärs Kofi Annan die Erklärung der 191 Mitgliedsländer über >>acht Millenniums-Entwicklungsziele<< – eines der wichtigsten die Halbierung der Armut in der Welt bis 2015.“

Résumé

Abschließend ruft er auf zu „einem wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massekonsum, die Verächtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle“. Damit trifft Hessel den Nagel auf den Kopf. Seine Streitschrift könnte, auch in Bezug auf Ägypten, Tunesien und Algerien nicht aktueller sein. Hessels Streitschrift „Empört Euch!“ ist kurz und bringt die Lage der Menschen im Jahr 2010/2011 auf den Punkt. Die Gleichgültigkeit, erzeugt durch den Konsum und die Ratlosigkeit vieler ob der Komplexität der Welt setzt Hessel das Prinzip der Empörung gegenüber und er plädiert für die Hoffnung als treibende Kraft für eine Zukunft anstatt des vorherrschenden „Ich-Will-Mehr“ Motors des Neoliberalismus und der Technik.

Wer die eigenen Sinne schärfen will und eine Auffrischung des politischen Bewusstseins bitter nötig hat, soll Hessels Streitschrift so schnell wie möglich lesen.

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Comments (3)

  1. Dyrnberg14. Februar 2011 Antworten
    By the way der letzte noch lebende Mitverfasser der Menschenrechte. Mit dieser Biographie im Rücken schreiben sich solche Aufrufe wohl leichter.
    • Barbara7. Oktober 2011 Antworten
      Stephane Hessel ist übrigens am 15.10.2011 in Graz und hält um 18.30 eine Ansprache am Mariahilferplatz!!!
  2. Pingback: Tag der Empörung mit Stephane Hessel - Neonliberal.at 16. Oktober 2011 […] soziale Kälte umfasste) darstellte. Hessel hatte mit der vor einem Jahr erschienenen Streitschrift “Empört euch!” (Originatltitel “Engagez-vous!”) den Begriff der Empörung salonfähig gemacht, das […]

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