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Fucked Up – David Comes to Life

Die nächsten Punkrocker, die sich am Konzeptalbum mit Opernüberbau versuchen. Mit Green Day -Pomp hat das in diesem Fall jedoch nichts zu tun, viel eher zügeln Fucked Up ihren Unwiderstehlichen Radau zum ersten Mal auf Albumniveau. Auch, wenn sie dafür schlussendlich 18 Songs  in knapp 80 Minuten brauchen.

Gut, darunter machen es Fucked Up selten, weswegen weniger die Songlänge und Konzeption ein Indiz für den ambitionierten Albumhintergrund bietet. Da sollte man schon besser die Texte beachten und einen Blick aufs Albumcover werfen. Den titelgebenden David kennt man nicht nur von diversen Weihnachtssingles der Band, sondern schon vom 2006er Album ‚Hidden World‚ auf dem es schon damals ‚David Comes to Life‚ hieß. Lieferte der Song  damals schon in etwa die Schnellfassung der Geschichte, walzt der gleichnamige Albummonolith diese nun gehörig aus.
Hauptcharakter und Namensspender David soll auf Fucked Up`s Manager David Eliade basieren, genaueres ist nicht bekannt. Außer, dass man die fiktive Welt, in der der Charakter lebt forciert wo es nur geht, ihn Weihnachten feiern lässt und zum Record Store Day 2011 gleich mal eine Compilation mit den größten Hits aus Davids Heimatstadt Byresdale Spa, UK rausgehauen hat auf der Fucked Up zur Backing Band abkommandiert wurden und Danko Jones, AC Newman und andere stattdessen intonierten.

Viel ist also bereits um die Veröffentlichung des Albums geschehen, die Geschichte hinter David Comes to Life selbst ist indes schnell zusammengefasst:
In einer britischen Industriestadt Ende der 1970er verliebt sich Fabrikarbeiter David in Veronica. Er findet als Mann der Arbeiterklasse nicht nur Gefallen an optischen Reizen, sondern  vor allem ihren Idealen. Sie organisiert die lokale linke Bewegung, führt David in eine Welt, die ihm unbekannt war und stirbt schließlich. David wird in die Ereignisse um ihre Ermordung hineingezogen, der Erzähler Oktavio wird Teil der Geschichte und bringt mehr Übel, eine gewisse Vivian taucht auf und plötzlich erscheint alles in einem neuen Licht. Am Ende ist so gut wie jede handelnde Person tot und das Album wird seinem Namen gerecht und alles beginnt von vorne: David wird neu geboren.

Das mag verwirrend anmuten, weswegen sich diejenigen, die sich mit dem storytechnischen Aspekt nicht auseinandersetzen möchten, dies auch nicht antun müssen. ‚David Comes to Life‚ folgt lyrisch stringent einem Handlungsverlauf, ansonsten servieren Fucked Up ihr Werk fein ordentlich aufgeteilt, keine Rockopern typische Interludes (vom instrumentalen Intro ‚Let Her Rest‚abgesehen) verbinden die einzelnen Songs, keine Progrockstrukturen überschichten die Bestandteile des Albums, womit sich ‚David Comes to Life‚ weit weg von ähnlich konzipierten Alben wie etwa jenen von Green Day oder The Who positioniert.  Weswegen ausgerechnet die schier maßlose Oper zum aufgeräumtesten Fucked Up Werk bis dato gerät. 18 Songs – aufgeteilt in vier Akte  -aus jeweils drei Wörtern im Titel bestehend und nur ebenso wenige knacken die fünf Minuten Grenze. So zugänglich – schließlich hat man es hier mit der Band zu tun, die schon mal eine 18 Minütige Nummer raushauen kann, wenn sie will – hat man die Vielveröffentlicher Fucked Up bisher bloß auf ihren Singlecompilations zu hören bekommen.

Dazu passt die Entschlackung, die Fucked Up ihren Songs verpasst haben: Keine ausufernden Psychedelik Exkurse und Feedbackorgien  mehr; keine befreundeten Orchesterleiter mehr, die mit ihren Streichern freie Hand bekommen, keine Maßlosigkeit hinsichtlich der Arrangements mehr. Als das gehört ausgerechnet für ‚David Comes to Life‚ der Vergangenheit an. Stattdessen prügeln Fucked Up 18 knackige Punkrock Hits aus ihren Instrumenten, geben sich auch musikalisch zugänglicher als jemals zuvor, die Grenze zum Poppunk ist nicht selten eine verschwimmende. ‚Queen of Hearts‚ wird nicht nur Dank Madeline Follin von Cults zum poppigsten Moment der bisherigen Fucked Up Geschichte – der folgende Rest gleicht einem Staffellauf der besten, griffigsten Fucked Up Momente. Die Beatsektion poltert druckvoll, drei Gitarren arbeiten die besten Melodien aus, die die Kanadier je aufgefahren haben. Überhaupt könnte die instrumentale Sektion von Fucked Up weiterhin als die vielleicht rockigste Abteilung des Punk durchgehen. Erst Sänger Damien reißt das Ruder Richtung Hardcore, gröhlt dem Stiernacken-Teddybär gleich, der er tatsächlich auch ist, die Geschichte mit einem Verve heraus, die man der geborenen monströsen Frontsau nicht nachmachen kann; niemand in der Szene. Fucked Up spielen auf David Comes to Life ihren Rock´n´Hardcorepunk in der melodieseligsten Laune ihrer Kariere, jeder Schuss ein Treffer.

Dass ‚David Comes to Life‚ dabei übermäßig viel Kraft kostet, liegt in erster Linie nicht am dargebotenen, sondern an der schier ausufernden Länge der Platte. Kein Gramm Fett und dennoch mit dem Hang zur Übersättigung. Die attackierte Aufmerksamkeitsspanne  kann da schnell überhören, dass Fucked Up tatsächlich  jegliches Füllmaterial aussparen und ihr drittes Studioalbum zur mutmaßlichen Best-Of Compilation mit ausschließlich neuem Material aufblasen. ‚David Comes to Life‚ birst vor potentiellen Singles, grandiosen Melodien und wunderbaren Hooklines. Hits werden hier am laufenden Band serviert und man mag mutmaßen, dass Fucked Up ausgerechnet durch das breite Konzept den Weg gefunden haben, sich auf das wesentliche zu konzentrieren: Erstklassige Punkrocksongs ohne viel Schnickschnack.
Ist der Zenit für die Kanadischen Rabauken damit also erreicht? Möglicherweise. Viel eher als das aber das endgültige Ende der Band: Mit Fucked Up ein weiteres Album aufzunehmen, sei für ihn so gut wie unmöglich, tat Damian Abraham unlängst kund.
Vielleicht die logischse Konsequenz nach einem Möbiusband von einem Album, dass sich nicht nur im Mittelpunkt zeitgenössischer Punkrockmusik positioniert, sondern sich mit seiner monströsen Präsents schier selbst zu verschlingen droht.

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