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Giles Corey – Giles Corey

Dan Barrett wollte sein Leben beenden, hat dann aber doch eine Platte aufgenommen und ein Buch dazu geschrieben. Unter dem Banner des Märtyrers veröffentlicht der ‚Enemies List‘ – Kopf eine gespenstisch schöne, unwirklich traurige Platte, die paradoxerweise die optimistischste Musik enthält, die der Mann je aufgenommen hat. Von jenseitigem Folk bis hin zu Schlafzimmer-Industrial ist hier alles möglich.

Ein vielbeschäftigter Mann ist er ja, Dan Barrett. Als Kopf des Underground Labels ‚Enemies List‚ veröffentlicht er in unregelmäßigen Abständen kleine aber feine Glanzstücke des Homereckordings, immer die Sollbruchstelle von Folk, Industrial und Black Metal bedienend. Dazu kommen noch seine Arbeiten am Multimedia Metalprojekt Nahvalr sowie der Beteiligung am ‚Enemies List‚ Flagschiff Have a Nice Life. Dennoch nahm Barrett´s Debütalbum als Solist mehr Zeit als erwartet in Anspruch. Von 2008 bis 2010 nahm er Giles Corey in zahlreichen Schlafzimmern in und um Connecticut auf, ein weiteres Jahr dauerte es, bis James Plotkin (Khanate) das Material gemastered hatte. Spät aber doch ist es schlußendlich da, das heiß erwartete Barrett Debüt – und das als kreativer Rundumschlag.

„Sometime in the Spring of 2009 I tried to kill myself. Six months before that, I used a Voor’s Head Device for the first time.“
Vor gut drei Jahren startete Barret die Arbeit hierzu – jenem Jahr, in dem er sein Leben beenden wollte. Die Geschichte von Giles Corey beginnt jedoch schon weitaus früher, genauer gesagt 1692. Und das ebenso mit einem Ableben: Giles Corey, ein amerikanischer Farmer, wurde während der Hexenprozesse in Salem schuldig gesprochen, ein Warlock zu sein. Jede Aussage verweigernd starb Corey schlußendlich im Steinhagel. Seine lakonischen letzten Worte: „More weight.“ Seitdem hat Corey und die Umstände seines Ablebens Einzug in die Literatur und Kunst gehalten, über 400 Jahre später übernimmt Dan Barrett den Namen des Märtyrers für sein neues musikalisches Projekt. Welches morbider nicht zustande hätte kommen können: Barrett stand am Abgrund, wollte sein Leben beenden. Dann kam es jedoch anders, die Frustration des Lebens aufzuarbeiten wurde in künstlerische Bahnen gelenkt. Barrett begann eine philosophische Suche an deren Ende die objektive Feststellung stehen sollte, ob ein Leben lebenswert ist. Im Mittelpunkt dieser Suche steht die mysteriöse Figur des Robert Voor (den Have A Nice Life Hörer schon kennen dürften), eine undurchsichtige Figur, deren wahre Existenz ebenso ungewiss ist, wie die Trennlinie zwischen Fiktion und Wahrheit im gesamten Giles Corey Projekt. Faszinierend ist sie dennoch, diese Parallelwelt der Ausgestoßenen, die sich Sektengleich um Robert Voor und seine suizidalen Versuche scharren.

Vor allem ist die Geschichte, die Dan Barrett auf ‚Giles Corey‚ zu erzählen hat aber zu ausufernd, um sie auch nur ansatzweise wiedergeben zu können. Was verständlicher sein dürfte, wenn man weiß, dass Barrett selbst die Geschichte um sein Album auf über 150 Seiten niedergeschrieben hat. ‚Giles Corey‚, das Buch, ist untrennbar mit ‚Giles Corey‚, dem Album, verbunden. Beides zusammen konsumiert, entfaltet das Werk eine wahre Sogwirkung, die seinesgleichen sucht und den Hörer/Leser in eine transzendentale Albtraumwelt zieht, in der die Grenzen zur Realität verschwimmen und man sich in der Musik ebenso verlieren kann, wie in den Texten und den dazugehörigen Schwarz/Weiß Fotografien, die diese unwirkliche Schreckenswelt bildlich manifestieren.
Ein Werk, dass die Tore zur Philosophie öffnen möchte, die Frage nach dem Leben und dem Tod aus neuen Blickwinkeln zu betrachten versucht und doch nur zum Schluß kommen kann: „Noone knows anything„.

Einsame Klavierakkorde eröffnen ‚Giles Corey‚ mit verhallten Gesang, ehe Schellen und eine verlassene Gitarre den Song zur Kakophonie erheben: „And I don’t care if I live or die, because I ain’t ever going to no other side„. Ein zerrütteter, verstörender Auftackt in eine Trip, der Barretts musikalische Grenzen auslotet.
Das folgende ‚Blackest Bible‚ ist wunderschöner Folk mit choraler Unterstützung, dessen Gedanken tiefschwarz sind: „I open up my heart, and let it all in, and it kills all my love, and hope for everyone“ – „I am born to be alone, I am just some lonely ghost„. Hier prallen Welten aufeinander, der Song steigert sich zum immer hoffnungsfrohen Schunkler von gespenstischer Anmut, während Barrett verzweifelt. Besser wird es für ihn nicht: ‚Grave Filled with Books‚ nähert sich verträumtem 50er Jahre Pop, und beweint sich dann selbst himmelschreiend schön. Aus der Rolle fällt ‚Emty Churches‚, ein mit diffusen Sprachsamples gefülltes Industrialstück, dem Barret nicht viel zu sagen hat, bevor es wieder auf eingeschlagene Wege geht. ‚I’m Going To Do It‚ ist lyrischer Selbsthass, der auf ein optimistisches Klangbild verzichtet, im Hall und Gitarrengeklampfe aufbegehrt, aber erstirbt.
Angles singing in a choir“ heißt es in ‚Spectral Bride‚, tatsächlich schwankt Barrett gedoppelt zum Zweckoptimismus. Und wenn sich der Song nach dreieinhalb Minuten öffnet, das Piano melodiesüchtig um die Ecke biegt, wandern die Mundwinkel nach oben: „And if I don’t survive. I’ll still be by your side, just clad in ghostly white. I’ll be your spectral bride„.

Diese deprimierende Euphorie bleibt ‚No One Is Ever Going To Want Me‘ verwehrt, über Industrial Folk kämpft sich der Song zum geradezu rockigen Finale durch: „It’s like a birth but it is in reverse, never gets better, always gets worse.“ ist die Erkenntniss, an dessen Ende ein simpler Wunsch steht: „I want to feel like I feel when I’m asleep!„. Und wieder das Kunststück, einem derart traurigen Inhalt einen solch wunderbaren Rahmen zu verpassen.
A Sleeping Heart‚ gerät zur kleinen, zurückhaltenden Fingerübung an der Gitarre und zum unscheinbarsten Glanzstück von ‚Giles Corey‚, bevor ‚Burried Above the Ground‚ zum großen Finale ausholt, schlußendlich Pauken und Trompeten auspackt, das Ableben zur sinistren Party erklärt.
Giles Corey‚ stöbert nach dem Schönen im Schrecklichen, findet Poesie im Dunkeln, romantisiert den Tod auf brachiale, ehrliche Art und Weise. Das ist verstörend und zutraulich gleichermaßen, verheiratet die Gegensätze zu einem einnehmenden Ganzen. Wo hier die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen, spielt keine Rolle. Was zählt ist, was zwischen diesen Polen passiert. Und was man selbst dabei mitnimmt. Hauntingly Beautiful.


‚Giles Corey‘ auf Enemies List

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Comments (1)

  1. Pingback: Giles Corey – Deconstructionist - HeavyPop.atHeavyPop.at 31. August 2012 […] des Have a Nice Life-Teils und Enemies List Chefs durfte man bereits beim selbstbetitelten Debütalbum im letzten Jahr feststellen, wo Black Folk und Lo-Fi Songwritertum von einer solch hoffnungslosen […]

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