Neonliberal.at

Neonliberal.at

Girls – Father, Son, Holy Ghost

Die zwei versifften Käuze aus Kalifornien zitieren sich wieder durch die Pop- und Rockgeschichte. Das zweite Girls-Album ‚Father, Son, Holy Ghost‘ gerät dabei mindestens ebenso versponnen wie das erste – und in seiner ironiefreien Geschmacklosigkeit sogar noch besser.

Das eventuell beste am Überraschungscoup, der Girls 2009 mit ihrem ‚Album‚ gelungen ist: im Endeffekt überdauerte die Musik – all die großartigen Ohrwürmer und kleinen Hits wie ‚Lust for Life‚ oder das gar nicht mal so unmegalomanische ‚Hellhole Ratrace‚. Und das, obwohl die Ausgangslage so sehr abzulenken vermochte. All die Geschichten über Prostitution, die Kindheit in den Fängen einer ominösen Sekte, Obdachlosigkeit und Drogenprobleme an allen Ecken und Enden. Zwei Jahre und eine Interims Ep – die sich die Freiheit nahm, spontan alle Richtungen auszutesten  – später ist all der spannende Gossip ins Abseits gerückt; und auf der dritten Girls Veröffentlichung steht plötzlich die Musik allein im Fokus.

Christopher Owens und Chet „JR“ White machen gemeinsam mit drei neuen Begleitern (die sich im deutlich volleren Bandsound vorstellig machen – superbe Entscheidung!) immer noch Musik, die furchtbar viel will, nur eben nicht immer weiß warum sie das tut. ‚Paranoid‚ von Black Sabbath zu klauen zum Beispiel, um daraus eine 70s Rocknummer ohne Augenzwinkern zu basteln und diese dann auch gleich ‚Die‚ zu nennen. Frech ist das, aber lässt man durchgehen!Der Gospelsoul Background in ‚My Ma‚? Da weiß Owens wahrscheinlich selber nicht so genau, warum der auf einmal da ist, aber der wird beibehalten! Dass ‚Honey Bunny‚ vom Beach Boys lastigen Brachialpop in ausfransende Rührseligkeit umschlägt? Wohl ein Zufall! Einen wunderbar emotionalen Loverocksong ‚Vomit‚ nennen? Geht eigentlich gar nicht und passt bei Girls doch wie die Faust aufs Auge! Dass die Solo-Gitarren am Ende von ‚Alex‚ mehr nach 80er Metal klingen als sie sollten? Wohl ein Versehen! Dass ‚Forgiveness‚ mit seinen knapp 8 Minuten gefühltermaßen die doppelte Länge hat, vom netten Lagerfeuertrommler ausgehend kein Halten mehr kennt und wieder die Brachialstange in der Hinterhand hat? Wohl ein Unfall – aber das ist eben der Hang zu ausgewalzten Psychedelikjams im Sparprogramm.

Father, Son, Holy Ghost‚ quillt über vor derartigen Momenten. Momenten, in denen man nicht nachvollziehen kann, aus welchem Spleen heraus Girls nun klingen wollen wie sie es schlußendlich tun. Warum man merken kann, dass sich Owens und White ordentlich Gedanken zu ihrem Zweitwerk gemacht haben und trotzdem alles so spontan, organisch und zufällig klingt. Als würden sich zwei bekiffte Kleinkinder durch die Plattensammlung ihrer Eltern tasten – ohne Rücksicht auf Verluste. Möglicherweise heißen berührende, in melodiöser Melancholie schwebende Rührstücke deswegen ‚My Ma‚. Vielleicht muß Owens deswegen derart enthusiastisch und gefühlsbetont all diese deprimierenden Geschichten erzählen. Über Mädchen und was sie mit seinem Herz angestellt haben. Warum ein simples ‚Saying I Love You‚ einfach nicht drinnen ist, weshalb ‚Just a Song‚ auf tränenreiche Weise Verluste reflektiert und ‚Magic doch wieder die Sonne strahlen lassen kann erfährt man da. Während  ununterbrochen waschechte Girls Hits herniederregnen, die den Grenzen des guten Geschmacks feist ins Gesicht lachen und damit oder gerade deswegen durchkommen.

Father, Son, Holy Ghost‚ trifft allerhand absurde Entscheidungen und liegt damit nahezu immer goldrichtig. Girls bleiben immer handfest, aber nie ganz greifbar. Aus verspulten Ideen wächst ein berührendes und auch konkretes Ganzes, das sein Herz an vergangene Dekaden verloren und den Zeitgeist verinnerlicht hat: die Beach Boys, Elvis Costello und Buddy Holly prallen auf Ariel Pink, Wavves und sonstige neumodische Popströmungen. Unterm Strich macht das ein in seinen besten Momenten zeitloses Zitatewerk, das sich deutlich ehrlicher anfühlt, als der Vorgänger. Ehrlicher, selbstbewusster, anders und auch besser. ‚Father, Son, Holy Ghost‚ führt den Weg von ‚Album‚ fort und baut die Spielwiese der beiden Chef-Girls aus. Die simplen Popsongs von ‚Album‚ werden bedeutungsschwanger aufgeladen und mit großer Geste versehen. Und wer so unverfroren trittsicher derart oft dem Gospel die Tür öffnet, hat ohnedies schon gewonnen. Den Hype und Klatschnachrichten haben Girls endgültig hinter sich gelassen – und den Weg, erstklassige Musik für sich sprechen zu lassen beibehalten.

[amazon_link id=“B005CM9ECQ“ target=“_blank“ ]’Father,Son,Holy Ghost‘ auf Amazon[/amazon_link]

No comments yet.

Add a comment

Finde uns auf Facebook