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Google Suggest oder: Der Kopf der Menschheit ist krank

Google ist genial. Dank Google Suggest wissen sie schon bevor wir den kompletten Suchbegriff eingegeben haben, wonach wir vermutlich suchen. Doch wer bitte stellt solche Fragen?

Die automatische Vervollständigung bietet während der Eingabe eines Begriffs in die Suchmaschine mögliche Vervollständigungen, die durch einen Algorithmus, der auf Suchanfragen anderer User_innen basiert (ein wichtiger Faktor hierbei ist die Beliebtheit des Suchbegriffs – vorgeschlagen wird also, was tatsächlich am häufigsten gesucht wird), an. Laut Google nutzt Google Suggest uns in vielerlei Hinsicht: es schont unsere Finger, hilft uns, Fehler in der Suchanfrage zu finden, bevorzugte Suchvorgänge zu wiederholen und weitere nützliche Informationen zu finden.

Wie ein Artikel der aktuellen Ausgabe von NEON beweist, zeigt es aber vor allem, welch dämliche Suchanfragen gestellt werden. Gibt man zum Beispiel „Bill Gates ist“ ein, kommen unter anderem folgende Vorschläge: Bill Gates ist der Teufel, Bill Gates ist der Antichrist, Bill Gates ist tot. An erster Stelle: Bill Gates ist nur ein Klon von Pablo Escobar.

Laut NEON gewinnt man durch die automatische Vervollständigung einen Einblick in die Köpfe der Suchenden und somit in den Kopf der Menschheit. Der Kopf der Menschheit ändert seine Suchleidenschaft jedoch schnell: wurde zur Zeit, als der NEON-Artikel verfasst wurde, das Wort „dürfen“ noch durch „Islandpferde, wenn sie einmal aus Island ausgereist sind, wieder zurückkehren?“ vervollständigt, findet sich dies heute nicht mehr in den Top-5-Vervollständigungen. Recht häufig wird aber anscheinend danach gesucht, ob Cousin und Cousine heiraten dürfen. Fragen, die die Menschheit bewegen.

Die sechs W-Fragen

Einen durchaus eigenartiger Einblick in den Kopf der Menschheit liefert allein schon die Suche nach den sechs W-Fragen: was, wer, wo, wann, wie, warum.

„Was“ bringt noch recht harmlose Vorschläge, wie etwa „was koche ich heute“ oder „was ist was“. „Wer“ wird anscheinend oft in Verbindung mit „wird Millionär“ gesucht. Und wo Umtata ist, fragen sich anscheinend auch sehr viele Menschen. Die Frage, wann man schwanger werden kann? Nachvollziehbar, auch wenn das Internet wahrscheinlich nicht die verlässlichste Quelle ist. Doch dann kommt die Frage nach dem „Wie“: sollen wir ernsthaft glauben, dass eine der häufigsten Fragen in Verbindung mit „wie“ jene ist: „wie viele Türken wurden in den letzten Tagen vernichtet“? Und dass sich wirklich viele Menschen in Internet folgendes fragen: „Warum sind Afrikaner schwarz?“.

„Why does my“ liefert hingegen amüsante Vorschläge: „why does my arm shake and turn bright red when I’m eating dirt”, “why does my mom turn me on” oder “why does my boyfriend want to pee on him”.

Die Frage, ob an diesen Suchanfragen wirklich die Suchenden schuld sind, oder ob der Algorithmus fehlerhaft ist, ist schnell zu beantworten: schon vor sechs Jahren ging Google Suggest in die Testphase, man darf Google zutrauen, das Programm seit damals optimiert zu haben. Vor allem deshalb, weil Google mit mehr als 80 % Anteilen als Marktführer unter den Suchmaschinen gilt und somit eine enorme Macht darüber besitzt, was im Internet gefunden wird. Fliegt eine Website aus dem Suchindex, spiegelt sich dies in den Besucher_innenzahlen merklich wider – wie etwa bei automobile.de, die 2006 aus dem Index gestrichen wurden.

So interessant Suchanfragen durch die automatische Vervollständigung werden, so problematische Auswirkungen kann es mit sich ziehen: auf Zeit Online spricht der Suchmaschinen-Experte Klaus Patzwaldt davon, dass Suchende dadurch vom eigentlichen Suchinteresse ablassen könnten „und sich stattdessen für Begriffe und Sachverhalte zu interessieren, die von der Mehrheit nachgefragt werden.“ Das Programm beeinflusst daher, was gesucht und gefunden wird, was wiederum zu Verzerrungen bei den am meisten gesuchten Begriffen führt.

Der Online-Marketing-Spezialist Leo Garb wittert sogar Existenz-bedrohende Probleme: Unternehmen, deren Namen den gewünschten Dienst nicht direkt beinhalten, werden kaum gefunden. Als Beispiel führt er Online-Immobilien-Dienste an – gibt man den Begriff „Immobilien“ ein, wird schon nach wenigen Buchstaben „Immobilienscout24“ vorgeschlagen. Jene Unternehmen, die das Wort „Immobilien“ nicht im Namen führen, laufen also Gefahr, nicht mehr gefunden zu werden.

Google Suggest kann aber auch als Indikator für politische Probleme im eigenen Land gesehen werden, da bei der Erstellung der Listen nur Suchanfragen aus dem eigenen Land einbezogen werden. Garb, ein gebürtiger Russe, sieht die Tatsache, dass in Russland bei Personen des öffentlichen Interesses – von Medwedew über Merkel bis hin zu Obama – die Frage, ob diese jüdischen Glaubens seien, bei den Vervollständigungen ganz oben stehen, als Zeichen dafür, dass das Antisemitismus-Problem in Russland auch heute noch sehr groß ist.

Google Suggest bewirkt also mehr als Zeitersparnis beim Durchforsten des Internets – und zeigt uns einmal mehr, wie krank der Kopf der Menschheit wirklich ist.

Bild: Christiane Mörth

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