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Graz bis zur Prohibition

„GRAZ BIS ZUR PROHIBITION, ENDLICH WIEDER GUTEN TON! GRAZ BIS ZUR PROHIBITION,…“

Ein Grazer Dry Squad, in ihrer Mitte Siegi NaglSiegfried Nagl zeigt sich kämpferisch. Das Megaphon hoch über seinen Kopf erhoben springt er, wie immer im feinen schwarzen Mantel mit perfekter Frisur, vor den marschierenden Demo-Massen vor und zurück. Er will es schaffen, oder besser gesagt: er hat es so gut wie geschafft. Niemand hätte gedacht, dass die Strategie so aufgehen würde, aber Siegi Nagl hat es geschafft: zuerst ein Bettelverbot, um die dreckigen Ausländer vom feinen Stadtboden zu bekommen und jetzt auch noch das! Vorbei die Zeit, in der Jugendliche am Sonntag den Kirchgang verschlafen haben. Endlich wieder Freiheit!

Bedrohlich wirkt er, der Zug, der die Grazer Elisabethstraße hinunterzieht. Fast schon auf Höhe der Universität befindet sich der Anfang, allen voran Siegi Nagl und seine engsten Vertrauten aus der ÖVP, alle in Couleur, ein bisschen sehen sie aus wie Clowns mit Säbeln. Bedrohliche Clowns. Hinter ihnen fahren Müllwagen, in Formation wie Panzertrupps. Am Ende des Zuges Frauen, alle in Tracht, manche wirken so, als wären sie kurz vor der Niederkunft. Sie alle haben heute nur ein Ziel – sie wollen demonstrieren, wie mächtig sie sind. Diese Demonstration, sie hat nichts mit allen anderen ihres Schlags zu tun, denn diese Demonstration ist ein Zeichen der Großbürgerlichen und der Gestrigen. Sie wollen uns zeigen „Wir haben euch besiegt!“

Nach Linz, wo zum Ausgleich der verlorenen Einnahmen durch die Getränkesteuer 2011 eine Alkoholsteuer eingeführt wurde, war Graz gleich die zweite Stadt, die ähnliches wollte. Doch wo Linz in seiner ewigen Sozialdemokratie noch human Getränke, welche in Lokalen getrunken werden, besteuert, wird Graz den bedeutenden Schritt weiter gehen: PROHIBITION!

Nach langen Treffen zwischen Anrainer_innen des Univiertels, der Stadt Graz und der Hochschüler_innenschaft wurde das Problem des Univiertel-Exzesses nicht gelöst. Nagl wollte Hundestaffeln und Ordnungswachen, doch die bekam er nicht, seine Vizebürgermeisterin Lisa Rücker war dagegen und die SPÖ nicht dumm genug, mit der ÖVP in Koalition zu gehen und überzogene Ordnungmaßnahmen gegen Student_innen und Schüler_innen zu fordern.
In diesem dunklen Moment für Siegfried Nagl erschien ihm plötzlich Gott, so glaubte er zumindest, um ihm seine Wünsche zu erfüllen, denn er betet jeden Abend an den Herrn. So trat dieser durch die Bürotür. Als jene aufging umhüllte ihn ein grelles Licht, und als er eingetreten war, stand Franz Voves vor Siegis Dollfussaltar. „Siegfried, i bin heit aufgwocht und hob ma gedocht: ‚Wos, wenn meine Gschroppn amol so fü saufn wie de im Fernsehn?‘ – do hob i ma gedocht, wir zwa, wir kennan sicher klass redn.“

So geschah es, und Siegried Nagl schaffte es mit der tatkräftigen Unterstützung des Messias, in Graz die Prohibition zu fordern und nicht gleich abwählt zu werden. Es ist nun der Jänner 2012 und Siegi, er weiß, er hat gewonnen. Die Massen hat er hinter sich, denn sie wissen eines nicht: dass nicht nur schmarotzende Studierende und Schüler_innen, sondern auch sie betroffen sein würden. Das wussten nur er, der Messias und Landeshauptmann und er, Siegi Nagl, der er gekommen war, um Graz aus der Roten Versenkung zu befreien. Zusammen waren sie stark, denn sie wussten um den Fakt, dass Steirer_innen ohne Alkohol nicht mehr waren als willenlose Zombies. Zusammen konnten sie sie alle bezwingen. „Ein Krügerl sie zu knechten“ – darauf hatten sie Tags davor noch in Vasoldsberg angeprostet. Jetzt schien es zum Greifen nah.

Und die Grünen? Sie gehen am Schluss des Kriegszuges, Werner Kogler und Lisa Rücker, und sehen sich verdutzt an. „Du, Lisa, so schlimm wirds scho ned, i hobs ba meiner Rede a fost 13 Stunden ohne ausgholtn.“

Der Text ist als Satire zu verstehen, für den Inhalt ist ausschließlich der Autor verantwortlich. Alle hier unterstellten Tatsachen und Handlungen sind rein erfunden, die Personen Nagl, Rücker, Kogler und Voves ehrenwerte Menschen.
Außerdem: in Graz darf weiterhin getrunken werden.

Originalfotos: Seattle Municipal Archives und Stadt Graz / Fischer

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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Comments (1)

  1. Lukas28. März 2011 Antworten
    Absolute Spitzenklasse! Für mich der Nummer-1-Anwärter zum Artikel des Jahres!

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