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Hugh Laurie – Let Them Talk

Der schwermütige Fernsehdoktor, der erkennen kann, wer nicht an Lupus erkrankt ist, hat nun wahrhaftig den Blues. Hugh Laurie´s Verneigung vor den größten New Orleans Klassikern des letzten Jahrhunderts gelingt dabei beachtlich gut.

„Ich wurde nicht in den 1890ern in Alabama geboren. Ihr könnt das jetzt ruhig wissen. Ich habe nie Schrot gefressen, nie eine Ernte eingetragen oder bin in einem Eisenbahn-Güterwaggon gefahren. Keine Zigeunerfrau hat etwas zu meiner Mutter gesagt, als ich geboren wurde, und mir ist kein Höllenhund auf den Fersen…, jedenfalls soweit ich das momentan sagen kann. Mit diesem Album werde ich zeigen, dass ich ein weißer Mittelklasse-Engländer bin, der ganz öffentlich in die Musik und den Mythos des amerikanischen Südens einbricht.
Und als wäre das nicht schlimm genug, bin ich auch noch Schauspieler: einer dieser verhätschelten Trottel, die sich seit zehn Jahren kein Brot gekauft haben und sich am Flughafen nicht ohne Babysitter zurechtfinden. Es würde mich kaum überraschen, wenn ich chinesische Schriftzeichen auf meinem Arsch tätowiert hätte. Oder Ellbogen. Kein Unterschied.
Am schlimmsten ist allerdings, dass ich die grundsätzliche Regel von Kunst, Musik und Karrierepfad gebrochen habe: Schauspieler sollen schauspielern, Musiker Musik machen. So läuft das halt. Du kaufst keinen Fisch beim Zahnarzt oder stellst dem Klempner Finanzfragen, warum also der Musik eines Schauspielers zuhören?“

Besser als Laurie selbst könnte man die Ausgangslage für Let Them Talk vermutlich nicht auf den Punkt bringen – die Antwort  auf die naheliegende, gestellte Frage ist jedoch eine einfache: Hugh Laurie ist nicht nur Schauspieler, sondern auch passionierter Musiker. Piano, Gitarre, Schlagzeug, Harmonika, Saxophone beherrscht der Engländer; unter anderem zu hören bei seiner Charity Gruppierung Band from TV oder dem letzten Meat Loaf Album Hang Cool Teddy Bear.
Für sein erstes Soloalbum fährt Laurie nun personell die ganz schweren Geschütze auf, holt sich neben einer erstklassigen Bluesband auch Allen Toussaint zur Unterstützung ins Studio. Dazu sein Idol Dr. John,  Sextiger Tom Jones und die “Queen of New Orleans“ Irma Thomas vors Mikro. Produziert hat dabei niemand geringerer als Joe Henry. Für Laurie selbst bleibt das Klavier reserviert, dazu die Leadvocals.
Dabei könnten  sich vor allem hiesige Dr. House Fans ob der doch deutlich höheren Stimme des Engländers, im direkten Vergleich zu seiner deutschen Synchronstimme, irritiert zeigen. Doch der Mann hat´s drauf, dabei manigfaltige Stimmfarben im Gepäck und singt mit einer Inbrunst, dass es eine Freude ist.

Daneben covert sich Laurie brav durchs Klassiker-Repertoir von Louis Armstrong über Memphis Slim, Robert Johnson und James Booker. Die reich instrumentierten Tracks werken als stimmungsvolle Bluesnummern mit leichtem Jazz und Country Einschlag, geben sich selten bis nie so eindringlich wie die etwaigen “Originale“, stehen aber doch über dem belanglosen Durchschnitt – da hat jemand einfach Spaß an der Sache und möchte seine Leidenschaft ungeachtet jeglicher Fußnoten in der Musikgeschichte ausleben. Eine Spielfreude, die ansteckend wirkt.
Das hat damit natürlich nicht die originäre Strahlkraft, die beispielsweise Tom Waits umgibt, wenn der den Blues hat, doch gelingt das Unterfangen “Schauspieler macht Musik“ doch mehr als beachtlich.
Eine knappe Stunde hält Laurie das Niveau, spielt mal den beschwingten Barentertainer, mal den weltverdrossenen Verandamelancholiker – tatsächlich schwermütig wird Let Them Talk aber niemals. Laurie nähert sich den Kompositionen dabei immer mit dem nötigen Respekt und brilliert vielleicht vor allem dadurch, dass es ihm gelingt, tatsächlich authentisch zu wirken.

Dabei lässt Laurie zwar jeglichen innovativen Ansatz vermissen, den (im direkten“ Schauspieler_in macht ein Coveralbum- Vergleich) etwa David Sitek Scarlett Johansson für deren Tom Waits Tribut maßgeschneidert hat, doch ist Let Them Talk trotzdem – oder gerade deswegen – ein mehr als solides Machwerk geworden.
Ein wunderbares Wohnzimmer-Blues Album; in den beherztesten  Momenten gar mehr als das.


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Comments (3)

  1. Christopher27. April 2011 Antworten
    Hier gibts ein nettes Video das ein wenig Einblick in das Entstehen gibt und man hört auch ein paar Stücke des Albums: http://www.youtube.com/watch?v=gI7_sXFN6t0
  2. Pingback: Jeff Bridges - Jeff Bridges - Neonliberal.at 8. August 2011 […] oder Hugh Lauries gar nicht so ungelungenen, jüngst geschehenen Ausflug in die Welt des Blues. Nun macht das also auch Jeff Bridges, der auf ewig der Dude sein wird. Der Mann, der aber auch auf […]

  3. Pingback: Dr. John - Locked Down - HeavyPop.atHeavyPop.at 16. April 2012 […] unter anderem eben Hugh “Dr. House” Laurie bei dessen sehr feinen Bluesausflug ‘Let Them Talk‘ unter die Arme greifen konnte, mehrmals in der fantastischen Serie Treme sich selbst spielen […]

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