Neonliberal.at

Neonliberal.at

Incubus – If Not Now, When?

Mit unaufgeregten Poprock wagt man den Seiltanz über die Langeweile. Weil die Zeit nicht stehen bleibt und Incubus auch nicht jünger werden, war mit einem solchen Album früher oder später zu rechnen. Und wann wäre dafür ein besserer Zeitpunkt als jetzt?

War die Greatest Hits Kompilation ‚Monuments and Melodies‘ und die dazugehörigen Interviews nicht nur für pessimistische Gemüter Grund zur Sorge ob einer weiteren Zukunft für Incubus. Zwei Jahre danach ist klar: Die Rückschau wird schlußendlich keine allumfassende gewesen sein, denn Brandon Boyd und Co. haben immer noch Lust. Lust darauf, ihre Grenzen als Musiker ebenso auszuloten wie die Toleranzschwelle ihrer Fans.
Denn ‚If Not Now, When?‚  ist möglicherweise gar das, was man unter einem altersweisen Album der sonnenverwöhnten Kalifornier verstehen sollte. Es ist die konsequente Fixierung auf die ruhige Seite ihrer Musik, der die Band immer schon gerne gefrönt hat. Die sie mit ‚Drive‚ berühmt gemacht hat, die es Brandon Boyd erlaubt hat, in den letzten Jahren auch in den weniger relaxten Singles oberkörperfrei auf Wolken dahinzuschweben. Die ebenso Songs wie ‚Talk Shows on Mute‚  ermöglicht hat, wie mit ‚Love Hurts‚ auch ein Paradeexemplar für schwachsinnige Radiosingles verbrochen hat.
Neben all diese Kerben schlagen Incubus nun über die volle Distanz. ‚If Not Now, When?‚ ist tatsächlich weichgespülter Pop(>)rock. Wenn auch mit Stil. Quasi ein Altherrenalbum, wie es nur Incubus aufnehmen können.

Abzusehen war das, sind Incubus doch schon lange nicht mehr die Nu-Metal Band, die sie nie waren. Irgendwann ist ihnen auch der Funk abhanden gekommen und der Prog von ‚A Crow Left of the Murder‚ war offenbar ohnedies nur ein Ausrutscher. ‚If Not Now, When?‚ weiß um die weiten Wege, sie seine Vorgänger gerne gingen, und nimmt sich deswegen Zeit, die Dinge ruhen zu lassen und gemütlich dahinzufließen. Man muß niemandem mehr etwas beweisen, warum also nicht in sanften Melodien schwelgen? Also wird gepflegte Langeweile zum gefälligen Melodiefest kultiviert, bei dem sich niemand vordrängelt.
Da kann man leicht übersehen, dass das siebente Incubus Album zwar zutraulicher ist, als alle bisherigen, ‚If Not Now, When?‚ nach einer Kennenlernphase jedoch immer mehr Potential offenbart und dabei mehr Tiefe besitzt, als die unspektakulären Singalongs anfangs suggerieren.

If Not Now, When?‚ ist das bisher leichteste Incubus Album – und macht es dem Hörer trotzdem nicht leicht. Weil etwa in der Pianogetriebenen, Streicherbetupften Popballade ‚Promises, Promises‚ der kurze Auftritt von Mike Einziger an der Gitarre zu einem seiner wenigen erinnerungswürdigen auf dieser Platte wird. Oder weil Incubus in ‚Adolescents‚ derartig auf Nummer Sicher gehen und auf fast schon feige Art und Weise eine brave Standartnummer abliefern – die dabei doch noch am ehesten aufzeigender Rock auf einer Platte ist, die eigentlich ausschließlich aus Balladen besteht. Auch weil  ‚Friends and Lovers‘ gleich zu Beginn übers Ziel hinaus schießt und die Behaglichkeit einer musikalischen Schlaftabletten als atmosphärische Einfühlsamkeit verkauft. Soviel Wohlklang stumpft ab, vor allem auf Dauer. Aber dass das Songwriting an sich nicht weniger ausgefeilt ist als bisher, zeigt nicht nur die muntere Wanderung ‚In the Company of Wolves‚ – der Großteil der Songs kaschiert dies jedoch gut mit ihrer hausierenden Harmlosigkeit. Und wenn man in ‚Switchblade‚ dann doch einmal aufdreht, fällt das erst aus dem Albumkontext.
Deswegen dauert es eben, bis man merkt, dass hier zwar schlimmstenfalls nette Songs warten, diese aber auch mehr sein können als das. Freilich nicht müssen, denn auf ‚If Not Now, When?‚  gibt es keinen Zwang. Jeder Song kann heute beim einen Ohr hinein und beim anderen sofort wieder hinaus gehen – und am nächsten Tag für Stunden im Gehörgang kleben bleiben.

Damit balancieren Incubus auf einem schmalen Grad. Kaum ein wirklicher Ausfall ist unter den elf Songs auszumachen, und trotzdem ist das unspektakulärste Album der Band auch ihr bisher schwächstes. ‚If Not Now, When?‚ ist ein Werk geworden, dass niemals weh tut, niemals fordert, sich niemals aufopfert. Es schwelgt in gefälligen Harmonien und bedient mit souveränen Melodien. Es ist insofern wagemutig, als dass es Incubus unerwartet handzahm beim modellieren ihrer offenkundig seichtesten Musik zeigt. Dass hier der Biss fehlt, wird jedoch nur nachdrücklich bemängeln, wer nicht wahrhaben will, dass Incubus hier ganz unaufdringlich den gepflegten Kuschelkurs fahren. Und ihrer Bandgeschichte damit zumindest eine weitere interessante Facette hinzufügen.

[amazon_link id=“B004YMYQAK“ target=“_blank“ ]’If Not Now,When?‘ auf Amazon[/amazon_link]

Add a comment

Comments (1)

  1. Pingback: Incubus - HQ Live - HeavyPop.atHeavyPop.at 28. August 2012 […] geschickt wie geschmack- und künstlerisch wertvoll. Dafür mieteten sich rechtzeitig vor ‘If Not Now, When?‘ eine Woche lang in Downtown LA in einem schicken Club ein, gestalteten die Location nach […]

Add a comment

Finde uns auf Facebook