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Jay-Z & Kanye West – Watch the Throne

Der bestverdienende Rapper der letzten Jahre macht auf Albumlänge gemeinsame Sache mit dem vielleicht aufgeblasensten Hip Hop Künstler aller Zeiten. ‚Watch the Throne‘ besteht aus  den Ingredienzien, die man bei einem solchen „Clash of the Titans“ erwarten konnte und klingt dann auch ganz genau so. Das ist fettester Hip Hop an der Grenze zur Perfektion, der auf Herz und Seele nicht über die volle Distanz achten kann. Auch, weil Geschmacklosigkeiten mittlerweile zum genialischen Stylebombardement verklärt wurden.

Eine deutlichere Sprache könnte allein die Covergestaltung nicht sprechen: ‚Watch the Throne‚ sieht sich selbst  Prunkstück des die Charts kontrollierenden Dicke-Hose Rap, von den beiden Genremogulen, die alles was sie berühren zu Gold machen zu machen scheinen. ‚Watch the Throne‚ konnte praktisch nicht anders kommen, zumal die beiden Hauptprotagonisten auf einer Welle des Erfolgs in das ursprünglich nur als EP ausgelegte Projekt brausten: Jay-Z durfte mit ‚The Blueprint 3‚ ein nicht ganz so tolles Album, aber einen unverschämten Goldesel vorlegen und der egozentrische „Adolf Hitler des Rap“ hat mit seinem Progwerk ‚My Beautiful Dark Twisted Fantasy‚ nicht nur bei der Mistgabel für feuchte Höschen gesorgt. Ehrensache also, dass diese beiden Erfolswellen dann auch gleich mal alles auf das gemeinsame Album mitreißen, was Hip Hop im Jahr 2011 angeblich braucht um Charts wie Kritiker zu begeistern: allerfetteste Beats in einem Monsterproduktionsgewand; allerhand kredibile Samplereinlagen die den Popfan ansprechen; pompöse Fanfaren die West und seinen Kumpel preisen – und natürlich Autotune Effekte, als gäbe es kein Morgen. Dazu kommt noch was Rang und Namen hat bzw. haben wird: Odd Future Member Frank Ocean wird punktgenau vor dessen endgültigem Durchbruch ebenso gefeatured wie Kanyes Lieblingsschmusesänger Bon Iver und Stimmakrobatin Beyonce. Derweil regeln neben den beiden Hauptprotagonisten Namen wie RZA und Pharell den Verkehr am Mischpult. Alles dabei also, um den Feuilleton wieder einmal Verzücken zu versetzen.

Dass die Rechnung doch schwerer aufgeht, als geplant, verdeutlicht allein die Tatsache, dass sich die Aufnahmen länger hinzogen, als ursprünglich geplant. Nachdem die überschwängliche ersten Single ‚H•A•M zwar orchestralen Wahnsinn auffuhr, allerdings nicht vollends den gewünschten Erfolg einfahren konnte, wurde weitergeschraubt. Erwartungsdruck? Definitiv, doch wessen übermächtige Egos könnten diesem besser trotzen als jene von Mr. West und dem Hoover! Unbeirrt hat man weitergeschraubt und schlußendlich ein Mammutwerk fertiggestellt, dass der leicht enttäuschenden zweiten Single ‚Otis‚ erstaunlicherweise nicht nur einen deutlich gelungeneren Rahmen bietet, sondern den Vorboten im Kontext auch wachsen lässt. Darum herum aufgefahren wird die schlüssigste Schnittmenge von Kanye West´s ausufernden Jungwerk und Jay-Z´s unverwüstliches Melodiegespür im Hip-Hop. Da kratzen Songs mal an der neun Minuten Marke und laufen dann wieder in weniger als drei durchs Ziel – progressiv anmutenden Harkenschläge dazwischen sind keine Seltenheit. ‚Watch the Throne‚ vermittelt nicht selten  das Gefühl, Jay-Z würde Kanye zügeln, den Größenwahnsinn in die Schranken weißen – meistens genau zur rechten Zeit. Allerdings gelingt dies nicht immer, denn vor allem hinten raus läuft die Platte dezent aus dem Leim.

‚Made in America‚ treibt mit all seinem „Sweet Baby Jesus – we made it in America“ Patriotismussoulgegreine über billigen 80er Keys die Schamesröte ins Gesicht, obwohl hier doch mittels eines aufdringlichen Ohrwurms auf die Apartheid hingewiesen werden möchte. Soviel Plastikgefühl kann sonst nur noch der Schlußtrack ‚Why I Love You‚ auffahren, der schnulzig die Poptromel rührt und dabei einfach eine Spur zu dick aufträgt. Alles halb so schlimm, wenn man dort ersteinmal angekommen ist. Nicht wegen des okayen ‚Murder to Excellence‚, sondern weil man zu diesem Zeitpunkt ‚Who Gon Stop Me‚ überlebt hat. Über Vocoder und Autotunemüll rappen die Großvesiere über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung in Amerika und kommen zum gewagten Schluß: „This is something like the Holocaust!„.
Warum Swizz Beats dieses fast zwanzig Minuten dauernde dahinsiechen der Platte mit dem derart öden Beatmüll von  ‚Welcome to the Jungle‘ überhaupt erst einläuten durfte, bleibt ohnedies unklar. Auch, warum die beiden Egos hier raus unbedingt ein Album machen mussten, die angepeilte EP hätte dann ja doch genügt. Zumindest hätte man sich überlegen können, ‚Primetime‘ und ‚H•A•M‘ nicht nur auf der Special Edition der Platte mit den grottigen ‚Illest Motherfucker Alive‚ und dem guten ‚Joy‚ zu verbraten.

Leerlauf ist also vorhanden, doch vor allem zu Beginn fährt ‚Watch the Throne‚ eine extrem starke Schiene. Im staubtrockenen Opener ‚No Church in the Wild‚ pressen die Beats ausgedörrt und Frank Ocean glättet dazu seine angebliche Soulstimme. ‚Lift Off‚ ist Selbstbeweiräucherung par excellence, eine proklamierte Hitspielwiese für Beyonce, die  Selbstvertrauen beweisen darf:“We gonna take it to the moon, take it to the stars! How many people you know can take it this far?“ sirent die Diva. während sie über Keyboardflächen surft, die vom fetten Bassgebläse förmlich mitgerissen werden. Nur von welchen „Scars“ klagt der Superstar denn da? Das ist gallig, trotz Bling-Bling Attitüde eigentlich billig und so raffgierig auf die Geldbörsen der Fans stierend, dass man nur respektvoll anmerken darf: Gratulation, Mission erfüllt. Einen weniger üblen Nachgeschmack hinterlässt der verrückte Bouncer ‚Niggas in Paris‚, der in  ‚Otis‚ übergeht und so kommt bizarrerweise wahrhaftiger Soul ins Spiel – Grüße an Beyonce und Frank Ocean! So macht die kalkulierte Sache ordentlich Spaß und im zurückgelehnten ‚New Day‚ stört nicht einmal der exaltierte Autotuneeinsatz nicht mehr.

Was ‚Watch the Throne‚ will, schafft es so weitestgehend ohne mit der Wimper zu zucken und generiert astreinen Dicke-Hose-Hip-Hop, wie ihn sich Millionen Fans nicht besser erträumen könnten. Die Beats sitzen perfekt, die Hooklines kriegen noch jeden auf die Tanzfläche und Jay-Z/Kanye zeigen vor kristallklarer Produktion mit ihren altbekannten (…) MC Fertigkeiten auf. ‚Watch the Throne‚ ist nicht das Meisterwerk, dass man sich von den beiden erwarten hätte können, sondern verdammt solide Handwerkskunst. West und Carter machen, was sie am besten Können und das auch nahezu anstandslos. Der Schlendrian ist hier niemals drinnen, viel eher suhlt man sich in Selbstgefälligkeit und geht auf Nummer Sicher, liefert zu künstliche Fließbandware neben tatsächlich makellos Gelungenem. Zurück bleibt einzig die Verwunderung, dass derart glattgebügelter Hip-Hop ein solches Maß an kredibiler Bewunderung hervorrufen kann. Der strahlt und glänzt in allen Farben und wo es das nicht tut, fährt der Autotune Effekt drüber bis das große Kotzen kommt. Was 2008 auf ‚808s & Heartbreak‚ noch verpönt war, gehört nun zum „guten Ton“ und ist von offizieller Seite abgesegnet. Wem derartiger Hip Hop zusagt, findet hier perfekt sitzende Ware von der Stange, der über weite Strecken grandios unterhält. Der Rest sollte hier ohnedies nicht sein Glück suchen.

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