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Jello Biafra and the Guantanamo School of Medicine – Enhanced Methods of Questioning

53 und kein bischen leise – ein Altmeister zeigt  mit seiner Geburtstagsband, wie politischer Punkrock geht. Wer kann, der kann eben.  Notfalls auch über zwanzig Minuten und über die Experimentalschiene.

Was ist los mit Jello Biafra? Der Mann schenkt sich selbst zum 50er eine neue Band – in die er unter anderem auch Billy Gould von Faith No More packt – und klingt mit dieser auf dem Debütalbum ‚The Audacity of Hype‘ so frisch und unverbraucht, wie viele junge Kollegen nicht. Vor allem aber klingt Biafra selbst immer noch wie der exaltierte Straßenköter, der vor über 30 Jahren mit (unter anderem) ‚Fresh Fruit for Rotting Vegetables‚ Musikgeschichte geschrieben hat. Da passt es fast schon ins Bild, dass die Dreiviertelstunde von ‚Enhanced Methods Of Questioning‚ quasi die Resteverwertung der selben Sessions darstellen sollen, denen schon ‚The Audacity of Hype‘ entstammte. Und von Ausfallmaterial immer noch keine Spur ist.

Mit ‚Dot Com Monte Carlo‘ fallen Jello Biafra and the Guantanamo School of Medicine dabei geradezu anachronistisch ins Haus, der Song präsentiert sich als Punkrockkracher erster Güte, der trotz skurriler Akustikgitarrenbridge am klassischen Hardcore der 80er geschult ist und Biafra als den anarchistischen Politquerulanten zeigt, als der er sich immer schon gerne inszeniert hat.
Musikalisch in eine ähnliche Kerbe schlägt ‚The Cells Will Not Die‘, der hart rockende Tribut an Henrietta Lacks, der zudem mit bester Dead Kennedys Leadgitarre aufwarten darf.
Victory Stinks‚ wissen Golfkriegsveteranen, Biafra und seine Band zimmern um diese Erkenntnis ein gedrosseltes Riffmonster mit Call and Response Refrain, der für die Moshpit´s dieser Welt geschaffen wurden, bevor die Handbremse gelöst wird und der Song abermals zum punkigen Triumphzug gerät.

Invasion of the Mind Snatchers‚ attackiert nicht nur religiöses Denken, sondern auch die Nackenmuskulatur. Schon wieder so ein unverschämt eingängiger Hit zwischen Hardrock und Punk der zwar etwas straffer ausfallen hätte dürfen, aber sonst alles richtig macht und schon mal auf die Schnellstraße abbiegt, auf der auch ‚Miracle Penis Highway‘ wütet.
Ein Fuzzgitarrenriff aus Biafras Vergangenheit lässt die Guantanamo School of Medicine in die Psychedelikecke driften, was ebenso fulminant gelingt, wie der Song Republikanern ein Dorn im Auge sein dürfte. Ein fettes ‘Hip Hip Hooray!‘ zum Abschluss.

Der aber erst offiziell erreicht ist, denn mit Metamorphosis Exploration on Deviants  Street Jam wartet noch ein Hidden Track, der sich gewaschen hat. Dem Titel Folge leistend, handelt es sich dabei um eine lose Coverversion der Songs Metamorphosis Exploration der britischen Band Deviants. Lose insofern, dass das Original keine 18 Minuten bekam, um sich zu entfalten.
So darf um ein bluesgetränktes Bassriff die Grundlage für eine zügellose Jamsession bieten, in der Gitarrenexzesse ebenso Platz finden wie experimentelle Soundcollagen und Biafra im Spoken Word Modus. Zumindest interessant.

Weswegen das Material auf – der offiziell als EP geführten – ‚Enhanced Methods Of Questioning‚ als zu schwach für The Audacity of Hype eingestuft wurde, erschließt sich aus den sechs aufgebotenen Songs nicht. Denn in seinen nicht so zwingenden Momenten ist die zweite Veröffentlichung der Guantanamo School of Medicine immer noch toller, grundsolider Punkrock, in seinen besten gar im Spitzenfeld der Genreveröffentlichungen unterwegs.
Aber da verstehe Jello Biafra wer will. Hauptsache, der Mann veröffentlicht weiterhin Platten wie diese.

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