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Jon Fratelli – Psycho Jukebox

Jon Fratelli macht alleine dort weiter, wo ‚Costello Music‘ 2006 aufgehört hat: ‚Psycho Jukebox‘ ist so eine unverschämte Hitsammlung, für die man die Fratellis dereinst lieben konnte, oder immer schon hassen musste. Ein Volksfest der potentiellen Singles, eine Platte als Stimmungshoch.

Wie das so geht, mit den Hitsingles, den Dreh hat John Paul Lawler herausen: Als ‚Costello Music‚ 2006 mit all seinen Mitgröhlhymnen für (bierselige) Grobgröhler erschien, wurden die Fratellis auf einen Schlag zur dominanten Macht in Charts wie Fußballstadien. Zumindest ‚Chelsea Dagger‚ hallt bis heute nach und haftete der Band auch den Ruf an, die Ballermann Alternative des Indierock zu sein. Bei einer derart eklatanten Ohrwurmhartnäckigkeit hatte man schon mal genug von den Fratellis. Dass diese mit dem Nachfolger ‚Here We Stand‚ dann doch zurückschalten wollten und in stocken gerieten, goutierte der geschmackvolle Hörer mit Häme: Die Könnens nicht öfter als einmal, klare Sache! Recht machen konnten es die Fratellis jedenfalls niemals allen – zu stumpf, zu eingängig, zu nervig, zu cool, zu massentauglich, zu langweilig, zu innovationslos, zu wasauchimmer. Der Stand der Dinge: Die Band gönnt sich seit 2009 eine Auszeit. Die nutzte Sänger Jon Fratelli zu einem Gastspiel mit dem Codeine Velvet Club, bevor 2011 nun die Zeit gekommen ist, um zu den Wurzeln seiner Kariere zurückzukehren – der Schotte wandert wieder auf Solopfaden. Und wird wieder genug Leute verprellen, während die Massen vor die Festivalbühne pilgern werden.

Im Grunde ist ‚Psycho Jukebox‚ ja Lawler´s zweites Soloalbum, defacto fühlt es sich jedoch nicht einmal an wie sein erstes. Würde hier als Bandnamen Fratellis draufstehen, man hätte nach ‚Costello Music‚ bei Bedarf seine helle Freude damit gehabt. Denn in Sachen Eingängigkeit steht ‚Psycho Jukebox‚ dem Karieresprungbrett der Pseudobrüder kaum nach. Hier fliegen die Hooklines durch die Gegend, als gelte es, allein mit einem Album die Top Ten der Alternative Charts zuzukleistern. Keine Melodie, die nicht sofort ins Ohr wandert, kein Refrain, der nicht nach dem ersten Durchgang mitgegröhlt werden kann. Ja, Jon Fratelli hat ein Händchen für diese unverschämt aufdringlichen Hitsingalongs, die einen nicht ein Leben lang begleiten werden, aber so manchen Suffabend zur verklärten Rock´n´Roll Party umstülpen können. Wer hier nicht nach zuviel Tiefgang sucht, findet einen Stimmungsmacher dem nie die Luft ausgeht – bei der ständigen Variation der „typischen“ Fratelli-Songs.

Auf Ecken und Kanten verzichtet Jon weitestgehend zugunsten von erbarmungslosen Widerhaken. Umwege geht Fratelli keine, der direkteste Zug ist immer der wünschenswerteste. Da nimmt man gerne in Kauf, dass sich einzelne Passagen wiederholen und wiederholen und wiederholen. ‚Tell Me Honey‚ ist eigentlich der einzige Fall in dem das tatsächlich nervt und trotzdem: der Song reißt sofort mit, der Kopf wackelt und während man sich noch fragt, warum man da immer noch mitnickt, obwohl sich der Opener schon während seiner dreieinhalb Minuten abnutzt interessiert die Antwort schon nicht mehr. Dass hat wenig Nährwert – vor allem auf Dauer -, soviel lässt sich erahnen, aber unterhaltsam ist das wie nur was. Dabei ist das gerade einmal die Spitze des Eisberges: ‚Daddy Won’t Pay Your Bill‚, ‚Santa Domingo‚, ‚Rhythm Doesn’t Make You a Dancer‚, … – die potentiellen Beherrscher des restlichen Chartjahres preschen hier nur so aus den Boxen. Wer da nicht mitgeht, darf sich nicht darauf berufen zu wenig intus zu haben. Denn ‚Psycho Jukebox‚ als reine Stimmungsmusik für die alternative Schiene von Jürgen Drews Fanschar abzukanzeln, tut Fratelli’s Soloausflug unrecht. Zu geschickt tänzeln diese elf Rocker um plumpe Klischees, sind immer eine Spur zu clever um nur den Proleten im Indiekid anzusprechen. Das hat Stil, auch wenn die Hemdsärmel hochgekrämpelt bleiben. Vielleicht, weil Fratelli immer im rechten Moment auf die Dynamik achtet, Songs wie ‚Oh Shangri La‚, ‚ The Band Played Just for Me‚ oder ‚Baby, We’re Refugees!‚ nicht nur am Gaspedal verweilen müssen und auch mal in rockiger Sentimentalität schwelgen dürfen und gar mal zum Soulchor aufrufen.

Keine Frage, das wird einem vermutlich bald wieder beim Hals raushängen. Weil die zwangsläufig kommenden Singlemassen von ‚Psycho Jukebox‚ auch über den sogenannten Sommer hinaus zum kleinsten gemeinsamen Nenner des Alternative Rock avancieren und somit omnipräsent sein werden. Allerdings haben sich eben auf den letzten Platten von Konsorten wie den Kaiser Chiefs, Arctic Monkeys oder – ja auch zulässig – Supergrass zusammen nicht derartige Ansammlungen von unumwunden Hits gefunden. ‚Psycho Jukebox‚ tritt in die Fußstapfen von ‚Costello Music‚ und ist der wunderbar  plumpen Stimmungsplatte ebenbürtig, in negativen wie positiven Belangen. Wer das hassen will, hat allen Grund dazu.
Alle anderen singen mit und haben Grund zum Feiern.

 

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