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Justice – Audio, Video, Disco

Alles eine Frage der Wahrnehmung: Gaspard Augé und Xavier de Rosnay verstehen elektronische Musik als Vehikel für groß angelegte Rocksongs. Das Zweitwerk der Franzosen trägt seine Nietenjacke sogar noch selbstverständlicher als ‚†‘.

Vier Jahre sind mittlerweile seit dem viel umjubelten Genrekick ‚‚ ins Land gezogen. Eine halbe Ewigkeit für eine derart vom Hype vereinnahmte Band – als welche man das Duo an den Reglern mittlerweile ohne nachzudenken wahrnimmt -, in der Augé und de Rosnay nicht nur die Frage hinterlassen haben, ob sie die selben Personen wie die Mensch-Roboter von Daft Punk sind, sondern das Erscheinungsbild elektronischer Musik auch ein Stück weg vom sterilen Knöpfchendrehen hin zum verschwitzten Crowdsurfen korrigiert haben. Dass Justice seit 2007 jedoch nicht untätig waren, darf ‚Audio, Video, Disco‚ vorführen. Denn dass das Zweitwerk nicht mit dem Debütalbum mithalten kann, mag stimmen. Allerdings eben auch, weil Justice dies auch gar nicht im Sinn haben.

Audio, Video, Disco‚ ist natürlich unverkennbar Justice– Musik. Und doch ganz anders, als ‚‚. Das Tempo wurde gedrosselt, vierzig Minuten Elektro-Musik müssen nun nicht mehr derart nachdrücklich den Hans-Dampf machen. Die Beats finden im Hintergrund statt, der Druck entsteht in den Arrangements. Und diese sind tatsächlich noch mehr „Rock“, als die Band das nicht ohnedies vor vier Jahren zelebriert hat. Da verlangt ein megalomanisch inszenierter, verhinderter Bombast-Heavy-Rock wie ‚Horsepower‚ nach 80er Jahre Stadien und steht doch mit beiden Beinen in der Zukunft. Die Grenze zwischen Rockband und Elektronikkünstler, die weichen Justice noch weiter auf. Fette Synthesizer und heulende Gitarren schließen sich nicht aus: ‚Brianvision‚ macht nicht nur im Namen keinen Hehl aus seiner Queen-Fixierung, während ‚Parade‚ ohnedies gleich auf ‚We Will Rock You‘ im anschmiegsamen Popland macht. ‚Newlands‚ ist dagegen ein astreines AC/DC – Tribut aus bruzelnden Schaltkreisen. Dass dafür Morgan Phalen, seines Zeichen Sänger der verschwundenen Thin Lizzy– und Cheap Trick -Liebhaber Diamond Nights, eingesprungen ist, passt wie die Faust aufs Auge. Für eine Platte, die sich mit ‚Canon (Primo)‚ sogar ein Interlude nach bester 70er Jahre Prog-Tradition gönnt.

Die Referenzen deuten es schon an: Justice gelingt das Kunststück, trotz zahlreicher beibehaltener Trademarks die Vergleiche zu ‚Audio, Video, Disco‚ außerhalb der Elektronik-Szene zu suchen. Dass die Sozialisierung mit dem französischem Patentgenre schlechthin nicht aus Augé und de Rosnay rauszubekommen ist, ist natürlich klar. Daft Punk oder Mr. Oizo stehen nach wie vor in der ersten Reihe des Stadiongrabens, nicken amtliche Hits wie ‚Civilisation‚ oder den futuristischen Harmoniegesang von ‚Ohio‚ durch. Was auch ihnen auffallen sollte: Dass Justice sich bei ihrem zweiten Anlauf trotz überbordender Soundflächen mit weniger zufrieden geben, als noch auf “†‘. Wo man beim ersten Album noch tausend Hacken schlagen wollte, zahlreiche Ideen in einen Song gepresst hatte, begnügt man sich auf ‚Audio, Video, Disco‚ damit, auch mal eine einzige Idee schlicht auszuwalzen, den erwarteten Twist auszulassen. Der visionäre Geniestreich, den sparen sich Justice diesmal. ‚Audio, Video, Disco‚ geht  konsequent den Weg weiter, den ‚‚ spektakulärer angekündigt hat, dem Justice´s Erscheinungsbild und Konzertinszenierungen schon immer entsprachen. Justice haben ihren immer noch tanzbaren Elektro endgültig stilsicher die nietenbesetzte Lederjacke angezogen, die Yes-Gürtelschnalle glänzt mit Stolz, der Porno-Bart im Led Zeppelin T-Shirt hat nie besser hinter das extraterrestrische Mischpult gepasst.

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