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Kaiser Chiefs – The Future is Medieval

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? Nach dem tendenziellen Reinfall Off With Their Heads schicken Ricky Wilson und Co. 20 Songs zur Revolution der Musikbranche aus. Bei der brillanten Idee hinter The Future is Medieval kann schon mal verblassen, dass sich aus dem bereit gestellten Ausgangsmaterial ein tolles Album basteln lässt. Oder eben mehrere.

Nachdem ‚Off With Their Heads‚ kaum jemand rundum überzeugen konnte – keine perfekten Pophymnen wie auf ‚Employment‚ vorhanden,  trotz namhafter Beteiligungen künstlerisch ein eher laues Lüftchen der Belanglosigkeit und vor allem: kein Ballermann Nachfolger für ‚Ruby‚! – musste sich wohl etwas tun, im Funpark der Kaiser Chiefs. Tatsächlich fallen die Engländer um Ricky Wilson deswegen gleich mit der potentiell besten Crashkollision des Web 2.0 und der Musikindustrie seit Radiohead’s ‚In Rainbows‚ mit der Tür ins Haus.
Das Prinzip, nachdem ‚The Future is Medieval‚  funktioniert, ist dabei ebenso simpel wie genial.
20 Songs haben die Männer aus Leeds aufgenommen und produziert, alle nachfolgenden Schritte zur fertigen Platte sparen sie dann jedoch aus. Und überlassen die dem Fan.
Sprich: welche zehn Songs ‚The Future is Medieval‚ nun füllen, darf jeder für sich entscheiden.
Dazu reicht es, auf die Bandeigene Homepage zu surfen, aus dem vorhandenen Songpool die zehn Favoriten auszuwählen – probehören natürlich möglich, man kompiliert ja nicht die Katze im Sack! – und nach eigenem Gutdünken in Reih und Glied zu Staffeln. Das dazu passende Cover lässt sich natürlich auch noch individuell gestalten und für 7,50 Pfund darf sogleich gedownloaded werden. Der Clou dabei: Jeder kann die von anderen Fans erstellte Albumkompilationen downloaden, was dem jeweiligen Bastler mit einem Pfund rückvergütet wird. Theoretisch ließe sich mit der selbst erstellten ‚The Future Is Medieval‚ Mischung also sogar Geld verdienen.

Theoretisch natürlich. Denn wo der Witz bei einem Album zum Selberbasteln liegt, dass man sich schlußendlich doch von jemand anderem zusammenschrauben lässt, sei dahingestellt. Dazu kommt der Fakt, dass man ‚The Future is Medieval‚ ausschließlich digital erwerben kann, Freunde des haptischen Vergnügens deswegen dabei (noch?) durch die Finger blicken.
Für die Kaiser Chiefs vermutlich egal, aus finanzieller Hinsicht dürfte ‚The Future is Medieval‚ ein programmierter Erfolg sein; Jedwede Produktionskosten abseits jener der musikproduzierenden fallen vollends weg, dazu spart man sich jedwedes Marketingbudget – die Art und Weise der Albumveröffentlichung allein wird wohl zwangsweise den Weg in die Medien finden, unabhängig davon, ob die Kaiser Chiefs hiermit wiedereinmal die Charts entern sollten. Vor allem, daher sich schon abzuzeichnen beginnt, dass wer etwas auf sich hält, die eigene Kaiser Chief Kompilation präsentiert.
The Future is Medieval‚ ist so wohl ein knallhart kalkulierter, jedoch nichtsdestotrotz auch ebenso mutiger wie progressiver Schritt der Ohrwurmgaranten.

Ohrwurmgaranten? Genau, da war ja mal was. Bis zu ihrem dritten Album ‚Off With Their Heads‚ durfte man die Kaiser Chiefs getrost als ebensolche bezeichnen, speiste sich doch vor allem das Debütalbum aus unwiderstehlich simplen Indierockhits. Bereits für das Zweitwerk ‚Your´s Truly, Angry Mob‚ tauschte man diese gegen den einen großen Hit samt zahlreicher gefälliger Songs. Wovon ‚Off With Their Heads‚ schließlich nur träumen konnte und trotz Mark Ronson, David Arnold und Lilly Allen im kreativen Niemandsland bagatellisierte.
Mit dem veröffentlichungstechnischen Befreiungsschlag scheint jedoch ein kreativer mit einher gegangen zu sein. Tatsächlich finden sich unter den 20 bereitgestellten Songs für ‚The Future is Medieval‚ solcherart wieder, wie die Kaiser Chiefs sie wohl schon auf dem Drittwerk veröffentlichen wollten. Nur dass die Rechnung diesmal deutlich besser aufgeht.
Keine „Nanananana“ getriebenen Songs mehr, keine „Ohohoho“-Refrains (auch wenn der langgezogene Vokal immer noch bevorzugt wird), keine Kindergartengerechten Simpelmelodien mit Holzhammerohwurmattacke. Nein, die Kaiser Chiefs haben auch wieder keinen Nachfolger für ‚Ruby‚ geschrieben, selbst ‚I Predict a Riot‚ muss bei Revolten weiterhin alleine skandiert werden.
Stattdessen entpuppen sich die neuen Kaiser Chiefs Songs als weitaus nachhaltigere Kompositionen, positionieren sich näher an den großen englischen Bands der letzten zwei Jahrzehnte und damit dem Britpop und schreiebn sich Tradition statt Zeitgeist auf die Banner.
Gute Melodie sind dabei natürlich wieder im Überfluss vorhanden, doch lassen die Arrangements den Songs mehr Luft zu atmen, potentielle Chartstürmer gehen geradezu gemächlich mit ihren Hooklines um, der Haudraufhit wird gegen eine generell höhere Halbwertszeit getauscht. Kein schlechtes Geschäft. Vor allem, da Album Nummer Vier sich immer noch zu einem unfassbar catchy Staffellauf der tollen Popsongs formen lässt.
Waren Kaiser Chief Alben jedoch bisher wie ein Kongress von Sprintern, simuliert `The Future is Medieval` einen ebensolchen von Marathonläufern. Dass dem einen oder andern Song dennoch die Puste ausgeht? Lässt sich ja nun selbst regulieren.

Freilich will gesiebt werden, nicht jeder der 20 Songs ist gleichermaßen hochwertig, auch wenn der Level im direkten Vergleich zu ‚Off With Their Heads‚ geradezu drastisch gestiegen ist.
Einen schleppenden, nahezu epischen Midtemporocker wie ‚Child of the Jago‚ hatte das Drittwerk ja nun nicht zu bieten, eigentlich noch kein Kaiser Chiefs Werk. Typischer ist da schon der wild hüpfende Stakkatohit ‚Problem Solved‚. Wenn auch nicht für ‚The Future is Medieval‚, denn hier mischen trotz deutlicher 90er Jahre Britrockaffinitat auch 80er lastige Keyboardeskapaden mit, auch leicht psychedelische Exzesse sind dadurch möglich (man höre etwa die Videosingle Little Shocks ). Und derart charmante Beatlesreminiszenzen wie ‚When All Is Quiet‚ zustande bringt, haben früher Blur Alben ausgemacht und auf ‚Off With Their Heads‚ noch nicht funktioniert. Und weil mit ‚If You Will Have Me‚ sogar der kleine Bruder von ‚Love is not a Competition (But I´m Winning)‚ im Songpool bereit steht, ist das Auswahlverfahren ein schweres.

Und ein ebenso Unterhaltendes. Den Kaiser Chief gelingt mit ‚The Future is Medieval‚ nicht nur ein gutes Britrock Album, sondern vor allem der Schulterschlag zwischen Unmittelbarkeit und Musik als reinem Erwerbsobjekt.
Dass nicht jeder der vorhandenen Songs gleich gut ist – mehr noch, manch einer nur insofern  zweckdienlich erscheint, um dem Kompilierungsprinzip zu dienen – tut dem erfrischenden Grundgedanken keinen Abbruch.
Eine Platte zu veröffentlichen, die sich zu weiten Teilen den Geschmäckern der Käufer nachformt und sich in ihrer Gesamtheit nicht in letzter Konsequenz dem Wunsch des Künstlers unterwirft. Das kann man anbiedernd oder mutig nennen.
Die Kaiser Chiefs sind jedoch offenbar gewillt, eigene musikalische Visionen ebenso einzutauschen, wie ihre Platten bewusst an den Charts vorbei zu hieven.
Und wofür?
Vielleicht ja für einen kleinen Blick in die Zukunft der Musikindustrie.

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