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Läuft der Laden?

Der ORF ist mit der Serie „Der Laden läuft“ nun auch auf den Reality-Soap-Zug aufgesprungen. Nachdem die österreichischenPrivatsender mehr als erfolgreich mit Elends-Watching sind, muss der ORF natürlich nachziehen. Denn Kultur und Masse, das verträgt sich bekanntlich nicht. Weil es sich für einen öffentlich-rechtlichen Sender nicht schickt, Jugendliche beim saufen und/oder gebären zu filmen, sieht man ihnen also beim Verzweifeln zu:

Barbara Reichard berät in ihrer Funktion als „erfolgreiche Unternehmerin“ Unternehmen, die kurz vor dem Ruin stehen.

Aufgebaut ist die Sendung ganz einfach: zuerst wird ausgedehnt geschildert, wie schlecht der Laden läuft, wie wenige Kund_innen es gibt und wie unzufrieden und zerstritten die Mitarbeiter_innen sind – Effekt: das Laben am Unglück der anderen. Dann kommt Frau Reichard, analysiert den Aufbau des Ladens (inklusive Sauberkeitsfaktor), die Stimmung im Team und die budgetäre Situation. Und dann wird gehandelt: die Probleme unter den Mitarbeiter_innen werden angesprochen, und dann werden die Möbel im Laden umgestellt. Zum Schluss gibt’s eine Party zur Neueröffnung.

Im Prinzip geht es darum, Menschen zuerst beim Versagen und dann bei ihrer triumphalen Rettung zuzusehen. ATV-Reality-Soap auf marginal höherem Niveau.

Wie sehr eine Besitzerin von Beauty-Läden dafür geeignet ist, etwa einem Modellflugzeugladenbesitzer sein Geschäft zu erklären, ist fraglich.

Bedenken äußert auch die Wirtschaftskammer, wie „trend“ berichtet: Der Vertreter der professionellen Consulter_innen, Alfred Harl, droht mit rechtlichen Schritten, denn:

„Frau Reichard darf das nicht machen. Sie wird Probleme mit dem Gewerberecht bekommen. Sobald sie Ratschläge gibt, kriegt sie 0Probleme, da sind die Anwälte gleich da“

Sobald sie eine Firma aus der Patsche helfe, sei sie in der Rolle einer Unternehmensberaterin, wofür sie aber keinen Gewerbeschein besitzt.

Zugegebenermaßen finden sich unter den Vorschlägen von Reichard auch sinnvolle – etwa, dass Artikel nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt sein oder Preise nicht mehr in Schilling angegeben werden sollten. Aber zu dieser Erkenntnis kommt man auch mit etwas Hausverstand.

Warum der ORF eine Person als Beraterin für Unternehmen engagiert hat, die keine Unternehmensberaterin ist, ist unklar. Auch nicht, ob die berateten Unternehmen tatsächlich wiederbelebt bleiben. Aber wer weiß, von wem sich der ORF bei der Expert_innensuche beraten hat lassen.

Foto: enterprise.orf.at

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Comments (1)

  1. LukasW21. Februar 2011 Antworten
    Ich kenne die Sendung und bin von der Nachricht, dass diese Frau Reichard keine Unternehmensberaterin ist, etwas verwundert! Wobei, irgendwie klaro. Denn in solchen Reality-Formaten wollen die Zuseher jemand Erfolgreichen sehen, der in der Branche anderen zum Erfolg verhilft. Ob die Frau Reichard nun wirklich erfolgreich ist, oder nur als erfolgreich verkauft wird, spielt da keine Rolle. Ein Unternehmensberater wäre zu seriös, zu abgehoben für die meisten Zuseher. „Die Großkopferten können ja leicht reden“, würd´s dann heißen. Also lieber jemanden von der „Front“ engagieren.

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